Das Gift im Schulessen

In dieser Woche musste ich einfach zu viel arbeiten – insofern habe ich meine knappe Freizeit lieber genutzt, um das schöne Sommerwetter zu genießen. Sonnig, aber nicht zu warm, immer eine angehme Brise, aber auch abends braucht man keinen Pulli – so gefällt mir das. Leider ist nicht alles auf der Welt so gut wie das Wetter in der vergangenen Woche.

Im Ersten lief ja Anfang der Woche die Reportage Unser täglich Gift – und nur wenige Tage später geht die Meldung mit den vergifteten Schulkindern in Indien durch die Medien. Noch ist nicht klar, ob es sich um Fahrlässigkeit oder ein Verbrechen handelt. Aber wie kippt man aus Versehen eine tödliche Dosis Insektengift ins Schulessen? Natürlich sind Pestizide nicht gesund, aber normalerweise stirbt man nicht an den Rückständen, die bei herkömmlichen Gebrauch in den Lebensmitteln landen, auch wenn sie garantiert nicht gesund sind.

Andererseits ist die Schulspeisung kostenlos, sie ist Bestandteil eines Bildungsprogramms der indischen Regierung. Mit der kostenlosen warmen Mahlzeit soll erreicht werden, dass gerade arme Menschen ihre Kinder in die Schule statt zur Arbeit schicken – weil sie dort immerhin satt werden und auch noch was lernen. Aber auch in Indien soll das Schulessen natürlich billig sein – es ist also nicht zu erwarten, dass die armen Schulkinder nur Lebensmittel bester Qualität vorgesetzt bekommen. Nach dem, was meine Kinder an deutschen Schulen aufgetischt bekommen haben, wundert mich gar nichts mehr.

Und das war nicht mal Gratis-Essen – soweit ist die deutsche Regierung noch nicht, allen Kindern ein staatlich finanziertes Schulessen zu garantieren. Immerhin war es ein subventioniertes Schulessen, wo die Eltern zwischen 2 und 3 Euro pro Mahlzeit zuzahlen mussten – aber lecker und gesund geht anders. Und für Hartz-4-Eltern sind auch diese Zuzahlungen keine geringe Aufwendung. Dabei muss man auch bedenken, dass die Hälfte des Betrages in Verwaltungsaufwand und so weiter geht, dass Essen an sich darf dann nur etwa einen Euro pro Mahlzeit kosten. Wenn man sich das klar macht, wundert einen nicht, warum es fast immer irgendwelchen Pamps aus Nudeln, Reis oder Kartoffeln gibt, mit einem Stück billigem Formfleisch, geschmacksverstärkter Soße und irgendeinem überlagerten Obst oder Gemüse, was man an der Tafel schon nicht mehr verteilen würde.

Zurück nach Indien: Ich würde mich nicht wundern, wenn die armen Schulkinder genau mit dem Zeug abgespeist würden, dass sich auf dem freien Markt wegen zu hoher Pestizidbelastung nicht verkaufen lässt. Und das nicht, weil die Regierung das gemeinerweise so geplant hat, sondern weil findige Unternehmer, die mit der Versorgung der Schulen betraut sind, auf diese Weise ein Geschäft machen: Sie stecken die Kohle ein, die zur Verfügung steht – und das wird kein üppiger Posten sein, und kaufen dann den allerbilligsten Schrott auf, den sie als umdeklarierte und deshalb wieder unbedenkliche Ware an die Schulen weiter geben. Oder so ähnlich. Ist halt Kapitalismus. Ist hier ja mit dem Pferdefleisch in der Billig-Lasagne nicht anders. Oder wie war das damals Anfang der 80er Jahre in Spanien, wo Olivenöl mit altem Maschinenöl gepanscht wurde und zig Leute daran gestorben sind?

Da kann man den armen Leuten keinen Vorwurf wegen ihrer Billig-billig-billig-Mentalität machen, denn wer arm ist, hat keine andere Wahl. Natürlich sind die Geschäftemacher schuld, die solche Geschäfte tätigen, um sich daran zu bereichern. Aber das eigentliche Problem ist doch das zugrundeliegende Wirtschaftsmodell, das die Leute dazu zwingt, für ihren Lebensunterhalt mehr oder weniger schädliche Geschäfte tätigen zu müssen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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