Stolz und Vorurteil

Mich überfiel einmal mehr eine unbestimmte Depression, als ich am Wochenende die Schlagzeilen überflog, so dass ich überhaupt keine Lust mehr hatte, irgendwas zu schreiben – Krieg in Mali, Krieg in Syrien, wieder Tote nach der misslungenen Revolution in Ägypten, Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und Dschungelcamp, Dschungelcamp, Dschungelcamp – nicht zu fassen, wie viele Schlagzeilen dieser Sado-Maso-Kakerlakenzirkus produziert hat, ich bin voll auf dem Laufenden, obwohl ich noch keine Sekunde von dieser voyeuristischten Mobbingscheiße gesehen habe – und verdammt noch mal, ich hab auch nicht vor, damit anzufangen, egal wie viel darüber berichtet wird.

Tropical Islands in Brandenburg.

Auch eine Art Dschungelcamp, nur ohne Kakerlaken. Tropical Islands in Brandenburg.

Ach ja, und Brüderle. Wie ich schon zig mal schrub – ich finde nicht, dass man an der FDP und ihrem Personal auch nur ein gutes Haar lassen müsste. Aber dass der Stern sich zum Kampfblatt gegen den Sexismus aufschwingt, der STERN!!! Ausgerechnet! Eigentlich interessiert mich auch nicht die Bohne, was der olle Brüderle zu vorgerückter Stunde jungen Stern-Journalistinnen über die Theke säuselt, wenn sie sich in seiner Nähe herumtreiben. Nebenbeibemerkt: Zu Journalisten sagen Politiker immer mal wieder ziemlich unfreundliche, ja diffamierende oder sogar anzügliche Sachen, aber das ist nun mal Berufsrisiko – Journalisten sind dazu da, Politikern auf den Zeiger zu gehen und müssen dann auch mal mit einer Abfuhr klar kommen. Oder mit einer Anmache. Ich wette, dass sich jede Kellnerin pro Stunde mehr blöde Bemerkungen anhören muss, als eine Laura Himmelreich pro Leben. Darüber könnte sie ja mal eine Reportage machen – wie weibliche Profis egal in welchem Job mit Sexismus klar kommen.

Nein, natürlich ich bin nicht der Meinung, dass Sexismus okay geht – aber wenn ein älterer Politiker einer jungen Journalistin Komplimente über ihr Aussehen macht – was dürfen Männer denn überhaupt noch zu Frauen sagen? „Ey Schlampe, geiles Fickgestell – willst du nicht mal meinen Schwanz lutschen?!“ hat er schließlich nicht gesagt. Und das ist noch eine der harmloseren Anmachen, die in Berlin unter der jüngeren Zielgruppe, die sich beispielsweise auf dem Alexanderplatz trifft, so zu hören sind. Wobei ich mich schon frage, warum die Jungs für solche Sprüche so selten eins aufs Maul kriegen.

Es gibt so viel fiesen, gemeinen Sexismus, über den man sich völlig zu recht aufregen kann. Und da muss mensch gar nicht bis Indien oder Talibanistan, auch wenn die Zustände für Frauen da himmelschreiend sind. Aber Brüderle?! Da finde ich ja Steinbrücks Spruch, dass Angela Merkel einen Frauenbonus habe, viel sexistischer. Lieber Peer Steinbrück: Die Leute stehen nun mal nicht auf arrogante, geldgeile Technokraten – da hilft nicht mal der latent immer vorhandene Männerbonus. Wenn es nicht gerade ums Kinderwickeln und Deutschland-durch-die-Eurokrise-kanzlern geht, gelten Männer doch immer als kompetenter. Ist nicht so lange her, dass diese Studie für Unmut gesorgt hat, nach der Frauen in der Wissenschaft bei gleicher Qualifikation für weniger kompetent gehalten werden als ihre männlichen Kollegen. Und ich kann versichern, dass es im technischen Bereich nicht anders ist. Egal ob es um Autos, Solarmodule, Computer oder Handys geht, Männer gelten als kompetenter. Sind sie oft auch – ich bin ja immer wieder fasziniert davon, wofür Männer sich so interessieren und wie viel Zeit sie in seltsame Hobbys investieren! Die wissen dann Dinge, von denen ich im Leben nie gedacht hätte, dass man so etwas wissen müsste. Mir reicht es oft, wenn ich weiß, wie ich ein Ding zum Laufen kriege und kümmere mich dann wieder um andere Sachen, über die ich viel weiß.

Es gibt ja auch Dinge, in denen Männer aus praktischen Gründen einfach nicht gut sind. Zum Haushalt beispielsweise braucht es neben dem generellen Überblick auch eine gewisse Übung. Da könnten Männer noch einiges lernen, wenn sie denn die Zeit dafür finden würden. Huch, das war jetzt aber wieder sexistisch. Ach was solls. Es lebe das Vorurteil!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Stolz und Vorurteil

  1. landbewohner schreibt:

    endlich mal ein artikel, der die verhältnisse und die wertigkeit „unserer nachrichten“ ins rechte licht rückt.

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