Blasphemie oder der Wert des Verbietens

Nun neigt sich auch meine zweite Urlaubswoche dem Ende zu – und ich habe es tatsächlich geschafft, die Finger vom Laptop zu lassen. Aber heute ist das schöne Wetter ja ohnehin alle – angesichts der grauen Wolken bin ich jetzt doch eingeknickt und habe den Klapprechner angeworfen. Und beim Lesen der Schlagzeilen auf den einschlägigen Newsseiten im Internet habe ich sofort wieder dieses „Alles-so-wie-immer“-Gefühl: Der Euro muss weiterhin mit allen Mitteln gerettet werden, die Griechen sparen sich kaputt, was natürlich nicht reicht und streiten deshalb, wo sie sich noch kaputter sparen könnten. Überhaupt muss überall gespart werden, bis es quietscht, nur beim Rettungsschirm nicht, der muss logischerweise unendlich groß sein, egal, was Gerichte und Parlamente an theoretischen Begrenzungen beschließen werden. Weiterhin unübersichtliche Lage in Syrien – und Kofi Annan will nicht mehr Sondervermittler in einem Konflikt sein, in dem nicht klar ist, was wem zu vermitteln ist.

Und der Organspende-Skandal weitet sich aus. Ich frag mich, wie er das macht, der Skandal. Der muss ja ein interessantes Eigenleben haben. Denn Mediziner tun so etwas eigentlich nicht. Herummauscheln mit Patienten-Akten und derlei unethisches Zeug. Mediziner sollen Leuten das Leben retten und nicht einfach nur mehr Geld verdienen wollen, in dem sie lieber bestimmten Leuten das Leben retten als anderen. Wenn sich Mediziner so verhalten, wie es vom Homo oeconimicus nach der gängigen Lehre ganz allgemein erwartet wird, ist das ein Skandal. Warum soll aber ausgerechnet ein Medizin-Professor ein besserer Mensch sein als der durchschnittliche FDP-Anhänger? Der ist doch genau die Zielgruppe! Warum das mit dem Organe-Spenden in einer kapitalistisch organisierten Welt zwangsläufig nichts mit Nächstenliebe zu tun hat, habe ich ja an anderer Stelle schon geschrieben.

Eine halbwegs gute Nachricht immerhin: Putin hat eine milde Strafe für Pussy Riot gefordert. Die drei Protest-Punkerinnen waren Ende Februar in die Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale gestürmt und hatten von der Kanzel herab in einer Art Punk-Gebet gegen Putin protestiert. Dafür wurden sie umgehend eingeknastet und warten nun auf das Urteil – ihnen drohen wegen Rowdytums bis zu sieben Jahre Haft. Gut findet der Kremlchef die Aktion der drei Protestlerinnen zwar noch immer nicht, äußerte sich aber bei seinem Besuch in London versöhnlich. Die drei jungen Frauen hätten ihre Lektion bereits gelernt, weshalb er denke, dass das Urteil nicht zu hart ausfallen sollte. Die Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche sehen das allerdings anders und verlangen eine harte Bestrafung der Blasphemikerinnen.

Damit befinden sie sich auf einer Wellenlänge mit hiesigen Kirchenmännern – der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat ja kürzlich erst ein Blasphemie-Verbot gefordert. Wobei es das durchaus schon gibt, laut § 166 StGB kann, „wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören“ mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft werden.

Ob der Erzbischof mit seinem Vorstoß wieder mehr Leute in seine Glaubensspelunke locken kann, wage ich zu bezweifeln. Ein zünftiger Auftritt vermummter Punkerinnen wäre da gewiss öffentlichkeitswirksamer. Aber darum geht es allerdings gar nicht, es geht um den Wert des Verbietens an sich, wie Martin Mosebach vor ein paar Wochen festgestellt hat. Denn das Risiko, bestraft zu werden, wenn man etwas Verbotenes tut, steigert den Wert der Tat ungemein. Meint Mosebach. Insofern war der Auftritt von Pussy Riot sehr viel größere Kunst als dieser eigenartige Essay des Herrn Mosebach, der damit ja nicht die Bohne riskiert hat. Insofern kann ich ihm selbst den widerwilligsten Respekt problemlos versagen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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