Barrikaden am Wedding

Durch Zufall bekam ich das Buch Barrikaden am Wedding von Klaus Neukrantz in die Hände. Dieses schmale Buch, das 1931 erschien, wurde umgehend nach seiner Erscheinung verboten. Es erzählt die Geschichte der Arbeiter in Wedding, die am 1. Mai 1929 um ihr Recht auf ihre bereits seit 40 Jahren stattfindende Erste-Mai-Demonstration kämpften.

Der Aufstand der Arbeiter in Wedding und in Neukölln und seine blutige Niederschlagung durch Polizei und Militär ging als „Blutmai 1929“ in die Geschichte ein. Zehn Jahre nach der missglücken Revolution nach dem Ende des ersten Weltkriegs wartete die deutsche Staatsmacht förmlich darauf, dass sich eine Gelegenheit ergeben würde, den immer stärker werdenden und gut organisierten Kommunisten einen entscheidenden Schlag zu versetzen.

Ende der Zwanziger Jahre war die innenpolitische Lage in Deutschland so aufgeheizt, dass es immer wieder Unruhen und Gewaltausbrüche gab. Während weite Teile des Bürgertums wieder zu Wohlstand kamen, ging es den Arbeitern weiterhin schlecht. In Berlin, das in jener Zeit als eine der modernsten Städte der Welt galt, mit S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn, Telefonnetz, einer avangarden Kunst- und einer ausschweifenden Partyszene, stießen die Gegensätze besonders brutal aufeinander: Auf der einen Seite die Großindustriellen, die Theater- und Filmstars, die ein überaus luxuriöses Leben führten, mit allen Bequemlichkeiten, die der rasante Fortschritt bot, auf der anderen Seite die unzähligen Arbeiter in ihren elenden Massenquartieren, die zwar 10 oder 12 Stunden am Tag schufteten, davon aber kaum eine Familie ernähren konnten. Während die Bürgerkinder in idyllischen Villenvierteln aufwuchsen, sahen die Arbeiterkinder in ihren engen Hinterhöfen kaum einmal Tageslicht. Rachitis und Schwindsucht waren weit verbreitet, viele Kinder, aber auch ihre Eltern waren durch Unterernährung und Überarbeitung gezeichnet; viele starben früh. Es gab zwei starke Bewegungen, die um die kleinen Leute warben: Die Kommunisten und die Nazis. Während die einen das Wohl der Arbeiter auf der ganzen Welt im Blick hatten, wollten die anderen nur, dass es den deutschen Arbeitern besser ginge – ohne die Privilegien der besitzenden Klasse anzutasten.

Wie die Sache ausgegangen ist, dürfte bekannt sein: Die Herrschenden sorgten dafür, dass die Nazis an die Macht kamen und ihnen die Kommunisten vom Hals schafften. Das taten sie dann auch mit deutscher Gründlichkeit, zusammen mit Millionen anderer Menschen, Juden, Osteuropäer, Schwule, Künstler, jene, die nicht in das wahnhafte Weltbild der Nazis passten. Doch im Mai 1929 trugen die kommunistisch organisierten Arbeiter den Sieg davon, obwohl die Arbeiter nahezu unbewaffnet den Karabinern und Maschinengewehren von Polizei und Reichswehr gegenüberstanden und zahlreiche Opfer zu beklagen hatten.

Was kann man also von diesem Buch lernen?

– Wie dreckig es den Arbeitern in den angeblich goldenen Zwanziger Jahren ging.

