Vio.Me: Griechische Arbeiter übernehmen ihren Betrieb in Eigenregie

Alles, was man derzeit aus Griechenland hört, ist: Krise, Krise, Krise. Und dann gab es Ende vergangener Woche noch die Meldung, wie gut die Europäische Zentralbank an der Krise verdient. Allein durch den Aufkauf von griechischen Anleihen hat sie 555 Millionen Euro an Zinsen abgezockt. Es ist ja nicht so, dass niemand etwas von der Krise hätte.

Die griechische Bevölkerung jedenfalls hat nichts davon, von drei jungen Leuten sind zwei arbeitslos, selbst von den Menschen, die noch Arbeit haben, kann jeder vierte die laufenden Kosten nicht bestreiten. Es ist in den vergangenen Jahren eine Klasse der „Neuarmen“ entstanden, eben jene, die klassischerweise eben nicht zu den typischen Armen gehören, also Arbeitslose, Familien mit vielen Kindern, Einwanderer und so weiter, sondern ganz normale Menschen, die einen Job haben, der aber nicht mehr für den herkömmlichen Lebensunterhalt ausreicht.

Es gibt aber auch andere Nachrichten aus Griechenland. So haben die Arbeiter der Baustoff-Fabrik Vio.Me ihren von den Besitzern aufgegeben Betrieb besetzt und in Eigenregie die Arbeit wieder aufgenommen. Seit Mai 2011 wurden keine Löhne mehr gezahlt, das Arbeitslosengeld lief im September aus. Die Arbeiter und ihre Familien schlagen sich mehr schlecht als recht durch – unter den gegebenen Umständen hilft selbst eine von Unterstützen abgegebene Packung Nudeln oder Hülsenfrüchte. Umso bemerkenswerter, dass es ihnen gelungen ist, die Produktion wieder aufzunehmen. Die Arbeiterkooperative betont, dass sie mit der Übernahme der Produktionsmittel in die eigenen Hände keine bürgerliche Lösung will, sondern die Menschen zu dem Gedanken bringen, für sich selbst zu produzieren.

Screenshot von der Seite viome.org

Screenshot von der Seite viome.org

Dazu haben sie eine Vereinbarung für die Selbstverwaltung der Fabrik getroffen:

Die Unterzeichnenden, Mitglieder und Nichtmitglieder der Arbeitergewerkschaft von Viomichaniki Metaleftiki, stimmen in Folgendem überein:

1. Wir übernehmen den Betrieb der Fabrik unter der Bedingung voller Selbstverwaltung und ArbeiterInnenkontrolle, sowohl was die Produktions- als auch die Verwaltungsstrukturen betrifft. Grundlegend und zentral für den Betrieb der Fabrik, für die Weiterführung unseres Kampfes und unsere Pläne für die Zukunft ist das Prinzip der Gleichheit in der Teilhabe und der Entscheidungsfindung, das Prinzip horizontaler und direkter Demokratie. Jede Form von Differenzierung, schlechter Behandlung, Ausgrenzung und Fremdbestimmung ist unvereinbar mit unserem Vorhaben und jede nur erdenkliche Anstrengung muß erfolgen, um ein solches Benehmen und solche Praktiken zu vermeiden, die Hindernisse für unsere Emanzipationsbestrebungen schaffen.

2. Unser oberstes Organ ist die Vollversammlung der ArbeiterInnen. Es ist als Organ errichtet und entscheidet sowohl auf allgemein-programmatischer Ebene als auch auf der Ebene spezifischer Angelegenheiten. Sie hat auch das Recht, einzelne Mitglieder zu bevollmächtigen, die Gewerkschaft zu repräsentieren; im Zusammenhang mit speziellen Vorgängen, wie auch um spezifische, genau umschriebene Angelegenheiten zu behandeln. All jene, die die Verantwortung haben, die Vollversammlung zu vertreten oder spezifische Angelegenheiten abzuwickeln, müssen detaillierte Rechenschaft über ihre Aktivitäten ablegen.

