Die Katastrophe nach der Katastrophe

Gestern stolperte ich über eine Meldung, die mit „Auferstanden aus Katrina“ überschrieben war. Die FAZ berichtete unter diesem reichlich übertriebenen Titel über ein Aufbauprojekt in New Orleans. Weite Teile der Stadt wurden 2005 vom Wirbelsturm Katrina oder korrekter durch Dammbrüche infolge des schweren Hurrikans zerstört. Die Fluten überschwemmten einige tiefer gelegene Stadtteile komplett – zahlreiche Häuser wurden buchstäblich weggespült. Betroffen waren insbesondere Arbeiterbezirke, in denen hauptsächlich Farbige wohnten.

Das ist nicht New Orleans, sondern ein aktuelles Foto aus Berlin Mitte. Ist ja nicht so, dass wir hier keine Baustellen hätten.

Das ist nicht New Orleans, sondern ein aktuelles Foto aus Berlin Mitte. Ist ja nicht so, dass wir hier keine Baustellen hätten.

Das Katastrophenmanagement der Regierung Bush versagte total – schon die Evakuierung der Südstaatenmetropole nach der Sturmwarnung war keineswegs organisiert – den Leuten wurde schlicht gesagt, sie sollten doch bitte schön zu ihrer eigenen Sicherheit aus der Gefahrenzone verschwinden. Wer kein Auto bzw. kein Geld für Benzin oder ein Bus- oder Bahnticket hatte, konnte also überhaupt nicht fliehen. Wer nicht wusste, wo er unterkommen sollte, auch nicht. Gerade diejenigen, die am dringendsten Hilfe benötigten wurden sich selbst überlassen – unter ihnen waren entsprechend die meisten der etwa 1.800 Flutopfer zu beklagen (teilweise kursieren deutlich höhere Zahlen, nach der Katastrophe gingen die Behörden von bis zu 10.000 Opfern aus, noch immer gelten Tausende als vermisst). Zwar sah der Evakuierungsplan vor, dass Menschen, die nicht über eigene Fahrzeuge verfügten, mit Schulbussen evakuiert werden sollten, aber mangels entsprechender Organisation versanken die Busse ungenutzt in den Fluten, während die Leute auf ihren Hausdächern tagelang vergeblich auf Hilfe warteten.

Auch die Versorgung der Geflohenen bzw. Geretteten in den Randgebieten bzw. im Louisiana Superdome (einem riesigen Sportstadion, in das viele geflohen waren) war katastrophal – was Polizei und Nationalgarde allerdings nicht davon abhielt, in den nach der Flut gesperrten Gebieten „Plünderer“ zu erschießen – verzweifelte Menschen, die alles verloren hatten und nach der Katastrophe in verlassenen Supermärkten nach Wasserflaschen, Zahnpasta oder Klopapier suchten, weil sie ja irgendwie weiter leben mussten. Komplett zerstörte Stadtteile wie der Lower Ninth Ward blieben monatelang Sperrgebiet und wurden später komplett planiert – Zehntausende verloren mit ihren Häusern nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Existenzgrundlage.

Die schnell versprochene unbürokratische Hilfe gab es nicht – nicht nur, weil die viele der oft nicht besonders begüterten Hausbesitzer gegen Schäden dieser Art nicht versichert waren. Viele gingen auch bei der staatlichen Katastrophenhilfe leer aus, weil sie die erforderlichen Papiere für den Nachweis eines Eigentumtitels nicht vorlegen konnten – Besitzurkunden, Kaufverträge, Erbscheine – das alles war ja ebenfalls von der Flut fortgespült worden. Und wer nicht nachweisen konnte, dass sein Eigentum abgesoffen war, bekam weder eine Entschädigung, noch Aufbauhilfe.

Zahlreiche Häuser samt der dazugehörigen Grundstücke wurden auf diese Weise „herrenlos“ – für die Verantwortlichen in der Stadt eine fantastische Situation: Weite Flächen des Stadtgebiets waren dank Katrina von einer als eher problematisch empfundenen Bevölkerung (schwarze Proleten, laut der gängigen Vorteile ohnehin zumeist arm, drogenabhängig und kriminell) bereinigt, die man nun mit so ziemlich allen Mitteln an einer Rückkehr hinderte. So wurden auch zentral gelegene Wohnblocks mit Sozialwohnungen (so genannte Housing Projects, die zum Teil noch aus der Zeit der Aufbauprogramme nach Hoovers New Deal in den 30er Jahren stammten) die die Flut relativ unbeschädigt überstanden hatten, erst gesperrt und später abgerissen. Dafür verdienten sich pfiffige Geschäftsleute in Kooperation mit der Baumafia an den Hilfsgeldern aus Washington eine goldene Nase. Gebaut wurde allerdings weniger, in erster Linie wurde abgerissen und kassiert. Noch immer liegen große Bereiche der früher dicht bewohnten Stadtteile brach. Durch die Flutkatastrophe verlor New Orleans fast die Hälfte seiner Bewohner – die Zahl sank von etwa 455.000 vor dem Sturm auf 233.000 im Jahr danach. Im Jahr 2010 wurden allerdings wieder 344.000 Einwohner gezählt.

