Arbeitszufriedenheit: Welche Drogen nehmen die?!

Mit Umfragen ist es etwa so wie mit Statistik, mit der man jeweils auch immer irgendwie beweisen kann, was man gern beweisen möchte. Man erhebt irgendwelche Daten und interpretiert sie. Und je nach dem, wie man die Fragen formuliert, bekommt man Antworten, mit denen sich entweder beweisen lässt, dass die Leute furchtbar unzufrieden sind oder eigentlich doch ganz zufrieden, obwohl die tatsächliche Situation halt so ist, wie sie ist. In diesem Fall hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft eine Befragung der Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA) veröffentlicht, die zu dem Ergebnis kommt, dass die meisten Leute in Deutschland mit ihrem Job zufrieden sind.

Der sensationelle Befund: „Neun von zehn Beschäftigten erfreuen sich an ihrer abwechslungsreichen und vielseitigen Arbeit“. Man könnte meinen, die Debatte um entwürdigende Niedriglohn-Arbeit bei Amazon, Lidl oder Kik hätte in einem anderen Land stattgefunden. Wo sind die Billig-Bäcker, die 5-Cent-Schrippen produzieren müssen, wo die Paketboten, die sich für einen Hungerlohn durch die ganze Stadt hetzen lassen, die Wachleute, die für nicht mal 5 Euro pro Stunde Industrie- und Büroanlagen sichern, die Frisörinnen, die ebenfalls keine 5 Euro pro Stunde bekommen für waschen, schneiden, föhnen, die Sortierer in den Recyclinganlagen, die Köche und Kellner bis in die gehobene Gastronomie hinein, die Zimmermädchen, die Zimmer im Akkord säubern, wo sind die ganzen Selbstausbeuter, die sich per Ich-AG-Förderung in ein eigenes Business haben drängen lassen, das nur funktioniert, wenn sie den ganzen Tag schuften und sich am Ende des Monats, das, was zum Existenzminimum fehlt, von der Agentur aufstockenlassen müssen?!

Wen zum Teufel haben die gefragt? Oder sind die Deutschen mittlerweile für jeden Scheißjob dermaßen dankbar dass sie am Ende sagen: Wenigstens habe ich wenigstens den ganzen Tag was zu tun, auch wenn es am Ende zum Leben nicht reicht?!

Mich haben die nicht gefragt. Aber die Erklärung habe ich in einem anderen Artikel gefunden: Für die Arbeitszufriedenheit spielt der Chef eine besondere Rolle. Und mein Chef hat definitiv einen an der Waffel. Ich habe nämlich eigentlich einen ganz guten Job. Und total nette Kollegen. Wir sind ein tolles Team, arbeiten gern zusammen und schaffen gemeinsam auch richtig was weg. Aber mein Chef ist halt ein klassischer Chef: Er weiß alles besser, kann alles besser, fühlt sich in jeder Hinsicht überlegen und lässt das gern raushängen: Er darf Leute zusammen brüllen, ungerecht behandeln, schikanieren und so weiter und so fort – und niemals gibt es jemanden, der ihm danach beiseite nimmt und ihm sagt, dass das jetzt echt nicht okay war. Denn er ist der Chef. Ihm gehört der Laden. Da relativiert sich jegliche Kritik ziemlich schnell. Und selbst wenn jemand von uns den Mumm hat, ihm zu sagen, dass er jetzt auch ganz schön laut geworden ist, wenn er einen anbrüllt, dass man ihm gegenüber gefälligst nicht laut zu werden hat, dann brüllt er triumphierend: „Ich bin ja auch dein Chef!“ Auf diese Antwort kann dann keiner mehr antworten, egal, wie sehr man eigentlich recht hatte.

