Verpflichtung zur gesunden Lebensführung

Im mehr Menschen können von ihrem Job nicht mehr leben: Gut neun Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland gehen nach der Arbeit nicht nach Hause, sondern zum Zweitjob. Hierbei handelt es sich zumeist auch nicht gerade um gut bezahlte Tätigkeiten, sondern um Minijobs im Gastgewerbe oder Einzelhandel, im Wach- und Sicherheitsdienst, als Hausmeister oder Mädchen für alles. Aber wenn man auf das Geld angewiesen ist, dann nimmt man lieber den zusätzlichen Minijob als nichts.

Auch wenn sich das Bundesarbeitsministerium nicht entblödet, sich als Grund für den Trend zum Zweitjob auch eine gestiegene Konsumlust der deutschen Arbeitnehmer vorstellen zu wollen, so liegt doch auf der Hand, dass sehr viel eher das erfolgreiche Lohndumping der vergangenen Jahre zur Arbeitswut der Geringverdiener führen dürfte, und natürlich steigende Mieten und Energiekosten. Überhaupt wird so ziemlich alles immer teurer – alles außer der Arbeitskraft der Menschen und neumodischem Elektronikschrott. Anständig wohnen zu wollen ist inzwischen offenbar schon ein gehobenes Konsumbedürfnis, vielleicht gehört auch bald die tägliche warme Mahlzeit dazu.

Auf der anderen Seite sollen die Leute darauf achten, dass sie nicht ausbrennen und auch mal Pause vom Job machen. Dazu gehöre eine aktive Freizeitgestaltung, etwa Sport treiben oder musizieren, anstatt einfach auf die Couch zu fallen und das Feierabendbier in sich hineinzuschütten. Für viele, die erschöpft vom Zweitjob nach Hause kommen, dürfte das wie der blanke Hohn klingen, wobei – kann man den Zweitjob nicht großzügig als „aktive Freizeitgestaltung“ auffassen? Dazu kommt, dass bei den allermeisten zu Hause ja nicht Mutti mit bereitgestellten Pantoffeln und dem liebevoll gekochten Essen wartet, sondern auch noch aktive Freizeitgestaltung in Form von Hausarbeit ansteht.

Dass ein Leben in Stress und Hektik auf Dauer nicht gesund ist, hat unsere wohlmeinende Regierung aber auch schon gemerkt und im März einen Entwurf für ein Gesetz für die Förderung der Prävention vorgelegt. Darin heißt es gleich am Anfang unter der Überschrift „Problem und Ziel“:

Gesundheit fördert die Entwicklung, die Entfaltungsmöglichkeiten und die gesellschaftliche Teilhabe jeder und jedes Einzelnen. Sie ist Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft, für Beschäftigung und für Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland. Die Auswirkungen des demografischen Wandels, der Wandel des Krankheitsspektrums hin zu den chronisch-degenerativen Erkrankungen und die veränderten Anforderungen in der Arbeitswelt erfordern effektive und effiziente Gesundheitsförderung und Prävention. Ziel dieses Gesetzes ist es, mit einer zielgerichteten Ausgestaltung der Leistungen der Krankenkassen zur primären Prävention und zur Früherkennung von Krankheiten die Bevölkerung bei der Entwicklung und dem Ausbau von gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen zu unterstützen und damit gesundheitliche Risiken zu reduzieren.

Das ist wieder typisch für den ganzen Scheißladen hier: Mit der Verpflichtung zu einer gesunden Lebensführung halsen die Regierenden den einzelnen Leuten mal wieder sämtliche Verantwortung für alles auf. Dabei ist es ja nicht so, dass die Leute scharf drauf wären, sich im Job kaputt zu arbeiten, sich schlecht zu ernähren und keine Zeit und kein Geld für Yogaseminare, Wellnesswochen oder simplen Erholungsurlaub zu haben. Im Gegenteil – wenn die Leute nur genug Zeit und Geld haben, dann leben sie auch gesünder. Es stellt sich ja immer wieder heraus, dass gerade die Besserverdiener nicht nur mehr auf ihre Ernährung achten, sondern auch sonst mehr für sich selbst tun können – deshalb sind sie ja auch weniger krank und leben deutlich länger als Geringverdiener und Arbeitslose. Die haben zwar theoretisch mehr Zeit, praktisch aber mehr Stress, weil das Überleben unter prekären Bedienungen und ständiger Geldmangel an sich schon furchtbar anstrengend sind.

Aber es ist ja sehr viel einfacher, den Leuten einzureden, dass sie gefälligst ihr Verhalten ändern sollen, anstatt die krankmachenden Verhältnisse zu ändern: Die Leute sollen verdammt noch mal weniger arm sein, gesünder essen, sich mehr bewegen und weniger Stress haben. Ist doch ganz einfach.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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