An dieser Stelle muss ich unbedingt auf die HBO-Serie Treme hinweisen – eine sehr engagierte und mutige US-Fernsehserie über die Katastrophen nach Katrina – und über den für New Orleans typischen Jazz. Darin werden verschiedene Geschichten von Bewohnern der Stadt erzählt, in erster Linie Musiker und ihre Freunde und Familien, die versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, ständig aber mit neuen Widrigkeiten zu kämpfen haben. Eine sehenswerte Mischung aus Drama, Politkrimi, Sozialdoku und viel Musik, ein tolles Drehbuch umgesetzt mit fantastischen Schauspielern – all das, was man im deutschen Fernsehen so bitterlich vermisst.

Aber eigentlich ging es in dem Artikel um die Make it right Foundation, 2007 von Brad Pitt gegründet, die nach und nach ihr Versprechen einlöst, 150 Modellhäuser im Lower Ninth Ward zu bauen. Diese sollen nicht nur nachhaltig und energieeffizient sein, sondern auch weiteren Fluten stand halten, weshalb sie Pfahlbauten sind, damit das Wasser unter ihnen hindurch fließen kann. Renommierte Architekten aus aller Welt wurden aufgerufen, entsprechende Entwürfe einzureichen. Ein paar Dutzend Häuser sind inzwischen fertig. Das hilft zwar den ehemaligen Bewohnern des Lower Ninth Ward nicht wirklich, aber immerhin passiert irgendwas.

Auf der Internet-Seite von Make it right kann man natürlich auch für alles Mögliche spenden – angefangen von 10 Dollar für eine LED-Lampe bis hin zu einem kompletten Einfamilienhaus für 150.000 Dollar. Es ist ja klar, dass derartige Initiativen nicht nur von (reichen) Privatleuten angeschoben werden müssen, das Geld kommt natürlich auch von privaten Spendern (die nicht besonders reich sein müssen) und nicht vom ewig klammen kapitalistischen Staat, der sich bekanntlich um systemrelevante Rettungsprojekte nach Finanzkrisen kümmern muss und nicht um Nebensächlichkeiten wie Wohnungen für mittellose Menschen.

Eigentlich wollte die Stadtverwaltung diese tiefgelegenen und deshalb ständig von Überflutung bedrohten Gebiete komplett aufgeben, zahlreiche Initiativen und Selbsthilfegruppen betroffener Einwohner haben den Behörden aber zu verstehen gegeben, dass die Leute sich nicht einfach verdrängen lassen wollen. Der Kampf ist allerdings hart und der Wiederaufbau erfolgt extrem stockend – immerhin liegt die Katastrophe inzwischen mehr als sieben Jahre zurück. Aber wenn auch Katastrophenhilfe ein Geschäftsmodell sein muss, weil sich im Kapitalismus eben alles rechnen muss, findet sie eben nicht statt, wenn sie sich nicht rechnet.

Das zeigt einmal mehr, wie wenig der reichlich vorhandene Reichtum im angeblich reichsten Land der Welt seinen Bewohnern tatsächlich zugute kommt: Nämlich gar nicht. Und wenn sich nicht ein paar gut situierte Privatleute mit einem gewissen Bekanntheitsgrad und der damit verbundenen Öffentlichkeitswirkung gefunden hätten, deren ambitioniertes Hobby zufällig Architektur ist, wäre vermutlich bis heute nichts im Lower Ninth passiert.

Ich sehe im Gegensatz zu den wackeren Zeitungsleuten von der FAZ jedenfalls keinen Anlass, über so viel Bürgersinn oder gar eine Katastrophe als Impulsgeber für einen neuartigen, beispielhaften Städtebau zu jubeln. (Mal abgesehen von den kleinlichen Gemäkel an der ästhetischen Nachhaltigkeit der eigenwilligen Alternativbauten, den sich der FAZ-Autor nicht verkneifen kann, was auch wieder typisch ist: Alles, was nicht so aussieht wie das Berliner Stadtschloss, ist für den wahren Bürger ästhetisch zweifelhaft.) Im Gegenteil gibt es reichlich Grund zu klagen, dass von den zig Tausend Bewohnern der zerstörten Stadtviertel nur einige wenige auserwählte jetzt zugegebenermaßen durchdachte, zeitgemäße und bestimmt auch angenehm zu bewohnende Musterhäuser hingestellt bekommen, während die überwiegende Mehrheit weiterhin zusehen muss, wo sie bleibt. Was ist mit den anderen? Wo sind die geblieben? Leben die weiterhin in Notunterkünften oder gar auf der Straße, wie so viele ihrer durch die Faule-Hypotheken-Flut der vergangenen Jahre obdachlos gewordenen Landsleute? Die bessere Stadtgesellschaft, auf die der FAZ-Artikel hofft, sind in der rauen Realität improvisierte Obdachlosen-Siedlungen an den Stadträndern, in denen immer mehr Krisenverlierer landen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Die Katastrophe nach der Katastrophe

  1. landbewohner schreibt:

    bei solchen meldungen fällt auch mir eher ein, wie traurig es doch für ein land wie „die wiege des fortschritts und der demokratie“ ist, bei solchen naturkatastrophen in etwa so effektiv zu helfen wie das bettelarme haiti.

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