Gerechtigkeit im Fernsehen

Noch immer habe ich viel Zeit, kann mich aber kaum bewegen – ideal zum Lesen und Fernsehen. Nach und nach lese ich mich durch die Arbeiterliteratur – unter anderem sehr empfehlenswert: Willi Bredel.

Und ich frage mich, warum die Skandinavier und die Briten so viel bessere Krimi-, Politik- und Justiz-Serien hinkriegen als das deutsche Fernsehen. Selbst die streckenweise gar nicht so üble zdf-Serie Verbrechen nach Ferdinand von Schirach ist gegen britische Serien wie Injustice oder Criminal Justice die reinste Klamotte, obwohl der grandiose Josef Bierbichler den abgebrühten Strafverteidiger gibt.

In der ITV-Serie Injustice spielt James Purefoy einen engagierten Strafverteidiger, der sich die unprofessionelle Marotte erlaubt, nur Menschen zu verteidigen, von deren Unschuld er hundertpro überzeugt ist. Einmal hat er nämlich seinen Job so gut gemacht, dass er einen durchgeknallten Tierschützer freibekommen hat, der einen Professor in die Luft jagen wollte, der Tierversuche durchführt. Leider hat die Bombe den achtjährigen Sohn des Professors erwischt. Das kommt aber erst später heraus…

Nach dem ich Purefoy als literaturbesessenen Serienmörder und Sektengründer in der zwar überaus verschwurbelten und blutigen, am Ende aber leider nicht besonders guten US-Serie The Following ertragen musste, war Injustice ein echter Lichtblick.

Also habe ich nach weiteren Serien der Art geforscht und Criminal Justice gefunden – die erste Staffel ist so grandios wie verstörend: Der junge Ben Coulter begibt sich mit dem Taxi seines Vaters auf eine nächtliche Spritztour, lernt ein sehr hübsches, aber leicht gestörtes Mädchen kennen, sie überredet ihn, mit ihr gemeinsam einen Trip einzuwerfen, was er eigentlich nicht will, sie nimmt ihn mit nach Hause, was er dann aber doch will, sie trinken, sie haben Sex und am Ende wacht Ben mit schwerem Schädel am Küchentisch auf. Das Mädchen liegt erstochen im Bett. Ben macht in seiner Panik so ziemlich alles falsch und am Ende wird er mit dem Mordwaffe in der Jacke gestellt, nach dem er das Taxi seines Vaters zu Schrott gefahren hat.

Damit geht’s dann erst richtig los: Der naive Junge hat weder eine Ahnung, wie das Justizsystem funktioniert noch wie man im Knast überlebt – er weiß nur, dass er kein Verbrechen zugeben kann, an das er sich nicht erinnert und von dem er glaubt, dass er es nicht getan hat, selbst wenn alles gegen ihn spricht. Das Problem ist, dass er selbst nicht weiß, was in jener Nacht passiert ist – und die wenigen Menschen, die zumindest einen leisen Zweifel an der Schuld des Angeklagten haben, müssen sich sehr ins Zeug legen, um Ben zu helfen – was auch nach hinten losgehen kann. Überaus spannendes Justizdrama mit einem mehr als überzeugenden Ben Whishaw und dem verlässlich fantastischen Pete Postlethwaite.

Seit ich irgendwann als Kind den Klassiker Die Zwölf Geschworenen sah, habe ich einen gewissen Faible für Justiz-Dramen. Um so erstaunlicher, dass mich das aktuelle deutsche Justiz-Drama in München dermaßen kalt lässt. Aber die aktuelle Berichterstattung beschränkt sich vor allem auf die Garderobe der Angeklagten (von der immer wieder gesagt wird, wie erstaunlich gut sie doch aussehen würde – was haben die Leute denn erwartet? Eine weibliche Version von Himmler oder Goebbels?!) und ihrer VerteidigerInnen und wie langweilig diese ganzen abgelehnten Anträge doch seien. Und die Masche wirkt: Zschäpes Anwälte sorgen dafür, dass die Leute im Zuschauerraum vor Langeweile vom Stuhl fallen – auf diese Weise wird der zähe Prozess aus den Schlagzeilen bald heraus sein.

Ich gebe zu, dass das angelsächsische Geschworenensystem durch seine Theatralik im Vorteil ist – hier müssen Strafverfolger und Strafverteidiger eine Jury aus ganz gewöhnlichen Mitbürgern durch eine möglichst überzeugende Performance für sich gewinnen. Im deutschen Rechtssystem müssen sie nur den Richter oder die Richterin überzeugen, die ebenfalls professionelle Juristen sind. Beides hat Vor- und Nachteile.

Spontan fällt mir nur ein richtig guter deutscher Justiz-Film ein, und zwar In Sachen Kaminski. Es geht um einen (realen) Fall von Sorgerechtsentzug, bei dem sehr gutwilligen, aber eben leicht beschränkten Eltern die Tochter weggenommen wird, damit sie bei Pflegeeltern auswachsen und optimal gefördert werden kann. Die Eltern klagen ihr Besuchs- und Sorgerecht für ihre geliebte Tochter ein und gehen bis vors Bundesverfassungsgericht, verlieren aber letztinstanzlich. Eine engagierte Anwältin kommt auf die Idee, den Fall vor den Europäischen Gerichtshof der Menschenrechte in Straßburg zu bringen. Dieser entscheidet Zugunsten der Eltern. Sehr bemerkenswerter Film über die Unzulänglichkeiten des deutschen (Familien-)Rechtssystems.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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