Solidarität ohne Kritik ist keine

Über den Tod von Hugo Chávez ist in den deutschen Medien viel geschrieben worden, das meiste davon ärgerlich bis unerträglich. Einen sehr reflektierten Artikel fand ich im Neues-Deutschland-Blog linksbündig. Tom Strohschneider schreibt vor allem darüber, was die Symbolfigur Chávez für die linke Selbstpositionierung vor allem für die deutsche Linke bedeutet hat, die gefangen in ihrem altlinken Denken (das sie doch eigentlich überwunden haben wollte) zu einer kritiklosen Chávez-Verehrung neigte.

Chávez ist gestorben, eine Symbolfigur der Linken – sowohl für jene, die nun demonstrativ mit den Schultern zucken, um kritische Distanz zu bezeugen, als auch für die, denen jetzt kein Pathos zu übertrieben erscheint, um seinen Namen unsterblich werden zu lassen und »die Revolution zu verteidigen«. Es sind nicht selten Bilder mit dicken Strichen und wenig Schattierungen, die da aus einer Welle der Aufmerksamkeit herausragen, schnell und heftig kommentiert mit ebenso viel grobem Schwarz-Weiß.

Der „Comandante“, der Irans Machthaber Achmadinedschad umarmt, der sich mit Despoten trifft und auf der internationalen Bühne mit dem Holzhammer umso vehementer voranschritt, je schwieriger es für ihn wurde, zu Hause die politische Zustimmung zu sichern. Chávez, der seinen paternalistischen Sozialismus auf Öl baute, ausgerechnet den Schmierstoff des westlichen Kapitalismus.

(…)

Der Tod von Chávez ist so gesehen auch eine kleine Herausforderung für die deutsche Linke. Zu lernen, dass es Solidarität ohne Kritik die diese Bezeichnung verdient gar nicht geben kann, dass es immer zuerst die Menschen sind und nicht ihre Führungsfiguren, um die es geht – und dass große Frauen und Männer trotzdem oft eine wichtige Rolle spielen. Die Herausforderungen in Venezuela, in ganz Lateinamerika werden jetzt nicht geringer; und man wird ihrer Lösung von hier aus dem vergleichsweise gemütlichen „Westen“ weder dadurch helfen, indem man immer nur den falschen Populismus rügt noch dadurch, dass man jede Regung, die sich sozialistischer Rhetorik bedient, zur globalen Avantgarde der Veränderung überhöht.

Chávez gerecht zu werden heißt, die Widersprüche auszuhalten, die einem entgegenschlagen, wenn man genauer auf Venezuela und ganz Lateinamerika blickt. Und es heißt, wenigstens zu versuchen, das ganze Bild in den Blick zu nehmen. Die Wirklichkeit liegt zwischen den Zuschreibungen, die seit dem späten Dienstagabend Ticker und Internet dominieren. Chávez war weder bloß der revolutionäre »Volkstribun« noch ist das Wort vom »Quasi-Diktator« richtig. Und die deutsche Linke mit ihrer von der Auseinandersetzung über eigene historischen Fehler geprägten Diskussionskultur ist nicht der Nabel der Welt. Man kann beides: sich auch das zu gegenwärtigen und dem „Comandante“ gedenken.



„Die Bevölkerung in den USA hat einen Freund verloren“, kommentierte der US-Schauspieler Sean Penn den Tod von Hugo Chávez. Einen Freund, „von dem sie nicht wusste, dass es ihn gibt.“ Ein Satz, über den nachzudenken sich lohnt.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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4 Antworten zu Solidarität ohne Kritik ist keine

  1. Norbert schreibt:

    …was ist denn das für ein zwiespältiger Spruch: „Solidarität ohne Kritik ist keine“ – mit wem denn eigentlich Solidarität? Mit den „Menschen“, „um die es geht“? Oder mit der „Bevölkerung in den USA“, die einen „Freund verloren“ hat? Oder etwa gar mit den „lernenden“ Linken? Nein – dieses Gesülze strotzt nur so von widersprüchlichen Redensarten und ebenso hohlen, wie lügenhaften Kraftausdrücken (z.B. den „paternalistischen Sozialismus“ oder der „globalen Avantgarde der Veränderung“) … Hinter diesem lautstarken Wortgeprassel („Symolfigur“, „Pathos“, „Holzhammer“…) verbirgt sich nichts anderes als die Speichelleckerei eines bürgerlichen Reaktionärs, der, klare Worte vermeidend, sich anbiedert als ein „objektiver“ und „kritischer“ Beurteiler eines christlich geprägten Revolutionärs, der mehr für sein Volk getan hat, als alle diese „lernenden“ deutschen „Linken“ zusammengenommen!

  2. aurorakater schreibt:

    Ja, der Beitrag passt für DPL und das nd. Ich kann Norbert nur beipflichten.

  3. Florian Geyer schreibt:

    Und noch ein Autor, der sich als bürgerlicher Schreiberling outet…

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