Dummheit, Geschmacklosigkeit, Religion und Verbote

Als die Menschen in der arabischen Welt Anfang vergangenen Jahres auf die Straße gingen, um gegen ihre eigenen Regierungen und überhaupt die Zustände in ihre Ländern zu protestieren, wurde das „arabischer Frühling“ genannt und die westliche Welt überschlug sich vor Begeisterung. Es mangelte nicht an Lob, Zuspruch und Unterstützung. Und zwar keineswegs nur moralischer.

Jetzt gehen auch wieder Leute in arabischen Ländern auf die Straße, allerdings protestieren sie dieses Mal gegen einen dümmlichen Film, von dem sie sich verunglimpft fühlen – was allerdings nur der Tropfen gewesen sein dürfte, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Denn eigentlich lassen sie ihrem Ärger über die westliche Welt freien Lauf, und gegen die Regierungen bestimmter Länder, von denen sie – zu recht – sich unterdrückt fühlen, allen voran die USA. Im Sudan hat es nun auch eine deutsche Botschaft getroffen. Jetzt kommt allerdings kein Westler auf die Idee, den Leuten ob ihrer vehement vorgetragenen Meinungsäußerungen auf die Schulter zu klopfen, im Gegenteil, das Entsetzen ist groß und selbstverständlich werden diese Proteste scharf kritisiert.

Nun bin ich ja ganz allgemein keine Freundin der Religion und ganz gewiss nicht der islamischen, und man weiß ja bereits seit der Geschichte mit den dänischen Mohammed-Karikaturen, das der orthodoxe Moslem in Sachen Satire keinen Funken Humor hat. Das an sich ist schlimm, und ich finde keineswegs, dass man auf solch übertriebene Mimosenhaftigkeit auch noch mit übertriebener Rücksichtnahme reagieren muss. Aber es liegt doch völlig auf der Hand, dass diese explosive Reaktion nicht allein auf einen (den Ausschnitten nach, die ich gesehen habe, wirklich dummen und schlechten) Film zurückzuführen sein kann. Hier wird gegen die imperialistische Politik der USA und ihrer Verbündeten protestiert, allen voran natürlich Israel, dessen Besatzungspolitik in Gasa und dem Westjordanland auch ohne dümmliche Filme für reichlich Unmut in der arabischen Welt sorgt. Von der besonderen gegenseitigen Feindschaft zum Iran gar nicht zu reden.

Bezeichnend ist allerdings auch, dass jetzt in Deutschland über ein Verbot jenes Films diskutiert wird. Dass eine Splittergruppe ewiggestriger, die sich in der Pro-Deutschland-Partei zusammen gefunden haben, sich an weiteren Dummheiten und Geschmacklogikeiten ergötzen möchte, ist zwar typisch, aber von der Meinungsfreiheit gedeckt. Wobei ich im Prinzip nichts dagegen hätte, Filme und Sendungen, die dumm und geschmacklos sind zu verbieten – dann müsste aber die ganze RTL-Sendergruppe und beispielsweise diese unsägliche heute-Show abgeschafft werden. Solange aber in diesem Lande ganz generell Dummheit und Geschmacklosigkeiten als Unterhaltung verkauft werden, kann man auf dieser Grundlage schlecht einzelne Filme verbieten, so dumm und geschmacklos sie auch sein mögen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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2 Antworten zu Dummheit, Geschmacklosigkeit, Religion und Verbote

  1. Alfred Casimir schreibt:

    Diese Sichtweise uber die aktuelle Berichterstattung in den kapitalistischen Medien beschreibt
    das Phänomen der modernen Propaganda in vorzüglicher Manier.
    Biedermann und die Brandstifter in ganz moderner Inszinierung lässt grüssen.

    Wir müssen als kritische Bürger in Europa aufpassen, daß die konstruktive Kritik nicht in das Gegenteil von dem was wir eigentlich erreichen wollten, abgleitet.

    Da komm ich mir persönlich vor, wie im Kindergarten, den ich Gott Sei Dank wegen Geldmangel im Elternhaus, nicht besuchen musste.

    Wenn in Kürze unsere “ Sogenannte Führungselite “ nicht ganz schnell den gesunden Menschenverstand einschaltet, erleben wir Alle ein Blaues Wunder.

  2. Bei youtube gibt es einen ca. dreizehnminütigen filmzusammenschnitt, den ich mir nach längerem überlegen nun doch angesehen habe.

    Man kann bei diesem machwerk, das nicht zur satire taugt, den religiösen hintergrund getrost weglassen. Ich kann und will mich in die religiösen gefühle der menschen nicht hineinversetzen. Viel wichtiger ist der abgrundtiefe rassismus der da drinsteckt – und über den kann man sich ehrlich aufregen.

    Herauskommen wird bei der ganzen angelegenheit das blödsinnigst denkbare: Der konsens der religiösen fanatiker, daß man an religion gefälligst nix zu kritisieren hat.

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