Vorwärts in die Vergangenheit: Homo-Ehe und Stasi-Software

Ach ja, die Konservativen! Die haben es nicht leicht. Vor allem, wenn jetzt auch noch Schwule und Lesben konservative Werte leben wollen. Ich habe ja eh nicht kapiert, was daran fortschrittlich sein soll, wenn homosexuelle Paare auch heiraten wollen und können. Dass die einen solchen Spießerkram überhaupt nötig finden! Die sollen doch froh sein, dass sie nicht heiraten müssen, weil ihnen da ein blödes Missgeschick passiert ist. Aber okay, die politische Einstellung muss offenbar keineswegs mit der sexuellen Neigung übereinstimmen. Politik und das wahre Leben sind ohnehin Dinge, die nicht gut zueinander passen.

Überhaupt bin ich der Ansicht, dass man gerade aus Liebe keinesfalls heiraten sollte – wenn man sich erst einmal auf Leben und Tod aneinander gekettet hat, ist es mit der Liebe schnell vorbei. Aber jeden Tierchen sein Pläsierchen, wie es so schön heißt. Und der Staat belohnt diese besondere Form des Masochismus auch noch mit erklecklichen Steuererleichterungen – jedenfalls bei heterosexuellen Paaren. Die müssen dafür nicht mal Kinder kriegen, heiraten reicht. Drum ist auch eigentlich nicht einsehbar, warum homosexuelle Paare nicht von diesem Steuergeschenk profitieren sollten, wenn sie doch ebenfalls in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben. Besser wäre natürlich, wenn das unzeitgemäße Steuerprivileg für Eheleute abgeschafft würde – es ist ja empirisch bereits bewiesen, dass es nicht dazu beiträgt, dass die Leute deshalb mehr Kinder bekommen und aufziehen würden. Im Gegenteil – obwohl nicht verheiratete Eltern vom Staat finanziell erheblich benachteiligt werden (insbesondere, wenn sie schlecht verdienen), kommen immer mehr nichteheliche Kinder auf die Welt. Und sogar Leute, die sich eigentlich gar keinen Nachwuchs leisten können, sind nicht davon abzuhalten, welchen zu bekommen!

Aber angesichts dieser Tatsachen kommt natürlich kein konservativer Politiker (wobei die Politiker der anderen Geschmacksrichtungen auch nicht viel besser sind) auf die Idee, dann eben die Politik mal nach der Realität auszurichten. Von dem kläglichen Versuch der sächsischen Staatskanzlei mal abgesehen, die versuchen wollte, Wähler mittels eines Stasiprogramms auszuspionieren, das aus Einträgen in sozialen Netzwerken wie Facebook „abstrakte Meinungsbilder ohne Personenbezug“ liefern sollte. Denn wenn man wisse, was die Leute auf Facebook diskutieren, könne man auch die Politik daran ausrichten. Gehts noch?! Schaut doch einfach mal auf die Straße, da seht ihr ganz genau, was die Leute wollen. Die schreiben das sogar auf Transparente und brüllen es ganz laut. Keine Atomkraft, keinen Krieg, kein Blut für Öl, Bildung statt Eurorettung, bessere Schulen/Unis/Kitas, mehr Lohn für weniger Arbeit, gesunde Lebensmittel, niedrige Mieten, keine Privatisierungen und dergleichen mehr.

Liebe Regierung in Sachsen und auch anderswo: Von mir gibt es hier ein ganz konkretes Meinungsbild, allerdings ebenfalls ohne konkreten Personenbezug, denn ich bin ja nicht lebensmüde. Wobei, mein Profil kennt ihr ja: alleinerziehend, werktätig, überqualifiziert, unterbezahlt. Ausgebeutet, steuerlich und auch sonst in vielerlei Hinsicht diskriminiert und mit der Gesamtsituation extrem unzufrieden. Von den zugelassenen Parteien würde ich eh keine wählen, denn um zugelassen zu werden, müssen die Parteien ja auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen und genau die zweifele ich mittlerweile an. Nicht, weil ich die Mehrheit der Menschen prinzipiell für doof halten würde. Aber, weil die Mehrheit in diesem System doof sein muss – sonst würde sie es ja nicht ertragen, sondern ändern! Demokratie und Freiheit sind dämliche Phrasen, die von Gesundbetern wie Ex-Pastor und Deutschlandvorsteher Gauck zwar ständig als Allheilmittel angepriesen werden, von denen man aber kein bisschen leben kann. Teilhabe und Genuß, das wären doch mal Werte, von denen man was hat. Freude am Leben und Freundschaft. Wertschätzung und Verlässlichkeit. Gutes Essen und eine gesunde Umwelt für alle. Genug Zeit für sich selbst und für andere. Es gibt viele Dinge, für die es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Aber Demokratie und Freiheit sind das ganz bestimmt nicht. Und gewisse Steuervorteile für abgefuckte Lebensmodelle schon gar nicht.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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