Glücklich sein ohne Gehalt

Vermutlich ist es so eine Art Gütesiegel für Blogger, wenn sie keine Aufforderung von der Huffington Post bekommen haben, dass, wenn sie schon für umsonst schreiben wollen, das doch künftig bitte für die HuffPo zu tun. Klar, mein Blog ist eh zu klein und unbedeutend – und vermutlich viel zu politisch.

Was gab es die Tage für ein Trara um diese – ja, was ist das eigentlich? Eine Zeitung ja wohl eher nicht – die HP sieht vielmehr aus wie ein eher schlecht gemachtes Blog, mit diesen ganzen hässlich mehrfarbigen Überschriften. „Vertreibung aus dem Paradies“ ist heute der Aufmacher, über diesen Luxus-Bischof Dingens-van-Bums, der, das hebt die HuffPo rot hervor, in einer 15000-Euro-Badewanne badet. Na was denn sonst? Die Titanic hatte neulich schon ein zwar fiktives, aber sonst sehr treffendes Interview mit diesem gar nicht so untypischen Vertreter der religiösen Weltmacht mit Firmensitz im Vatikan. Nee, dieses Demut-Ding ist nicht jedermanns Sache.

Aber eigentlich wollte ich ja noch was zur HuffPo schreiben, die jetzt hab ichs – genauso etwas ist, wie die Anzeigenblättchen, von denen jede Woche mehrere in meinem Briefkasten landen, obwohl da laut und deutlich „Keine Werbung“ dran steht. Werbung ist nämlich keine, wenn es ein redaktionelles Feigenblättchen drumherum gibt. Nur benutzen anständige Wochenblättchen wenigstens noch schlecht bezahlte Redakteure, Azubis und Praktikanten, um ihre Seiten zu füllen. Die HuffPo dagegen geht mit einem Geschäftsmodell hausieren, in dem die Lieferanten des eigentlichen Produkts, nämlich der Artikel, mit denen dann überhaupt erst Werbefläche generiert werden kann, nicht einmal schlecht bezahlt werden. Das ist immerhin ehrlich: Wir wollen euch, wir wollen eure Arbeit, aber ihr seit uns keinen Pfifferling wert!

Aber durch Twitter und andere Zwitschermedien haben die Leute ja gelernt, dass die neue Währung im Internet Aufmerksamkeit ist. Und die HuffPo ist halt auf der Höhe der Zeit und vergilt den Geltungsdrang ihrer Lieferanten mit der zweifelhaften Ehre, die eigenen Artikeln in der Nähe von den Absonderungen echter Promis zu platzieren. Heute hätten wir beispielsweise den Noch-Telekom-Chef René Obermann, Ex-Tennis-Profi Boris Becker, Bundesleiharbeitsministerin Ursula von der Leyen oder Nicolas Berggruen, den Karstadt-Abwickler ohne festen Wohnsitz, im Angebot. Immerhin – alles Leute, denen es gewiss nicht weh tut, mal ein paar Zeilen ohne Honorar zu liefern.

Garantiert nicht in der HuffPo: Verspäteter Beitrag zum Welttag des Hundes.

Garantiert nicht in der HuffPo: Verspäteter Beitrag zum Welttag des Hundes.

Interessant finde ich auch die Rubriken: Politik, Wirtschaft, Good, Entertainment, Lifestyle, Tech und Video. Good?! Was bitte schön soll in diesem Zusammenhang „gut“ sein?! Wenn, dann wäre doch eine Rubrik „Bad“ der Knaller! Da würde der Luxus-Bischof mit seiner Badewanne gleich doppelt reinpassen.

In Lifestyle finden sich Ratgeberperlen wie „Wollen Sie im Job glücklich sein? Dann brauchen Sie eine Superkraft“ von einer gewissen Denice Kronau, Chief Diversity Officer bei der Siemens AG. Da wundert mich gar nicht mehr, warum es mit Siemens bergab geht. In Entertainment sieht es noch mau aus, da gibt es nur die von der Startseite bekannten Artikel über Lothar Matthäus und die Jungschauspieler Michelle Barthel und Jannik Schümann „Wie war der Sex in der Turnhalle?“ sowie Deutschlands BESTE Krimis, die natürlich auch in der Rubrik Good auftauchen. Der Artikel von Boris Becker fehlt selbstverständlich in keiner der Rubriken.

Natürlich darf auch im Unterhaltungsbereich das Glück nicht fehlen: „Von diesen Nachbarn können wir lernen, glücklich zu sein“ und „Jetzt kann jeder Popstar werden“. Donnerwetter, darauf hat die Welt gewartet – das ist jetzt quasi Focus, Bild und Frau im Spiegel auf einer Seite. Nur noch viel billiger. Denn jetzt kann nicht nur jeder ein Popstar werden, sondern auch Starjournalist. Nur halt ohne Gage.

Aber man kann auch ohne eigene Wohnung glücklich werden – sofern man einen Privatjet hat, wie Wirtschafts-Kolumnist Berggruen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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