Davon abgesehen, zahlt er ziemlich schlecht – also gemessen daran, dass ich eine hochqualifizierte Fachkraft mit jeder Menge Berufserfahrung in einer Führungsposition bin – die das größte Team der Firma führt und das auch ganz schön erfolgreich. Aber trotzdem bekomme ich keinen Funken Anerkennung dafür. Also von meinem Team schon, das ist wirklich glücklich mit mir. Aber mein Chef kapiert nicht, das genau das das Geheimnis unseres Erfolgs ist. Und deshalb dankt uns er das nicht – solange es gut läuft, nimmt er das einfach als gegeben hin, und wenn es nicht so gut läuft, erfindet er einen Haufen wüster Anschuldigungen, mit denen er Leute, die ihm gerade quer kommen, überkübelt und runtermacht, bis das ganze Team wie ein verschreckter Hühnerhaufen da sitzt und Dienst nach Vorschrift schiebt – nur nicht auffallen, wenn das nächste Donnerwetter aus dem Nachbarbüro herein bricht. Das reißt die Produktivität in den Keller und mein Chef hat wieder einen Beweis dafür, dass wir einfach nicht vernünftig arbeiten, wenn er nicht alles selbst in die Hand nimmt. Und wenn er das tut, wird alles noch schlimmer und am Ende ist die halbe Belegschaft krank und die andere Hälfte kündigt. Und dann muss man sehen, wie man den Laden wieder fit kriegt, denn die eigene Existenz hängt ja auch dran. Immerhin kein Niedriglohn bei Amazon und Co.

Das mag auch eine Erklärung dafür sein, dass ich das Ergebnis dieser Befragung nicht verstehe. Oder anders: Vielleicht verstehe ich es doch. Denn eigentlich liebe ich meinen Job. Sonst könnte ich da gar nicht jeden Tag wieder hin gehen. Aber mit meinem Job zufrieden?! Warum zum Teufel sollte ich mit diesen beschissenen Bedingungen zufrieden sein?!

Andere Frage: Welche Drogen nehmen die anderen? Und wo bekomme ich die?!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Arbeitszufriedenheit: Welche Drogen nehmen die?!

  1. provinzbewohner schreibt:

    mal wieder propaganda vom dümmsten für dummbaxe.
    und wo ich dir auch recht gebe: ohne chef würden die meisten läden besser laufen und das eingesparte gehalt wär bei den wirklich arbeitenden auch besser aufgehoben.

  2. drbruddler schreibt:

    Wäre es eigentlich nicht angebrachter danach zu fragen welcher Chef eigentlich noch das Unternehmerrisiko selbst trägt, damit er sich überhaupt so aufspielen darf?

  3. igadresden schreibt:

    Hallo modesty,

    iga hat 2010 schon zum dritten Mal eine repräsentative Befragung mit 2.000 Beschäftigten durchgeführt. Wie die Stichprobe zusammengesetzt ist, findest du ab Seite 98 in unserem Report: http://www.iga-info.de/veroeffentlichungen/iga-reporte/iga-report-21.html. Schade, dass du nicht als Befragter dabei warst, aber eine Vollerhebung ist für uns leider nicht finanzierbar.

    In der Tat gibt es eine Reihe von positiven Ergebnissen bei unserer Befragung. Das ist bei anderen, teilweise noch größeren Beschäftigtenbefragungen (zum Glück) auch nicht anders (BiBB/BAuA, INQA, aber auch DGB-Index).

    Bei einigen Themen zeigte sich aber auch deutlicher Handlungsbedarf. So findet bspw. nur die Hälfte der Befragten, dass sich Arbeit und Privatleben in einem ausgewogenen Verhältnis befinden. Und nur zwei Drittel sagen, dass sich ihr Unternehmen um die Gesundheit der Mitarbeiter kümmern.

    Momentan arbeiten wir an der vierten Welle und sind schon gespannt, ob sich Trends zum Guten oder Schlechten abzeichnen.

    Viele Grüße
    Ulrike Waschau von der Initiative Gesundheit und Arbeit

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