Kapital kennt keine Krise

Manchmal hat es auch sein Gutes, wenn die Technik versagt, der Service hinkt und dann auch noch die Batterie leer ist: Da die Werkstatt des Elektromarktes meines schwindenden Vertrauens es nicht geschafft hat, mein nicht mehr ganz aktuelles MacBook vor meinem Urlaub zu reparieren, musste ich halt ohne in den Urlaub fahren – was meiner Erholung durchaus zuträglich war. Auf diese Weise konnte ich den Oktoberanfang fernab von jeglicher Deutschlandfeierei bei wunderbarem Wetter in einer für Flachlandbewohner sehr beeindruckenden Landschaft verbringen und fühle mich zum ersten Mal seit langer Zeit tatsächlich frisch und erholt.

Außerdem hat sich ja nichts geändert: Die Bahn fährt weiterhin mit Verspätung, der Euro bleibt ein Krisengebiet, die Armen sind arm dran und die Reichen werden trotz Krise immer reicher, wie der Blick ins Manager Magazin bestätigt.

Wunderbarerweise hat die aktuelle Schulden- und Euro-Krise kaum Auswirkungen auf die Vermögen der reichsten Deutschen. Im Gegenteil – wer keine Schulden hat, sonden einen Haufen Kohle, der gewinnbringend angelegt wird, kann sich kaum dagegen wehren, dass der Haufen immer größer wird: Das Vermögen der Top 100 wuchs um gut 4 Prozent auf 319,85 Milliarden Euro, im Vorjahr waren es 307,35 Milliarden. In fast allen Branchen wurden teilweise kräftige Zuwächse erzielt. Nur im Einzelhandel und im Finanzsektor sah es nicht so gut aus, was auch kein Wunder ist, denn weil die Masse der Leute mit weniger Geld auskommen muss, können sie weniger in den Supermarkt bzw. auf die Bank tragen. Das juckt die Reichen aber gar nicht: Insgesamt vermehrte sich der Wohlstand der 500 reichsten Deutschen auf über eine halbe Billion und übertrifft damit das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz. Respekt!

Ganz vorn dabei sind weiterhin die Billigheimer Karl Albrecht (inzwischen 92 Jahre alt) sowie die Söhne des 2010 verstorbenen Bruders Theo Albrecht Berthold (58) und Theo junior (62). Die beiden Aldi-Familien bleiben die allerreichsten Deutschen und verfügen wie im Vorjahr über ein Vermögen von 17,20 beziehungsweise 16 Milliarden Euro. Inzwischen habe ich das Aldi-Buch von Andreas Straub vollständig gelesen – es bestätigt tatsächlich sämtliche Vorurteile, die man gegenüber straff organisierten Bereicherungs-Betrieben zu recht hat und enthüllt noch einige interessante Details über ein Angst- und Zwangssystem, das eher an Feudalherrschaft mit grausamen Schärgen als an modernes Management erinnert, was an der Ausbeutungssituation an sich allerdings nichts ändert.

Als größter Verlierer der Rangliste steht in diesem Jahr wenig überraschend die Familie Schlecker da, deren Vermögen in Folge der Schlecker-Pleite um 1,92 Milliarden auf unter 40 Millionen Euro gestürzt ist. Damit sollten die Schleckers aber über den Winter kommen, was man von den Tausenden Schlecker-Frauen nicht sagen kann, die nun auf der Suche nach einem neuen Job sind. Aber wie die über die Runden kommen, ist ja nicht das Problem des Schlecker-Clans. Damit muss jetzt die liebe Allgemeinheit klar kommen, die nun für die Grundsicherung der überflüssig gewordenen Produktionsmittel, äh Menschen, aufkommen muss.

Immerhin gibt es noch eine gute Nachricht: Die Anzahl der Einzelpersonen oder Familien in Deutschland, die mindestens über ein Vermögen von mindestens einer Milliarde Euro verfügen, ist auf 115 gestiegen und hat damit einen neuen Höchstwert erreicht. Ich vermute mal, dass es dafür auf der anderen Seite auch eine Rekordzahl im Bereich der Geringverdiener geben muss, denn wenn die einen so viel haben, kann das ja nur zustande gekommen sein, weil eine Menge andere sehr knapp gehalten werden, aber darüber habe ich im Manager Magazin keine aktuellen Zahlen gefunden.

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Urlaubsfoto: Gleitschirmflieger über dem Hallstädter See

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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