Kaputtgespart und totoptimiert: Die Deutsche Bahn

Dass die Bahn ne Schraube locker hat, überrascht nicht wirklich, aber ausgerechnet am „schönsten und modernsten Bahnhof Deutschlands“ sollen es gleich ganz viele Schrauben sein. Aber das ist wohl so mit moderner Technik, die hält halt nichts mehr aus. Immerhin ist der Berliner Hauptbahnhof schon fast sieben Jahre in Betrieb – mehr kann man in einer Zeit wohl nicht erwarten, in der Smartphones und Computer bereits nach zwei Jahren völlig veraltet sind. Die moderne Marktwirtschaft ist schon zu erstaunlichen Leistungen fähig – zumindest wissen deren Profiteure, wie man Geld verdient. Die Behauptung, dass Wettbewerb zu besseren Produkten führe, kann man getrost zu den Akten legen, die stimmt ganz offensichtlich nicht. Im Gegenteil: So viel kurzlebiger Schrott wie heute wurde noch nie produziert.

Überwachsene Bahngleise

So sieht es aus, wenn man Verkehrsmittel gewinnorientierten Wirtschaftsfuzzis überlässt.

Wie es jetzt heißt, habe man sich beim Bau des Bahnhofs aus Zeitgründen für Standard-Lösungen entschieden, obwohl die filigrane Brückenkonstruktion, die nun für viele Millionen Euro schon wieder saniert werden muss, eigentlich eine Sonderkonstruktion der Gleise verlangt hätte, damit sie den Belastungen dauerhaft stand halten. Die Standardgleise taten das nicht, deshalb sind sie nun ja auch schon hinüber. Dafür war der Bahnhof zu WM 2006 fertig – das war offensichtlich wichtiger als langjährige Benutzbarkeit.

Im Sommer 2015 muss der Zugbetrieb dann für die Sanierung monatelang unterbrochen werden, 2016 wird dann zur Abwechslung mal wieder die S-Bahn lahmgelegt. Na toll, bis dahin habe ich ja noch Zeit, mein Fahrrad zu überholen, außerdem kennen wir das ja schon vom letzten S-Bahn-Desaster.

Das einzige, was die Bahn noch zuverlässig hinkriegt, ist die nächste Preiserhöhung, denn irgendwer muss den ganzen Pfusch ja bezahlen, und wer wäre dafür nicht geeigneter als die leidenserprobten Bahn- und S-Bahn-Kunden, die für weniger Service doch gern tiefer in die Tasche greifen.

Damals, als die Bahn noch kein gewinnorientiertes Scheißunternehmen war, sondern als Service des Staates für seine Bürger gesehen wurde, hat das irgendwie besser geklappt: Man konnte zu vernünftigen Preisen von A nach B fahren und sich darauf verlassen, dass der Zug pünktlich war, ja, besser noch: Dass überhaupt einer fuhr! Ich gehöre ja nicht zu den Leuten, die ständig behaupten, dass früher alles besser gewesen wäre. Aber vieles ist jetzt definitiv schlechter.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Kaputtgespart und totoptimiert: Die Deutsche Bahn

  1. Leselotte schreibt:

    Hallo modesty,
    habe Deinen Beitrag zum 18.04. bei http://www.ebenerdig.npage.de verlinkt.
    Herzliche Grüße

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