Jeder hat ein Recht auf Diskriminierung

Momentan könnte man fast annehmen, dass alle große Probleme in Deutschland und der Welt gelöst wären, sieht man sich die Dinge an, die derzeit heiß diskutiert werden. Gut, eine Bildungsministerin ohne Hochschulabschluss und damit auch ohne abgeschlossene Berufsausbildung ist natürlich peinlich. Vielleicht sollte Frau Schavan sich aus heutiger Sicht noch einmal mit dem Thema ihrer Dissertation befassen: „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ – da sollte doch noch was zu machen sein. Irgendein Gewissen wird sich mit der Zeit doch auch bei Frau Schavan gebildet haben, vermutlich ein schlechtes. Jetzt muss sie allerdings noch lernen Fehler zuzugeben. Das ist schwer – aber als Katholikin kann sie ja auf die Gnade der Vergebung hoffen. Manchmal ist Glaube besser als Wissen – nur leider nicht in der Wissenschaft. In der Politik dagegen ist der Glaube… ach genug damit.

So einen Oldtimer kann man vermutlich nur fahren, wenn man ordentlich Promille getankt hat.

So einen Oldtimer kann man vermutlich nur fahren, wenn man ordentlich Promille getankt hat.

Es gibt ja noch andere Politiker, etwa Bernd Busemann – den niedersächsischen Justizminister kannte vermutlich auch in Niedersachen keine Sau, aber nachdem er sich mit 0,8 Promille am Steuer hat erwischen lassen, ist er bundesweit bekannt. Nun kann das jeder/m einmal passieren, Bischöfin Käßmann hatte bei ihrer Alkoholfahrt immerhin 1,54 Promille Alkohol im Blut. Interessant an der Sache mit Busemann ist eigentlich nur, dass der CDU-Mann nach dem Käßmann-Vorfall strengere Promille-Grenzen gefordert hatte und jetzt nicht einsieht, dass man aus einem Fehler irgendwelche Konsequenzen ziehen müsste. Ein aufmerksamer Leser meines Blogs wies mich darauf hin, dass Busemann möglicherweise nach Irland übersiedeln wolle – in der strukturschwachen Provinz Kerry macht sich derzeit ein Lokalpolitiker dafür stark, dass die Bewohner auch nach ein paar Pints mit dem Auto nach Hause fahren dürfen. Das einleuchtende Argument: Bevor die Leute einsam zu Hause sitzen und depressiv werden, sollen sie doch lieber gemeinsam im Pub einen trinken.

Und dann gibt es natürlich noch die Jungs von der FDP. Kaum hat sich die Aufregung um den alternden Charmebolzen Brüderle in mäandernden Sexismus-Debatten verlaufen, legt der hessische FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn nach und und heizt die in letzter Zeit vernachlässigte Rassismus-Debatte an, der momentan der Sarrazin-Effekt fehlt. In einem Interview mit der Frankfurter Neuen Presse sagte Hahn „Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.“

Nun kann man über Philipp Rösler gewiss unfreundlichere Dinge sagen. Dass ein Mensch mit vietnamesischen Eltern asiatische Gesichtszüge hat, ist wenig überraschend – ich finde sogar, dass Philipp Rösler bislang der bestaussehendste Vizekanzler ist, den die Bundesrepublik je hatte. Das wars dann aber schon. Von seinen politischen Ansichten her finde ich Rösler unerträglich. Allerdings ist es bezeichnend, dass Hahn die ganze bundesdeutsche Gesellschaft vorschiebt, wo es doch wohl eher um seine eigenen Aversionen gegen seinen Partei-Kollegen oder Rivalen geht. Wenn man mit dem Aussehen von irgendwem als Argument für irgendwas anfängt, heißt das doch vor allem, dass einem andere Argumente fehlen. Das ist erbärmlich und gewiss Anlass genug für eine Debatte. Aber ob das Etikett „Rassismus“ hier das richtige ist, wage ich sehr zu bezweifeln. Wobei ich prinzipiell der Ansicht bin, dass Philipp Rösler das gleiche Recht hat, diskriminiert zu werden, wie jede(r) andere auch.

Kleines Detail am Rande: Der Spiegel brachte vor ein paar Tagen in seiner Satire-Rubrik ein witziges (diskriminierendes?) Rösler-Foto, in dem der FDP-Chef gutgelaunt den Immobilien-Kauf empfiehlt, weil die Mieten in Deutschland ja so hoch seien. Damit ist die Haltung der FDP zu den gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit treffend auf den Punkt gebracht. Diese ganze Besserverdiener-Partei ist eine Art moderner Marie-Antoinette: „Wenn die Leute kein Brot haben, warum essen sie dann keinen Kuchen?“

Advertisements

Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
Dieser Beitrag wurde unter Bildung, Gesellschaft, Medien, Politisches abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s