Längst nicht mehr von dieser Welt

Ich fasse es nicht: Für die meisten Menschen hierzulande spielt die Kirche in ihrem Leben keine Rolle mehr. Am Sonntag gehen mehr Menschen zum Sonntagshopping als zum Gottesdienst, und wenn es abends den Tatort nicht gäbe, würde man gar nicht merken, das Sonntag ist. Kaum jemand lässt sich noch davon abhalten, ohne den Segen der Kirche Sex zu haben oder hält sich an die Fast- und Abstinenztage. Selbst Kirchensteuer wollen die Leute nicht mehr zahlen und treten deshalb aus, ohne den Rest des Lebens in Angst vor der ewigen Verdammnis zu verbringen. Aber die Nachrichten sind voll von Papstwahl und Franziskus I, als ob es nichts wichtigeres zu berichten gäbe.

Aber auf diese Weise musste jetzt sogar ich zu Kenntnis nehmen, dass der neue Papst Franziskus in seiner ersten Messe davor gewarnt hat, dass die Katholische Kirche ohne geistliche Erneuerung nicht mehr als eine barmherzige Nichtregierungsorganisation werden könnte.

Hallo?! Was an der Kirche ist denn Nichtregierung?! Die will doch eben knallhart in jedes Menschenleben hinein regieren, angefangen bei der verbotenen Verhütung über die noch viel verbotenere Abtreibung und alle Sünden, die zu einer solchen führen können, bis hin zum Leben nach dem Tod, das denen, die nicht dran glauben, zwar nicht verboten, aber zur Hölle gemacht wird. Und was bitte schön ist an der Kirche barmherzig? Die Inquisition? Die Hexenverbrennungen? Das Unterdrückungs- und Gewaltsystem in Kloster Ettal? Was ja nur einer der vielen Orte ist, an denen die Kirche den Missbrauch und die Misshandlung von Kindern wenn schon nicht befohlen, aber doch gedeckt hat. Von den Selbstgeißelungsritualen, die in katholischen Orden nicht ungewöhnlich sind, einmal ganz abgesehen.

„Wenn wir uns nicht zu Jesus Christus bekennen, bekennen wir uns zur Diesseitigkeit des Teufels“, sagte der bisherige Erzbischof von Buenos Aires in seiner Predigt vor den 114 Wahlkardinälen in der Sixtinischen Kapelle. Die Kirche solle eine Verweltlichung vermeiden und sich auf die Evangelien konzentrieren.

Meinetwegen soll sie das, und den Rest der Welt in Ruhe lassen. Ich fand es schon als Kind pervers, einen ans Kreuz genagelten Mann anzubeten. Diese Verherrlichung von Ohnmacht und Schmerz – widerlich. Ja, klar, es ging doch eigentlich um Erlösung, den Sieg über den Tod und das ewige Leben. Aber ein anständiges Leben im Diesseits ist doch eine viel lebensnähere und menschenfreundlichere Option. Dann kann sich die Kirche ihre angebliche Barmherzigkeit getrost an die Mitra stecken.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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