Kein Skandal: Freiheitlich-demokratisches Staatsfernsehen

Skandal: Es gibt doch tatsächlich Leute in der Politik, die versuchen, unsere Medien zu beeinflussen! Der eigentliche Skandal allerdings ist doch eher, dass sich die CSU einen dermaßen bekloppten Parteisprecher leistet. Offenbar hat dieser Hans Michael Strepp nicht kapiert, dass die Medien – insbesondere die von großzügigen Gebührenzahlungen alimentierten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten – ausschließlich dazu da sind, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Zu nichts anderem wurden sie erfunden!

Einstiges Symbol für das Staatsfernsehen schlechthin: Der Fernsehturm neben dem Berliner Alexanderplatz.

Unbeabsichtigt hat der Grünen-Politiker Volker Beck auf den Punkt gebracht, wie ARD und ZDF funktionieren: „Wir haben kein Staatsfernsehen in dem Sinne, dass die Staatspartei dem Fernsehen diktiert, was es berichtet.“ Und das stimmt, denn wir haben ja auch keine einheitliche Staatspartei, sondern bürgerlichen Pluralismus. Genauso haben wir verschiedene Sendeanstalten, die allesamt dem Staatswillen verpflichtet sind. Deshalb muss dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch gar nicht diktiert werden, was es zu berichten hat. Die Politik kann sich schließlich aussuchen, wer berichtet: Die Aufsichtsgremien der deutschen Sender werden von den politischen Parteien besetzt und die vergeben die wichtigen Jobs im Sender. Deshalb ist Hofberichterstattung nicht die Ausnahme, sondern die Regel, insbesondere beim ZDF, das der dunkelschwarze Kanzler Konrad Adenauer als Alternative zu den mitunter für seinen Geschmack zu regierungskritischen Sendeanstalten der ARD eingerichtet hat, um ein verlässliches Sprachrohr zu haben.

Allerdings legte hier das Bundesverfassungsgericht ein Veto ein: Es verbot den Betrieb der Deutschen Fernseh GmbH, an der der Bund mit 51 Prozent und die Länder mit 49 Prozent beteiligt waren und sprach den Ländern die volle Rundfunkkompetenz zu. Diese wiederum beschlossen im März 1961 eine zentrale gemeinnützige Fernsehanstalt öffentlichen Rechts zu gründen. Damit hatte zwar nicht Adenauer seinen Kanzler-Kanal, aber immerhin die Ministerpräsidenten der Länder ihren eigenen Fernsehsender. Und weil nun mal neben CDU/CSU auch Politiker anderer Parteien in wichtige Ämter gewählt werden, weil es in Deutschland freiheilich-demokratisch zugeht, bekommen die natürlich auch Sendezeit. Was aber eigentlich gar nicht schlimm ist, denn genau wie die Regierung regiert, und den Leuten Hartz-IV, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Endlager für Atom-Müll oder was auch immer zumutet, um Deutschland am Laufen und in der Konkurrenz möglichst weit oben zu halten, egal was für Parteien gerade beteiligt sind, so wird das Fernsehen schon dafür sorgen, dass die Regierung weiterhin regieren kann, egal, welche Politiker gerade daran beteiligt sind. Denn das schöne an unserem System ist ja, dass es so und so funktioniert. Die Leute gehen zur Arbeit und zur Wahl und freuen sich, dass sie in so einem wunderbar freien Land leben dürfen, in dem sie im Fernsehen auch mal kritische Berichte sehen können, über all das, was leider noch nicht so richtig gut ist: Gift in der Nahrung oder hässliche Arbeitsbedingungen in Bangladesh oder fiese Diktaturen im näheren und ferneren Osten, denen man endlich die Segnungen von freier Marktwirtschaft und Demokratie beibringen muss.