3. Die Teilnahme an den Vollversammlungen ist für alle Mitglieder verpflichtend.

4. Die von der Vollversammlung getroffenen Entscheidungen sind für alle bindend und die Umsetzung diese Beschlüsse ist auch verpflichtend, unabhängig davon, ob jemand persönlich mit ihnen übereinstimmt oder nicht.

5. Falls eine Entscheidung als falsch oder nicht umsetzbar eingeschätzt wird, egal ob von einer/m einzelnen oder einer Gruppe, dann soll sie in die Vollversammlung gebracht werden und es ist dann die Vollversammlung, die entscheidet, ob sie verändert, reformiert oder beibehalten wird. In jedem Fall bleibt eine solche Entscheidung für alle bis zur nächsten Diskussionsversammlung bindend und bis dahin wird von allen erwartet, das zur Umsetzung Notwendige zu tun. Im Falle der Nichtbefolgung einer bereits getroffenen Entscheidung wird die Vollversammlung Sanktionen festlegen, die von einer einfachen Verwarnung über eine zeitweilige Entlassung oder, in schweren Fällen, zum Rauswurf der nichtkooperativen Person reichen können.

6. Neben der Teilnahme an der Entscheidungsfindung und dem Planen der Strategie der Fabrik unter ArbeiterInnenkontrolle beinhaltet das Gleichheitsprinzip auch die Teilhabe an Verlusten und Gewinnen der Fabrik.

7. Nach sorgfältigem Abwägen und nachdem sichergestellt ist, dass alle wesentlichen Faktoren in der Diskussion erörtert worden sind, kann der Arbeitsplatz jeder/s Einzelnen durch die Vollversammlung festgelegt werden. Sie/er kann ihre/seine Einwände vorbringen, muss sich aber den Empfehlungen der Vollversammlung fügen. Darüber hinaus sollte jedeR ArbeiterIn lernen- soweit das machbar ist- an jedem Arbeitsplatz, an den er/sie gebeten worden ist, zu arbeiten, für den sie/er als unabkömmlich erachtet wird.

8. Alle, die das jetzige Übereinkommen unterzeichnen, verpflichten sich, dass sie die Informationen (entweder in der Vergangenheit von ihnen erworbene oder in der Zukunft auf jede mögliche Art, und besonders durch den Prozess der Repräsentation der Gewerkschaft bei Betrieben, privaten Individuen oder allen anderen öffentlichen oder privaten Einrichtungen), die für das Betreiben der Fabrik, für das Planen von Produktions- und politischen Zielen und für die gegenseitigen Beziehungen für wichtig erachtet werden, der Vollversammlung mitteilen. Keinesfalls dürfen sie zurückgehalten werden, um so kollektiv bewertet und verwendet werden zu können.
Die oben aufgeführten Punkte der Übereinkunft sind die grundlegenden Prinzipien für das Betreiben der Fabrik gemäß ihrer Selbstverwaltung unter ArbeiterInnenkontrolle. Respekt, auf prinzipieller als auch praktischer Ebene, stellt eine Verpflichtung für uns alle dar, die das jetzige Dokument unterzeichnen, das nur geändert werden darf, falls die Vollversammlung Änderungen für notwendig erachtet. In diesem Fall wird ein neue Übereinkunft entworfen und von allen unterzeichnet.

Dieses Beispiel gefällt mir – die ganzen Billiglöhner, die hierzulande froh sein müssen, wenigstens noch einen Scheißjob zu haben, sollten darüber nachdenken, ob das nicht besser wäre: Den Laden lieber gleich selbst übernehmen, anstatt sich für die Chefs krumm zu schuften.

„In Erwägung, es will euch nicht glücken

uns zu schaffen einen guten Lohn

übernehmen wir jetzt selber die Fabriken

in Erwägung, ohne euch reicht´s für uns schon“

(Vers aus der Resolution der Kommunarden von Bertolt Brecht)

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Vio.Me: Griechische Arbeiter übernehmen ihren Betrieb in Eigenregie

  1. đeя вαeяeиαυfвıиđeя schreibt:

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