Das Märchen vom glücklichen Arbeiter in einer florierenden Wirtschaft

Wirtschaftsideologen behaupten immer wieder, dass alles getan werden müsse, damit die Wirtschaft brummt. Denn wenn die Wirtschaft brummt, geht es allen besser: Arbeitskräfte werden gebraucht, und weil die gebraucht werden, können sie mehr Lohn verlangen, und wenn die Leute mehr verdienen, können sie mehr konsumieren, was auch wieder gut für die Wirtschaft ist und am Ende sind alle glücklich.

Doch ein Blick nach Norwegen zeigt, dass dass ein lang anhaltender Wirtschaftsboom, der zu immer höheren Löhnen und einem immer höheren Lebensstandard führt, am Ende auch nicht gut für die Wirtschaft ist. Für die Wirtschaft wohlgemerkt, denn den Norwegern an sich geht es so gut wie nie – sie verdienen durchschnittlich sechs Mal so viel wie deutsche Arbeitnehmer und können es sich dabei sogar leisten, den Job nicht in den Lebensmittelpunkt zu stellen. Der norwegische Soziologe Ivar Frones sagt laut tagesschau.de folgendes über seine Landsleute:

„Nach unseren Untersuchungen kümmern sich Norweger nicht so sehr um die Karriere wie andere Europäer. Vor allem junge Leute wollen keine Führungsaufgaben übernehmen. Sie wollen eine spannende Aufgabe, eine gute Bezahlung und angenehme Arbeitszeiten. Das große Problem mit dem Wohlstand ist ja, dass er immer vom Moment und vom Konsum bestimmt ist.“

Beneidenswerte Zustände, möchte man als unbefangener deutscher Leser konstatieren: Ein interessanter Job mit kommoden Arbeitszeiten bei sehr guter Bezahlung ist doch eine fantastische Sache, insbesondere, wenn man sich mit der ganzen Kohle in der Freizeit ein schönes Leben machen kann. Wird nicht immer wieder behauptet, genau dazu sei eine florierende Wirtschaft gut?! Was ist also falsch mit dem norwegischen Arbeitnehmer-Paradies?!

Der besorgte Wissenschaftler von der Universität Oslo befürchtet, dass seine Landsleute mit ihrer Einstellung eines Tages den Entenhausen-Effekt erleiden werden: Wenn Onkel Dagoberts Fanfastilliarden plötzlich durch die Luft fliegen, und alle, von Donald Duck bis Gustav Gans plötzlich Millionäre sind und ihre Jobs bei Onkel Dagobert kündigen, dann geht in Entenhausen gar nichts mehr, weil ja keiner mehr die Arbeit macht.

Glückliche Norweger bei ihrer Freizeitgestaltung.

Glückliche Norweger bei ihrer Freizeitgestaltung. (Handyfoto vom Januar 2009, Vigelandsparken, Oslo)

Der Chefökonom des norwegischen Arbeitgeberverbandes, Tor Steig, bringt die Sache dann auf den Punkt: Einige Branchen im Land könnten die hohen Löhne jetzt schon nicht mehr zahlen. In den Regionen, die vom Ölgeschäft leben, sei die Lage weiterhin gut, aber in den Gegenden, die eher im Schatten der Ölwirtschaft stehen, stagniere alles. Insbesondere im Landesinneren stehe die Industrie vor erheblichen Herausforderungen.

Weil die Lohnkosten in Norwegen so hoch sind, sind natürlich auch die Preise sehr hoch. Für die Norweger selbst ist das nicht unbedingt ein Problem, weil sie ja entsprechend gut verdienen. Die können sich leisten, für einen Hamburger und eine Cola umgerechnet 20 Euro auf den Tisch zu legen. Auf dem Weltmarkt aber ist das durchaus ein Problem, weil sich sonst keiner die teuren norwegischen Produkte leisten kann. Und schlimmer noch: Importe aus anderen Ländern werden immer attraktiver, weil die Sachen aus dem Ausland einfach viel billiger sind. Auf diese Weise sichern sich ausländische Unternehmen immer mehr Marktanteile auf dem norwegischen Markt. Und das wiederum ist dann tatsächlich blöd für die norwegische Wirtschaft, weil die Arbeitsplätze im Land verloren gehen – warum denn teure Norweger bezahlen, wenn beispielsweise ein Deutscher für ein Sechstel des norwegischen Lohns schon freudig in die Hände spuckt?!

Hier zeigt sich dann wieder, dass eine florierende Wirtschaft, in der möglichst viele Leute Arbeit haben, eben nicht zwangsläufig zu einem vernünftigen Lebensstandard für die Arbeitenden führt – im Gegenteil! In Deutschland haben zwar angeblich so viele Menschen Arbeit wie nie zuvor – sie müssen aber zu Bedingungen arbeiten, zu denen ein Norweger in seinen schlimmsten Alpträumen nicht bereit wäre. Bei uns boomt die Wirtschaft auch, aber leider nur wegen des genau deshalb vom Staat in den vergangenen Jahren so vehement geförderten Niedriglohnbereichs – die gut bezahlten Arbeitsplätze wurden systematisch abgebaut, damit es den Unternehmen, also der Wirtschaft gut geht.

Wie es den Leuten dabei geht, ist der Wirtschaft scheißegal, so lange sie ihren Krempel auf dem Weltmarkt mit einem ordentlichen Profit losschlagen kann. Klar wird darüber gejammert, dass die Deutschen nicht genug konsumieren und ironischerweise auch darüber, dass sie nicht genug auf die Hohe Kante legen, um der Allgemeinheit im Alter nicht zur Last zu fallen. Aber solange die Leute das Maul halten und ihre Arbeit machen, ist alles paletti.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Das Märchen vom glücklichen Arbeiter in einer florierenden Wirtschaft

  1. Alfred Casimir schreibt:

    Es ist immer wieder erfrischend, deine Analyse über die Verhältnisse in Europa zu lesen.
    Die passenden Bilder dazu sehe ich immer erst, wenn ich die Kommentar- Taste drücke.
    Und wo du richtig liegst, liegst du richtig !!

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