Immerhin, die Not schweißte zusammen – am Anfang des Buches gibt es eine Episode, in der ein Gerichtsvollzieher den Räumungsbefehl für eines der elenden Arbeiterquartiere vollziehen soll. Er findet in der Wohnung kaum etwas, das sich zu Räumen lohnte vor, dafür aber ein schwindsüchtiges Kind, das bald sterben wird. Schnell spricht sich herum, dass der Gerichtsvollzieher da ist. Die Leute im Haus, die zum großen Teil selbst schon den Räumungsbefehl auf dem Küchentisch haben, weil sie seit Monaten die Miete nicht mehr zahlen können, überreden die drei Möbelpacker, selbst Gelegenheitsarbeiter, den Job nicht zu machen. Es wird Kaffee gebracht und Butterstullen, man schiebt ihnen ein paar Zigaretten in die Taschen. Jeder weiß, dass sie auf den mageren Lohn genauso angewiesen sind wie alle anderen. Ein älterer Arbeiter spricht mit ihnen, erklärt die Lage. Die drei räumen die Wohnung nicht, der Gerichtsvollzieher muss unverrichteter Dinge abziehen. Für dieses Mal war die Solidarität der Arbeiter stark genug.

– Wie brutal die Staatsmacht gegen ihre erklärten Feinde vorgeht. Auch altegediente Polizisten, die sich weigerten, auf unbewaffnete Arbeiter zu schießen, wurden wie Verräter und Staatsfeinde behandelt. Dennoch gab es einige, die sich weigerten und damit ihre Karriere, und damit auch ihre sichere Position samt Altersversorgung aufs Spiel setzten.

– Was von der SPD zu halten ist. Während sich die bürgerliche Presse damals zumindest über die Brutalität der Staatsgewalt gegen die Arbeiter entsetzte, geiferte die sozialdemokratische Presse gegen Moskau und die Kommunisten, als hätten diese einen Krieg vom Zaun gebrochen, während es faktisch doch die Gegenseite war, die unter friedlichen Demonstranten ein Blutbad angerichtet hatte. „Wer hat uns verraten – die Sozialdemokraten!“ zu etwas anderem wird diese Partei nie fähig sein.

Und letztlich, warum es für die arbeitende Bevölkerung der Welt nur die Option gibt, auf eine kommunistische Bewegung zu setzen, wenn sie eine nachhaltige Verbesserung ihrer Situation erreichen will. Alles andere führt am Ende in die Krise, zu immer neuen Abhängigkeiten, zu Elend und Krieg.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Barrikaden am Wedding

  1. Schöner artikel – und vor allem eine tolle sache, daß man das buch bei http://nemesis.marxists.org/ kostenlos und in voller länge lesen kann. Wenn man weiß, wie das geht, kann man es sogar schnell für e-book reader umbipsen und es in der schmucken »lesebibel« lesen.

    Korrekt sagt man aber nicht »in Wedding«, sondern »auf dem (bzw. aufm) Wedding«, was damit zu tun hat, daß der Wedding ein gutshof war – und man lebt halt auf einem hof.

    Das buch werde ich auf jeden fall bald lesen, um mehr über den vom sozialdemokraten Grzesinki gebilligten arbeitermord zu erfahren.

    Über Grzesinki ist ein zitat von Horst Hannibal Schmidt (»HoHaSchmi«) überliefert: »Nicht nur die seele baumeln lassen, sondern auch mal den innenminister!«

    • modesty schreibt:

      Ja, das man das Buch kostenlos im Internet bekommen kann, ist schön, deshalb hab ich die Seite ja oben im Artikel verlinkt. Ich denke nur immer nicht daran, dass es so viele notorische Nicht-auch-mal-den-Link-Anklicker gibt, vielleicht sollte ich immer dran schreiben, dass der jeweilige Link toll und wichtig ist 😉

      Das Wed-Ding beziehe ich aber auf die Bezeichnung des Stadtteils, und was das betrifft, kann man sehr wohl in Wedding wohnen und nicht am oder auf. Man wohnt ja auch nicht im Friedrichshain. Oder in der Mitte.

  2. Alfred Casimir schreibt:

    Der Hinweis auf die SPD ist sehr bemerkenswert.
    Wenn man beobachtet ,was nach der Wiedervereinigung von Deutschland in der SPD geändert hat, kommt mancher auf die Idee, Die haben Ihre Vergangenheit wirklich nicht vergessen.
    Dabei meine ich nicht die Basis, sondern die sich selbstgewählte Führungsriege.
    Warum fällt das den ehrlichen Mitgliedern nicht auf ???

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