Der Fehler liegt im System

Über die Verschwendung von Lebensmitteln wird immer wieder geklagt – und es ist ja nun wirklich ein Skandal, dass etwa ein Drittel der Gesamtproduktion von Lebensmitteln nutzlos verdirbt oder gar vernichtet wird, während noch immer Millionen Menschen hungern. Gerade las ich im Freitag einen entsprechenden Artikel von Jan Lundqvist, dem Direktor des Stockholm Water Institute. Und ich möchte betonen, dass ich Herrn Lundqvist nur die besten Absichten unterstelle. Trotzdem muss ich seine Sicht der Dinge kritisieren, denn leider kommt die eigentliche Ursache des von ihm treffend beschriebenen Übels in seiner ansonsten interessanten Analyse nur am Rande vor.

geschossener Salat

Misslungener Versuch nachhaltig Salat anzubauen.

Nachdem Lundqvist belegt, dass es weltweit keinen Mangel, sondern noch immer deutliche Überschüsse bei der Produktion von Nahrungsmitteln gibt, stellt er zutreffend fest, dass die Ursache für die steigende Zahl von Menschen mit „unsicherer Ernährungslage“ in deren Armut besteht. Die ärmste Milliarde der Menschheit habe aufgrund mangelnder Kaufkraft nur begrenzten Zugang zu den erzeugten Lebensmitten und anderen lebenswichtigen Dingen und Dienstleistungen. Diese Situation findet er bedauerlich. Das ist sie ja auch. Lundqvist findet, dass es ökonomisch schlichtweg unvernünftig sei, ein Drittel eines Produkts wegzuwerfen, dessen Herstellung so viel Anstrengung und Ressourcen gekostet hätten. Und stellt die an sich richtige Frage, warum Konsumenten und Entscheidungsträger das akzeptieren sollten.

Leider kommt er aber nicht auf die richtige Antwort: Weil unser Wirtschaftssystem eben nicht auf die größtmögliche Effizienz hinsichtlich der eingesetzten Ressourcen ausgerichtet ist, auch wenn das Ökonomen unverdrossen und absolut kontrafaktisch behaupten: Wichtig ist nur, dass das eingesetzte Kapital am Ende möglichst viel Gewinn abwirft. Und weil man mit der Spekulation mit Nahrungsmitteln sehr viel mehr verdienen kann, als mit der Erzeugung und dem Verkauf der Produkte, landet der Mais nicht auf dem Teller, sondern im Silo, im Tank oder auf der Müllhalde.

Insofern wird Lundqvist mit seinem Vorschlag, es doch endlich mal mit einem „neuen und wesentlich pragmatischeren Ansatz“ zu versuchen, ins Leere laufen. Davon mal abgesehen, dass dieser pragmatischere Ansatz keineswegs neu ist: In sozialistischen Ländern wurden Nahrungsmittel tatsächlich für die Versorgung der Menschen produziert. Ja, es kam dabei auch zu Fehlplanungen und Verschwendung, während es andererseits an einigen Dingen mangelte. Aber alles in allem ist genau dieser Ansatz vernünftig und effizient.

Denn genau dieser Irrsinn, nur für den Markt zu produzieren, anstatt für die Versorgung der Menschen mit dem was sie brauchen, führt zwangsläufig zu der absurden Situation, dass es einerseits eine haarsträubende Überproduktion gibt und andererseits jede Menge Menschen nichts zu essen bekommen, weil sie sich nicht mal den billigsten Fraß leisten können. Es ist nun einmal für die Marktwirtschaft nicht effektiv, die eingesetzten Ressourcen optimal zu nutzen, wenn der Preis am Ende nicht stimmt. Und der stimmt nun mal nicht, wenn sich jeder, aber auch jeder das zum Leben benötigte Zeugs einfach leisten kann. Sondern dann, wenn es genügend Leute gibt, die einen genügend hohen Preis zahlen, damit sich das Geschäft lohnt.

