Die Angst des Hellersdorfers vor der Überfremdung

Tja, das Leben ist hart und ungerecht. Ich gehe nicht davon aus, dass der inzwischen prominente Flüchtling Edward Snowden in den letzten Wochen auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo besonders viel Spaß hatte – inzwischen sieht es ja so aus, als ob wenigstens Venezuela ein Herz für den Whistleblower hat, obwohl es sich bei diesem Land nicht unbedingt um eine lupenreine Demokratie handelt. Aber das ist vielleicht auch besser so, denn die aufgeklärten Demokratien in dieser Welt stehen weder auf Verräter, noch auf Flüchtlinge. Und jemand, der sein Land verlassen muss, weil er dort nur ein elendes Leben oder den Tod zu erwarten hätte, ist ja wohl ein verdammter Verräter.

Insofern hat Edward Snowden ja noch Glück – zahlreiche mehr oder weniger Intellektuelle auf der ganzen Welt und sogar in Deutschland fordern seine Freiheit, Unterstützung oder was sonst noch – auch wenn Vollspacken wie unser bundespräsidialer Oberpredigierer Joachim „Freiheit“ Gauck ums Verrecken nicht kapieren wollen, dass Freiheit in erster Linie die Freiheit der anderen ist, jener Verräter also, die eben nicht jeden Scheiß mitmachen, nur weil Freiheit drauf steht.

Aber vielleicht ist Joachim F. Gauck deshalb so geeignet, dieses Volk zu repräsentieren, das sich gern zusammenrottet, um sich gegen Flüchtlinge zu schützen, die unsere schöne Freiheit so fies missbrauchen wollen. Die kommen in unser Land, ganz ohne Einladung und überfremden uns – und sind am Ende sogar genauso kriminell wie die wackeren Bürger, die Angst haben, dass man ihnen die Butter vom Brot klaut. Und können am Ende auch noch weniger Deutsch, wobei – ich kenne einige Ausländer, von denen sich der deutsche RTL-Proll nicht nur sprachtechnisch mehrere Scheiben abschneiden könnte.

Während ein Rolf Hochhuth der Bundesmerkel erklärt, warum ein Land wie Deutschland wegen seiner Vergangenheit eigentlich gar nicht anders können kann, als Verfolgten Zuflucht zu bieten, wehrt sich der gemeine Mann und die gemeine Frau von der Straße dagegen, irgendwelche Flüchtlinge aus fernen Ländern als künftige Nachbarn und als Mitmenschen akzeptieren zu müssen. Beispielsweise in Berlin-Hellersdorf.

Nun ist Hellersdorf zwar nicht gerade der Nabel des szenegeilen Multikulti-Berlins, aber doch ein Teil unserer angeblich so weltoffenen Metropole. Aber warum sollte ausgerechnet Hellersdorf besser sein als Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda oder ein beliebiges Kaff in Bayern oder gar im Schwabenlande? „Wir oder die da!“ – das ist es nun einmal was die Verlierer und Quasi-Verlierer in unserem System im Kopf haben – und was die Arbeiter bedauerlicherweise auch schon früher nicht kapiert haben. Damals, im ersten Weltkrieg zum Beispiel, als die gesamte Arbeiterklasse in Europa unter Waffen stand – was haben die daraus gemacht? Sich gegenseitig tot geschossen, anstatt die Kanonen auf die Herrschenden zu drehen! Die Weltrevolution ist ausgefallen, die Leute wollten lieber in ihr elendes Scheißleben als Malocher zurück oder halt auf dem Felde der Ehre verrecken, für Kaiser und Vaterland.

Und sie haben nichts dazu gelernt. Was sich gestern Abend in Hellersdorf zugetragen hat, kann man sich auch auf YouTube ansehen. Muss man aber nicht. Es ist einfach zu deprimierend.

Einen Beitrag dazu gab es auch in der Abendschau des RBB:

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Die Angst des Hellersdorfers vor der Überfremdung

  1. A. K. schreibt:

    Die Leute (Asylanten), die da hinkommen, können einem leid tun. Für dieses Volk kann man sich nur schämen.

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