Lohngerechtigkeit ist auch ungerecht

Mit der Financial Times Deutschland ist es bald vorbei, aber wie ich dort heute (6. Dezember 2012) gelesen habe, ist nicht nur die Zeitungsbranche auf dem absteigenden Ast, sondern auch die Zeitarbeitsbranche. Und was ist daran schuld? Die Lohngerechtigkeit!

Die Zeitarbeitsfirmen müssen im kommenden Jahr nämlich Tarifverträge mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi abschließen. Zeitarbeiter sollen dann für gleiche Arbeit auch gleich bezahlt werden – das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist aber ein klassisches Eigentor. Denn natürlich waren Zeitarbeiter nicht nur flexibler, weil man sie heute bestellen und morgen wieder nach Hause schicken kann, sondern auch billiger. Weshalb Unternehmen ihre Stammbelegschaften im großen Stil abgebaut haben. Wozu Tariflohn zahlen?! Die Arbeit kann man schließlich auch von Zeitarbeitern erledigen lassen, die immer wieder ausgetauscht werden, damit sie nicht dauerhaft eingestellt werden müssen. Das war für die Unternehmen dermaßen attraktiv, dass die Politik sich irgendwann doch bemüßigt fühlte, dem einen Riegel vorzuschieben. Denn was nützt der schönste Tarifvertrag, wenn es keinen mehr gibt, dem man überhaupt Tariflohn zahlen muss.

Die Unternehmen werden natürlich nicht müde, über diese Zumutungen zu stöhnen und die Zeitarbeitsbranche selbst jammert auch – denn wenn man den Zeitarbeitern das Gleiche zahlen muss, wie den Festangestellten, dann kann man ja auch gleich Leute zum Tariflohn einstellen. Darüber wiederum wären die etwa 850.000 Zeitarbeiter im Lande gewiss nicht traurig. Zu befürchten ist aber, dass die Unternehmen dann eher auf die jetzt teureren Zeitarbeiter verzichten und halt noch mehr aus den Leuten rausholen, die bei ihnen fest angestellt sind oder auf eine noch stärkere Automatisierung der Produktion setzen – beides ist blöd für die Leute, deren Jobs damit auch noch wegrationalisiert werden. Tariflohn bekommen sie so oder so nicht.

Es in unserem Scheißssystem immer wieder nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Mehr beschissene Jobs oder weniger halbwegs gutbezahlte Jobs? So oder so geht es für viele Menschen nicht gut aus – aber kein Mensch kommt auf die Idee, dann halt das System zu ändern. Schon gar nicht in der FTD. Insofern geschieht es dieser Zeitung total recht, dass sie jetzt wegrationalisiert wird.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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