Solange sich auch die engagiertesten Aktivisten für eine bessere Welt davor drücken, die eigentlichen Ursachen für die herrschenden hässlichen Umstände zu benennen, wird sich nichts Grundlegendes ändern. Egal wie zutreffend und eindringlich sie diese Umstände auch beschreiben und beklagen. Es liegt eben nicht an irgendwelchen gern bemühten Transport- oder Lagerproblemen, die Landwirte in armen Ländern haben, um ihre Produkte auf irgendwelche Märkte zu bringen. Es liegt daran, dass es überhaupt arme Länder gibt – obwohl dort genügend Lebensmittel für die Bewohner angebaut werden könnten, die nur leider zu arm sind, um sie zu kaufen. Wenn einfach produziert würde, was gebraucht wird, gäbe es überhaupt kein Lager- und Transportproblem, weil die Leute sich dann einfach holen, was sie brauchen. Nur funktioniert auf diese Weise kein Kapitalismus – und damit der funktioniert, gibt es eben kein Freibier (oder Brot) für alle, sondern genau jene schwachsinnige Verschwendungsorgie, die immer wieder beklagt wird.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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4 Antworten zu Der Fehler liegt im System

  1. blakkorange schreibt:

    word

  2. erikschueler schreibt:

    Zu dem Verschwendungsproblem gibt es ja noch die steigende Zahl an Menschen. Mit unseren heutigen Ressourcen könnten wir problemlos 10 Milliarden Menschen ernähren, aber wir kriegen es nicht mal fertig 7 Miliarden vorm Hungertod zu bewahren. Ich bekomme immer bei den Gedanken Bauchschmerzen. Volker Pispers sagte mal bei einem seiner Auftritte: „Auf dem Grabstein des Kapitalismus wird mal stehen: Zu viel war nicht genug.“

    • modesty schreibt:

      Das hat Pispers ja einmal mehr genial zusammengefasst. Aber: Die steigende Anzahl der Menschen ist, wie du selbst ja sagst, eben nicht das Problem, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Unser perverses Wirtschaftssystem ist das Problem – zu viel ist eben nicht genug, wenn zu viele deshalb zu wenig haben.

  3. KHM schreibt:

    Anlässlich von Lampedusa und zeitlich abgestimmt zum Höhepunkt der weihnachtlichen Spendenkampagnen machen wir in Auszügen einen älteren Text (1994) zugänglich, der sich mit der Frage befasst, was dafür sorgt, dass Massen an Weltbevölkerung nichts haben und auf nichts setzen können als irgendwelche Regungen von Humanismus in den Zentren des kapitalistischen Reichtums:

    1 Papst, 2 Milliarden Arme, 500.000 Kapitalisten, 500 Asylrichter, 4 Millionen deutsche Arbeitslose, 100.000 Grenzschützer …

    Wer ist hier zuviel? (GS 4-94)

    1
    Der Kapitalismus scheidet die Menschen einer Gesellschaft von allen natürlichen Lebensbedingungen und macht ihre Existenz – also auch ihre Anzahl – abhängig von seinem Erfolg. Dieser Erfolg liegt im Wachstum des privaten Reichtums, das die kapitalistischen Eigentümer im Konkurrenzkampf gegeneinander erzielen. Deren Bedarf an Lohnarbeit sorgt für Bevölkerung. Die immer effektivere Ausbeutung der bezahlten Arbeit – das Konkurrenzmittel der kapitalistischen Produktion – macht periodisch und insgesamt Arbeitskräfte überflüssig, sorgt also für Überbevölkerung.

    2
    Der Imperialismus – die Unterwerfung der ganzen Welt unter die Interessen des kapitalistischen Privateigentums durch die Staatsgewalt der kapitalistisch erfolgreichen Nationen – sorgt für weltweit ungleiche Bevölkerungs- und Überbevölkerungsverhältnisse. In den Ländern der sogenannten 3. Welt wird die Bevölkerung von allen natürlichen Subsistenzbedingungen „emanzipiert“, ohne daß eine Benutzung durchs weltweit herrschende Geschäftsleben, ein Bedarf nach Arbeitskraft, bestände oder auch nur absehbarerweise zustande käme. Die Unterwerfung dieser Leute unter den weltweiten Kapitalismus und seine zivilisatorischen Errungenschaften ist rein negativer Art: Sie sind den Kriterien eines nützlichen Dienstes am Kapital subsumiert, aber keinem Bedarf. Ihre Armut ist absolut – das ist der gesellschaftlich gültige Beweis, daß sie schlechthin „zuviele“ sind. In den Elendsquartieren der 3. Welt sammelt sich die absolute Surplus-Weltbevölkerung.

    [Mehr lesen im Dateianhang]

    http://bremen.argudiss.de/?q=node/148

    Gründe für die Überbebvölkerung_Auszug (GS 4-94):

    http://bremen.argudiss.de/sites/default/files/GegenStandpunkt%20%20Heft%204-1994,%20Gründe%20für%20die%20Überbevölkerung_Auszug_0.odt

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