Obama in Berlin: Ami go home!

Obamania in Berlin – die Amis können also nicht nur nach Terroranschlägen mal eben eine Großstadt lahmlegen. Der US-Präsident muss nur mal seine Freundin Angie besuchen und schon wird über halb Berlin der Ausnahmezustand verhängt. Erstaunlicherweise bin ich gestern trotzdem pünktlich mit der S-Bahn zur Arbeit gekommen und wieder zurück – vermutlich, weil die BVG angesichts des Staatsbesuches strikte Anweisung hatte, den werten Gästen verdammt noch mal zu zeigen, wie deutsche Organisation flutscht.

Mit dem Wetter haben sie allerdings übertrieben, meinetwegen können sie die Heizung wieder um 10 Grad runter drehen. Andererseits konnte Barack Hussein seine Coolness beweisen, in dem er sich für den warmen Empfang bedankte und sich des Jacketts entledigte – unter Freunden müsse man ja nicht so förmlich sein. Und dann redete der US-Präsident, der erste farbige US-Präsident und der erste, der auf ostdeutschem Boden eine Rede hielt, los – und irgendwie klang es schon ein bisschen wie Gauck, Freiheit, Freiheit und Doppelfreiheit – aber die beiden sollen sich ja auch auf Anhieb verstanden haben.

Nur dass Obama nicht wie ein ehemaliger Prediger klingt, sondern eher wie ein liberaler Geschichtsdozent, der seine Studenten „mitnehmen“ will. Obama hat es ja mit Geschichte, und er hat es eben auch mit Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit. Und so lobte er Deutschland als das Land der Aufklärung und das Land von Immanuel Kant, der lehrte, dass die Freiheit das ursprüngliche Geburtsrecht des Menschen sei, das ihm kraft seiner Menschlichkeit gegeben ist. Und gerade im Hinblick auf die Geschichte Berlins als Hauptstadt des Dritten Reiches und so weiter fragte der Präsident: „Wollen wir frei leben oder in Ketten, unter Regierungen, die unsere Menschenrechte wahren, oder unter Regimes, die sie unterdrücken? In einer offenen Gesellschaft, die die Unverletzlichkeit des Einzelnen und unseren freien Willen achtet oder in abgeschotteten Gesellschaften, die die Seele ersticken?“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Mr. President, wir haben nichts zu verlieren als unsere Ketten, die wir in aller Freiheit mit uns herumschleppen müssen, solange uns kapitalistisch organisierte Regimes unterdrücken und ausbeuten. Sie haben völlig recht, wenn Sie sagen, dass wir im Westen uns nicht auf dem bisher Erreichten ausruhen dürfen und nicht von Wohlstand reden sollten, solange noch Millionen Menschen die Qualen des Hungerns und die Ängste der Arbeitslosigkeit erleben müssen.

Unterschreibe ich sofort.

Aber denken Sie mal drüber nach, warum Millionen Menschen hungern müssen, und warum Arbeitslosigkeit ein Problem ist. Weil der freie Markt und das Recht der Menschen darauf, andere mit der freien Entwicklung ihrer Fähigkeiten und Talente in Grund und Boden konkurrieren zu dürfen, dafür sorgen, dass die einen den Reichtum erschaffen müssen, den die anderen genießen. Das werden Sie selbst vielleicht ziemlich ungerecht finden – es ist aber eine Folge genau der Sorte von Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit, die Sie so glühend vertreten. Solange Sie daran glauben, dass der Motor der Welt Wirtschaft und Handel seien – und zwar die US-Variante eines äußerst aggressiven, neoliberalen, imperialistischen Kapitalismus, solange wird es Armut, Ausbeutung, Unterdrückung und Elend ohne Ende geben, erst recht, wenn Sie US-Truppen in die wenigen verbliebenen Länder schicken, die sich genau dieser Variante verweigern.

Es spricht nichts dagegen, die Ungleichheit und die Not der Leute, insbesondere der jungen Menschen, die Sie ausdrücklich erwähnen, lindern zu wollen, im Gegenteil: Investieren Sie in Bildung! Und fangen Sie am besten bei sich zuhause in den USA damit an – im April dieses Jahres wurden in Ihrem Land über drei Millionen Schulabbrecher gezählt. Diese haben in der Regel kaum eine andere Karriere in Aussicht als früh an Drogen zu sterben und/oder kriminell zu werden.

