Gefühlte Inflation und tatsächlicher Lebensstandard

Dass Lebensmittel immer teurer werden, liegt nur an der „gefühlten“ Inflation, schreibt heute die FAZ. Na, dann ist ja alles gut. „Gefühlt“ soll wohl heißen, dass in Wirklichkeit alles gar nicht so schlimm sei – die offizielle Inflationsrate läge derzeit nur bei 1,9 Prozent und sei somit vergleichsweise niedrig, beruhigt die Zeitung ihrer Leser.

Blöd ist nur, dass ich beim Einkaufen nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich viel mehr Geld ausgeben muss – Kartoffeln sind mehr als 40 Prozent teurer als vor einem Jahr, Butter kostet fast ein Drittel mehr und ohnehin schon lächerlich teures Allerweltsobst wie Äpfel kostet gut 20 Prozent mehr. Dass beispielsweise Computer immer billiger werden, ist zwar schön für alle, die gerade einen neuen Computer kaufen wollen, aber Computer kann man bekanntlich nicht essen. Und wer beim Einkauf von Dingen des täglichen Bedarfs schon rechnen muss, der kauft nicht ständig neue Computer.

Leider sind es nicht nur die Lebensmittel, die immer teurer werden, auch die Energiepreise steigen und die Mieten sowieso. Das, was nicht steigt, sind die Löhne. Im Gegenteil: Die Löhne der arbeitenden Menschen in den 27 Mitgliedstaaten der EU sinken – zum Teil rasant. In Griechenland sind die Löhne seit dem Herbst 2010 um mehr als 11 Prozent gefallen. Und trotz der damit einhergehenden Verarmung der Leute werden weitere harte Einschnitte verlangt. In Portugal sind die Löhne um gut 8 Prozent gesunken, in Spanien „nur“ um gut 3 Prozent. Aber es trifft nur nicht nur die „armen“ Länder – auch die vergleichsweise reichen Niederlande verzeichnen im gleichen Zeitraum einen Rückgang der Löhne um fast 6 Prozent! In Großbritannien sind die Löhne um 5,5 Prozent gesunken – das ist ein stärkerer Rückgang als während der großen Depression in den 30er Jahren!

Natürlich steckt eine Absicht dahinter: Mit dem sinkenden Lohnniveau soll die Wettbewerbsfähigkeit der EU-Unternehmen auf dem Weltmarkt verbessert werden, auf dem die Billig-Konkurrenz aus Osteuropa und Asien stark ist. Das trifft natürlich auch Deutschland – auch wenn hier formal ein Anstieg der Stundenlöhne um 2,7 Prozent verzeichnet wurde. In Deutschland hat inzwischen fast ein Viertel der Beschäftigten einen Job im Niedriglohnsektor, bei dem die Hälfte weniger als 7 Euro pro Stunde „verdient“. Was die Löhne angeht, gibt es derzeit einen Wettlauf nach unten, bei dem der Lebensstandard der arbeitenden Menschen systematisch immer weiter gesenkt wird – flankierend begleitet von der Absenkung der sozialen Standards für alle, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht arbeiten (können). Dazu passt unter anderem die Tatsache, dass die gesetzlichen Krankenkassen Patienten zunehmend benötigte Leistungen verweigern.

Kann ich bestätigen, ich habe nach meinem Unfall auch keinerlei Reha-Maßnahmen mehr bekommen, die noch vor ein paar Jahren üblichen waren. Warum auch, reicht doch, dass ich wieder bis an meinen Schreibtisch komme – etwas anderes interessiert weder die Krankenkasse, noch meinen Chef.

Leider gab es als Ausgleich für meine vorbildliche Pflichterfüllung seit Jahren nicht einmal eine gefühlte Gehaltserhöhung. Im Gegenteil, die ganzen Zuzahlungen für meine bewilligten Behandlungen haben meinen Kontostand tatsächlich ganz schön abgesenkt. Schätze, dass diese Art von Gesundheitsausgaben auch nicht im Standard-Warenkorb zur Inflationsberechnung enthalten sind.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Gefühlte Inflation und tatsächlicher Lebensstandard

  1. Martin Hark schreibt:

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes … jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …

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