Das Gesetz der Serie

Derzeit wird in Deutschland Homeland ausgestrahlt, angeblich derzeit die beste Serie der Welt. Das würde ich so nicht behaupten, aber spannend ist Homeland auf jeden Fall, und schon sehr gut gemacht – es hat auch Vorteile, wenn sich Serienproduzenten nur um ein überzeugendes Drehbuch, gute Schauspieler und natürlich sehr viel Geld kümmern müssen, um einen Publikumsrenner zu produzieren. In Deutschland dagegen geht alles durch allerlei Gremien, in denen allerlei Bedenkenträger sitzen, so dass am Ende nicht die gute Geschichte, sondern die vielen verschiedenen Interessen, die mit der Produktion bedient werden müssen, im Vordergrund stehen. Öffentlich-rechtliches Fernsehen ist theoretisch vielleicht mal eine gute Idee gewesen, aber praktisch längst so gut wie tot – jedenfalls inhaltlich.

Mir fällt spontan keine so richtig gute deutsche Serie ein – außer natürlich Heimat von Edgar Reitz, wobei mir die Zweite Heimat, gerade weil sie so „intellektuell“ war, fast noch besser gefallen hat. Der dritte Teil ist dann aber weit hinter das Niveau seiner Vorgänger zurückgefallen: Zu eng die Vorgaben, zu viele Kompromisse, zuwenig Mut, zu viele Klischees – zu viel typisch deutsches öffentlich-rechtlich um Anspruch bemühtes, aber daran kläglich versagendes Feigling-Fernsehen.

So ist es kein Wunder, dass Homeland auf Sat1 läuft – aber glücklicherweise habe ich auch diese Serie vom Serien-Dealer meines Vertrauens schon vor Monaten bekommen, so dass ich mir nun keine von Werbe-Unterbrechungen durchsetzte Ausstrahlung antun muss. Denn so beschissen ich das Angebot der Öffentlich-rechtlichen finde – nervige Talkshows mit den ewig gleichen Phrasendreschern, schlechte Krimis, noch schlechtere Vorabendserien und unfassbare Zumutungen (gegen die derzeit angebotenen Schunkelsendungen war ja der Blaue Bock noch originell) zur Hauptsendezeit – Privatsender ertrage ich noch viel weniger. Wenn ich eine Sendung sehe, dann will ich die Sendung sehen und keine Werbespots. Insbesondere, wenn es eine spannende, gut gemachte Serie ist. Auch nach fast dreißig Jahren Privatfernsehen in Deutschland habe ich mich nicht daran gewöhnen können, das gerade an den spannenden Stellen immer gleich die Werbeunterbrechung kommt. Bei mir kommt dann der Nervenzusammenbruch – also meide ich Privatsender. Meistens lohnt sich das Zeugs zwischen den Werbeunterbrechungen ja auch nicht.

Immerhin gibt es noch arte. Dank arte kann man auch in Deutschland einige der weltbesten Fernseh-Serien werbefrei genießen – ob nun Breaking Bad aus den USA, Borgen aus Dänemark oder die The Hour aus Großbritannien ist, intelligente Unterhaltung und zwar in voller Länge, da kann man nicht meckern. Demnächst wird dort die israelische Serie Hatufim – In der Hand des Feindes gezeigt, daher an dieser Stelle ein Programmtipp. Die derzeit viel gepriesene Serie Homeland beruht nämlich auf dem Drehbuch von Gideon Raff für Hatufim (sprich: Chatufim, mit hartem Ch) – allerdings haben die Amis die Handlung US-typisch zugespitzt und alles in allem sehr viel dicker aufgetragen.

Mir gefällt das israelische Original besser – die Handlung ist auf mehr Hauptpersonen verteilt, die deshalb auch viel glaubwürdiger und einfach menschlicher sind als in der US-Version. Da braucht es keine manisch-depressive Superagentin, kein illegal angewendetes Superduper-CIA-Equipment und keine übermenschlich-menschlichen möglicherweise fehlprogrammierten Kampfmaschinen. Der ganz normale Wahnsinn im herkömmlichen Polit- und Sicherheitsapparat reicht doch völlig aus. Es geht anders als in Homeland gar nicht um den einen großen Super-Anschlag, um das nächste Nine-Eleven, das unbedingt verhindert werden muss, sondern eher um das ständige Gefühl der Bedrohung, den überlebensnotwendigen Verfolgungswahn, der auch dort für Misstrauen sorgt, wo man vertrauen könnte.

Na klar gehen die Israelis davon aus, dass vom Feind verschleppte Soldaten nach jahrelanger Gefangenschaft und allerlei Folter und Gehirnwäsche ein Sicherheitsrisiko sind und überwacht werden müssen. Und natürlich stellen sich die Überwacher die Frage, ob das denn jetzt wirklich sein muss, wo die Jungs doch endlich wieder nach Hause gekommen sind und man ihnen doch viel eher dabei helfen sollte, wieder in ein irgendwie normales Leben zu finden. Und klar, dabei wird auch geholfen. Mehr oder weniger, denn es gibt das normale Leben gar nicht mehr – das ist der Aspekt, der mir am besten gefällt, weil er so universell ist: Menschen haben Träume, Pläne, Erwartungen und dann kommt es irgendwie anders. In dem Fall kommt es für einige besonders krass anders, aber darüber wird eben nicht jeder gleich Top-Terrorist oder so, sondern in den meisten Fällen einfach eine verkrachte Existenz, die selbst mit der einst geliebten Familie nichts mehr anfangen kann und keine Ahnung hat, wo sie hin gehört. Aber natürlich können auch verkrachte Existenzen noch Geheimnisse haben und Dinge, die sie unbedingt klären müssen. Manche werden dann auch Selbstmordattentäter. Die meisten aber nicht.

Trailer für die englische Version:

Ausschnitt aus dem ersten Teil:
(allerdings aus dem Original in Hebräisch)

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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