Dumm nur, wenn einzelne Politiker das nicht kapieren und ihre persönliche Vorstellung von ausgewogener Berichterstattung umgesetzt sehen wollen. Wie jener Bundespräsidenten-Darsteller, der beim Chefredakteur der Bildzeitung anruft. Oder eben der Depp Strepp, der ernsthaft befürchtet, dass ein Bericht über den bayrischen Kandidaten der SPD irgendetwas am System ändern würde. Solchen Nulpen geschieht ganz recht, wenn sie dann weg vom Fenster sind. Das macht allerdings unsere Medien und ihre Berichterstattung nicht besser.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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7 Antworten zu Kein Skandal: Freiheitlich-demokratisches Staatsfernsehen

  1. Alfred Casimir schreibt:

    Mit dieser Beschreibung des voreilenden Gehorsams, was passende Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien betrifft, ist dir ein grosser Wurf gelungen.
    Schade nur, das diese Artikel im Internet keine grosse Beachtung finden.

    Da bleibt nur eins : Bohren, bohren, bohren, bis das Brett durchgebohrt ist.
    Vielleicht finden wir ja dabei die Achillesferse.

    mfg
    Alfred Casimir

    • modesty schreibt:

      Vielen Dank 🙂 Ich fände es ja noch besser, wenn mehr Leute von selbst (also durch selber denken) drauf kommen würden, in was für einem Staat, in was für einer Welt und mit was für einer Medienmaschinerie wir leben. Aber statt dessen regen sich alle über die üblichen Aufreger auf, als ob es sonst nicht mehr als genug geben würde, worüber man sich WIRKLICH aufregen sollte… naja, du hast schon recht: weiter bohren.

  2. Alfred Casimir schreibt:

    Das mit dem Selber denken kannst du vergessen !!!!

    Die Gehirne in Deutschland ticken ganz anders, schau dir mal die neuesten Erkenntnisse
    der Hirnforscher und Neurobiologen an.

    und dazu noch was seit 1945 in unseren Kindergärten und Schulen veranstaltet wurde.

    Mit einem Satz : alle Jahre für die Katz !!!

    Selber Denken geht nur wenn man Glück gehabt hat.

    Damit meine ich Elternhaus, naturwissenschaftliche Lernmethoden kennenlernen und die Fähigkeit zur selbstkritschen Reflexion.

    und ganz wichtig das Pretendergen (sich in jemand hineinverstzen können)

    mfg
    Alfred Casimir

    • modesty schreibt:

      Jeder, der denken will, kann das lernen. Was ich von Hirnforschern wie Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer halte, habe ich an anderer Stelle schon geschrieben:
      https://gedankenerbrechen.wordpress.com/2012/08/27/dinge-die-es-nicht-gibt-digitale-demenz/

      Deshalb habe ich auch die Links auf die Videos entfernt. Ich bin zwar nicht unbedingt für Zensur, aber ich will tatsächlich nicht, dass über meinen Blog Dinge verbreitet werden, die ich für falsch halte.

      • Alfred Casimir schreibt:

        Die Videos waren eigentlich gar nicht für die Öffentlichkeit
        Gut das du Sie aus diesem Blog entfernt hast.
        Mir ging es darum zu zeigen, wie unsere Gehirne grundsätzlich funktionieren, bzw. wie dieses Wissen darüber verstärkt in allen Medien zur Anwendung kommt.
        Wie Gerald Hüther und Manfred Spitzer mit Ihren Forschungsergebnissen und Erkenntnissen umgehen, ist in der Tat sehr fragwürdig.
        So oder so ähnlich funktioniert heute Forschung generell.

        Wenn die These Aufmerksamkeit erzielt, lässt sich richtig Geld damit verdienen.
        Dafür ist Forschung im naturwissenschaftlichen Sinne aber nicht gedacht.

      • Selbstverfreilich waren die videos streng geheim und deswegen über youtube für jeden anschaubar.

        Das blöde an so hirnforschern wie Hüther oder Spitzer ist, daß sie behaupten, daß es willensfreiheit nicht gäbe. Demzufolge sind sie gezwungen, ihre eigenen erkenntnisse für den rest des lebens zu glauben.

        Das ist schon mächtig abstrus.

  3. Nimmst Du die videos raus? Um für so einen schwachfug werbung zu machen, solltest Du Dein blog nicht mißbrauchen lassen.

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