In den USA dürfen die Mädchen genau wie die Jungs in die Schule gehen – und wenn ihre Eltern genug Geld haben, wird das sogar eine gute Schule sein. Und wenn sie noch mehr Geld investieren, dürfen sie ans College oder in die Uni – und auch hier gilt wieder, dass je mehr Geld im Spiel ist, auch die Uni besser ist und damit der Abschluss mehr wert. Und damit kommen nicht unbedingt die besten nach oben, aber die besten mit den reichsten Eltern. Und die kriegen dann die wichtigen Posten in Wirtschaft und Politik und sorgen dafür, dass die Welt auch weiterhin so aussieht, wie sie aussieht. Und ob Sie es glauben oder nicht: Ihrem Beispiel wird in der ganzen Welt nachgeeifert! Überall wird Bildung zunehmend als Geschäftsmodell gesehen und privatisiert: Wer eine gute Bildung haben will, der muss sich eine kaufen. Wers nicht kann: Pech gehabt. So funktioniert freier Markt! Der schafft Ungleichheit – das ist eine Schande!

Und nebenbei ist das auch der Grund dafür, weshalb wir unsere Kinder zu einem Leben auf einem schrecklichen Planeten verurteilen, auch wenn Sie offensichtlich der Ansicht sind, dass wir das nicht tun sollten. Da haben Sie recht – aber Ihr Land ist nun einmal das schlechte Beispiel für die Welt, was Klimaschutz bzw. das Verhindern davon angeht. SIE sind US-Präsident. Fangen Sie bei sich an!

Millionen von armen Indern, Afrikanern oder Asiaten haben gar keine andere Wahl, als klimafreundlich zu leben, weil sie sich den American Way of Life gar nicht leisten können. Und wenn Sie sagen, dass wir Wachstum fördern müssen, um in der Zukunft einem Kind das Leben in extremer Armut (einfache Armut geht für Sie offenbar okay) zu ersparen, dann verurteilen Sie viele andere Kinder zu einem Leben im Elend, weil dieser Wachstum zwangsläufig auf Kosten der Umwelt statt findet.

Ihr Angebot an die Russen, die Bestände an Atomwaffen um ein Drittel zu reduzieren, ist ein geschickter Schachzug – wenn die nicht wollen, müssen die USA das auch nicht. Es einfach zu tun, wäre ein aufrichtiger Schritt in die richtige Richtung gewesen. Wenn Sie denn so für atomare Abrüstung sind – warum gehen Sie ihn nicht?!

Sie haben recht, lieber Herr Obama, wenn Sie feststellen, dass die Sicherheit unserer Gesellschaft auch aus dem Inneren bedroht ist. Wenn immer mehr Menschen trotz all ihrer Bemühungen keine Chance mehr auf ein menschenwürdiges Leben haben, dann wird es gefährlich. Dann werden die Menschen anfällig für komische Gedanken und schätzen das Leben nicht mehr so, wie es Menschen tun, die sich an einem guten Leben erfreuen können. Und alle PRISM- und sonstigen Überwachungsprogramme, sämtliche Panzer und Kampfdrohnen werden Ihnen nicht dabei helfen, Ihre Gesellschaft sicherer zu machen. Der massive Einsatz dieser ganzen Unterdrückungstechnologie macht das Leben unsicherer. Nicht nur für die Menschen im Irak und in Afghanistan.

Sie zitieren Martin Luther King, dass „die Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort eine Bedrohung der Gerechtigkeit an allen anderen Orten ist“. Genau so isses. Die Ungerechtigkeit innerhalb der US-Gesellschaft ist eine Bedrohung für die ganze Welt. Und wo Sie schon dabei sind, den Geist von Berlin zu beschwören und all den Mut der Berliner, finden Sie bitte den Mut, einmal darüber nachzudenken!

Mr. President, werter Herr Obama! Wenn ich jetzt „Ami go home!“ sage, begreifen Sie das bitte so, wie ich das meine: Als freundliche Einladung zur Weltverbesserung.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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5 Antworten zu Obama in Berlin: Ami go home!

  1. Alfred Casimir schreibt:

    Eine sehr schöne Sichtweise, und sehr gut zugehört.
    An dir ist eine Diplomatin verloren gegangen.Gelernt mit Worten umzugehen ist eine Kunst.
    Du beherrscht Sie.

