Die anderen müssen mehr und härter für uns arbeiten

Ich finde es ja immer putzig, wenn einer, der ohnehin ausgesorgt hat, den anderen sagt, dass „wir“ mehr und härter arbeiten müssen, damit es in Deutschland weiter voran geht. Der eine ist in diesem Fall ein gewisser Horst Teltschik, CDU-Politiker, Vize-Kanzleramts-Chef unter Helmut Kohl, später Deutschlandchef des Flugzeug- und Rüstungskonzerns Boeing und Mitglied im Verwaltungsrat des Pharmariesen Roche. Teltschik hat also ohnehin mehr Geld, als er je essen könnte und deshalb auch Zeit, sich über die armen Bürger Gedanken zu machen, die sich vom ständigen Ruf nach Modernisierung in allen Bereichen überfordert fühlen und den geforderten Fortschritt als Bedrohung empfinden. Mehr Flexibilität, mehr Leistung, mehr Mobilität und das immer schneller – da muss man den Leuten doch wenigstens erklären, wozu das gut sein soll.

Also erklärt Teltschik in der Welt die Welt und damit die Notwendigkeit von Wettbewerb und Wirtschaftswachstum, denn nur mit mehr Wettbewerb und mehr Wirtschaftswachstum ist unsere schöne freiheitlich demokratische Gesellschaft und die Würde des Menschen darin zu erhalten. Deshalb müssen sich alle am Riemen reißen, damit die Wirtschaft immer wachsen kann. Immerhin bemerkt er, dass es auch Zeiten gibt, in denen das mit dem Wachstum nicht so gut läuft und dass mehr arbeiten für weniger Geld diejenigen, die ohnehin schon für wenig Geld viel arbeiten müssen, nicht so richtig glücklich macht. Denn irgendwie braucht es ja auch einen sozialen Frieden, damit die Wirtschaft fluppt. Wenn man also die Aussichten für die Besserverdiener verbessert, weil die nun mal das Sagen haben und am ehesten für Wachstum sorgen können, dann sollte man irgendwie auch daran denken, dass die Geringverdiener nicht völlig vergessen werden. Weil die sonst frustriert sind und sich abgehängt fühlen – und das ist natürlich schlecht, wenn man will, dass sie ansonsten ihren „demokratischen Pflichten als Staatsbürger nachkommen“. Konkrete Vorschläge, wie man die Einkommensituation der schlechter gestellten Gruppen verbessern könnte macht Teltschik natürlich nicht. Wie auch – mit Lebenssituationen, in denen man ums schiere Überleben kämpfen muss, kennt sich so einer ja nicht aus. Er faselt lieber von „Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg und zur Selbstverwirklichung“, die gestärkt werden sollten. Immerhin gibt er damit zu, dass es um diese aktuell nicht wirklich gut bestellt ist.

Interessant ist auch, dass Teltschik am Ende seines neoliberalen Pamphlets konstatiert, „dass die Industriestaaten seit Längerem nicht mehr das erwirtschaften, was unsere Art zu leben kostet. Deshalb wurde immer häufiger der Faktor Verschuldung eingesetzt, um „Gerechtigkeitslücken“ über immer höhere Sozialausgaben zu schließen und um wichtige Investitionsbereiche wie Infrastruktur, Bildung oder Wissenschaft nicht zu vernachlässigen.“

Verschuldung ist aber total pfui-bäh, alles muss, wie am Anfang in mehreren Absätzen erläutert, doch bitte schön über Wirtschaftswachstum erreicht werden, auch wenn ein solches Wachstum, wie in den folgenden Absätzen eingeräumt wird, nicht (mehr) zu erreichen ist. Und was ist die Lösung für dieses Dilemma? Na klar, da müssen halt auch mal Besitzstände geopfert werden. Teltschik sagt zwar nicht, welche, aber gewiss sind es nicht die seiner Klasse, der Wirtschafts- und Politelite, die, wie er auch bemerkt, in gleichem Maße von der allgemeinen Vertrauenskrise seitens der Bürger betroffen sind: „Die Entfremdung und die Kluft zwischen den Bürgern und den Verantwortlichen innerhalb des Staates, der Wirtschaft und in vielen Bereichen der Gesellschaft werden immer größer. Politik und Wirtschaft müssen die Frage beantworten: Fortschritt wofür und mit welchem Ziel?“

Auch wieder eine interessante Frage, die leider nicht korrekt beantwortet wird. Es ist nämlich keineswegs so, dass die Bürger mit dem Ruf nach Modernisierung überfordert seien. Wenn es nur das wäre! Nein, die Bürger sind mit ihrer konkreten Lebenssituation überfordert, in der sie tatsächlich ständig mehr arbeiten und mit weniger zufrieden sein sollen. Denn die Besitzstände der Normalarbeitnehmer werden doch bereits seit Jahren geplündert: Die Krankenversicherungen übernehmen immer weniger der tatsächlich anfallenden Kosten, die Rentenversicherung garantiert nur noch ein Zubrot gegen den Hungertod im Alter, bei Jobverlust erfolgt binnen weniger Monate eine radikale Verarmung nach Hartz-IV, die Lebenshaltungskosten steigen so rasant, dass eine Familie nur noch unterhalten werden kann, wenn Papa und Mama arbeiten gehen – wie kommt Horst Teltschik darauf, dass die Deutschen zu freizeitorientiert sein könnten, um dauerhaft im Wettbewerb zu bestehen? Viele Leute, die ich kenne, haben gar nicht genug Zeit und Geld, um sich über ihre Freizeitorientierung ernsthaft Gedanken zu machen, eben weil sie damit beschäftigt sind, im täglichen Wettbewerb ihr Überleben zu sichern.

Über Maßhalte-Appelle können wir nur müde lächeln, Alter. Fortschritt wäre echt super – aber nur, wenn wir dann endlich weniger arbeiten müssen. Das wäre durchaus möglich, wenn wir nicht mehr für solche Nasen wie dich absurd hohe Gehälter mitverdienen müssen.

P.S.:

Gerade lese ich im Spiegel, dass die Reichen in Deutschland so reich sind wie noch nie. Aber die Albrechts (Aldi) oder Schwarzens (Lidl), Klattens, Quants (beide BMW) Ottos, Würths, Oetkers, Liebherrs, Schaefflers oder Hasso Plattner werden wohl selbst kaum mehr und härter als bisher gearbeitet haben – das müssen nur ihre Angestellten, die leider kein bisschen reicher geworden sind, aber sich über die neuen Möglichkeiten über mehr Selbstverwirklichung durch noch mehr Arbeit gewiss freuen werden.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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