    • drbruddler schreibt:

      Ja, nur leider liest das der Obama nicht und auch alle anderen, die sich darin wetteifern.
      Denn diese Worte passen nicht nur auf ihn, sondern auch auf die meisten von denen, die er gerade wegen ihrer Rohstoffe bekämpft. Oder anders gesagt, welcher der bereits geführten oder anstehenden Kriegen hat den Menschen selbst genutzt oder hätte irgendetwas verbessert? Wer gewinnt ist einerlei, es ändern sich nur die Nutznießer.

  2. Stefan Wehmeier schreibt:

    Das Prinzip der Zinsentstehung gilt für alle Arten des arbeitslosen Kapitaleinkommens, das dauernd bezogen wird, egal ob es sich um den Geldzins (Liquiditätsverzichtsprämie), den Sachkapitalzins (Rendite) oder den Bodenzins (Grundrente) handelt. Alle Arten von Zins sind daher völlig wesensgleich. Das Monopol bewirkt einen Zins, indem es dauernd einen Zustand des Mangels und der Knappheit aufrechterhält, sei es von Natur aus in Form des Bodenmonopols, sei es durch eines der künstlichen Monopole. Die Zinswirtschaft (der Kapitalismus) ist ihrem Wesen nach Monopolismus, das heißt dauernde Mangelwirtschaft.

    In einer unfreien Wirtschaft, wie der heutigen, bestehen die Preise außer aus Lohnquoten auch aus Zinsquoten aller Art. Jede Behinderung der Konkurrenz wirkt monopolistisch, kürzt den Lohnanteil und erhöht den Zinsanteil. Den arbeitenden Menschen, denen nach aller Wissenschaft der Kuchen des Sozialproduktes allein gebührt, kann der Zinsbezieher, gestützt auf die Monopole, einen Teil ihres Arbeitsertrages vorenthalten.

    Es ergibt sich die nur auf den ersten Blick erstaunliche Tatsache, dass die Ausbeutung im Laufe der Jahrtausende ihrem Wesen nach gänzlich gleich geblieben ist. Es ist grundsätzlich dasselbe, ob in der Vergangenheit der Sklave als Arbeitsmotor infolge seiner persönlichen und daher wirtschaftlichen Unfreiheit unmittelbar für seinen Herrn fronen musste; oder ob im heutigen Privatkapitalismus der Arbeitende vorwiegend infolge des Geld- und Bodenmonopols – also infolge einer unfreien Wirtschaft – nur einen um den Zins verkürzten Arbeitsertrag erhält oder ob schließlich in dem von den Marxisten gepredigten Staatskapitalismus, der sich fälschlich als Sozialismus ausgibt, infolge der Monopolisierung nahezu der gesamten Wirtschaft durch den Staat der Grundsatz der wirtschaftlichen Unfreiheit zur höchsten Potenz erhoben, die Ausbeutung also auf die Spitze getrieben wird, wobei der Zwangsarbeiter zusehen muss, was – nach Befriedigung der Ansprüche der herrschenden Bürokratie und des riesenhaft aufgeblähten Staatsapparates, die begreiflicherweise den Vorrang genießen – zuletzt für ihn übrig bleibt. In allen drei Fällen ist das Ausbeutungsprinzip dasselbe geblieben, bedingt das Monopol die Einschränkung oder gar den Ausschluss der Konkurrenz und damit zugleich die Ausbeutung.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/02/marktgerechtigkeit.html

    • Wehmeier,

      spar Dir Dein geschwurbel. Ich zumindest möchte Deine werbebeiträge weder hier noch in meinem blog noch sonst irgendwo lesen. Wie immer beziehst Du Dich kaum obenstehenden beitrag.

      Marxisten »predigen« keinen staatskapitalismus. Marxisten predigen generell nicht. Du willst, daß man Deinen grütz liest und nervst andere menschen damit ungemein. Ich hab Deinen grütz gelesen und bin der auffassung, daß der nicht taugt.

    • modesty schreibt:

      Sorry, das ist Unsinn – die Marktwirtschaft wird auch nicht besser, wenn du den Zins abschaffst. Ausbeutung entsteht auch durch Konkurrenz – und wenn du auf deiner komischen Seite sagst, Freiheit sei, am Wettbewerb teilnehmen zu dürfen, bist du für die Konkurrenz aller gegen alle. Damit ist nichts gewonnen.

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