Stress macht krank

Dass die Leute zunehmend gestresst sind, ist weder neu, noch überraschend und doch geben verschiedene Institutionen immer wieder Geld dafür aus, um genau das heraus zu finden. Dieses Mal war es eine Auftragsarbeit der Techniker Krankenkasse, die unter dem Titel „Bleib locker, Deutschland!“ eine Studie zur Stresslage der Nation veröffentlicht hat. In der Zusammenfassung der Ergebnisse heißt es, dass fast sechs von zehn Befragten ihr Leben als stressig empfinden und die beunruhigende Tendenz sei, dass der Stresslevel immer weiter ansteige.

Insbesondere die Generation zwischen Mitte 30 und Mitte 40 ist betroffen – was kein Wunder ist, denn die befindet sich in der Rushhour des Lebens: Kinder, Karriere und Eltern, die langsam Hilfe brauchen – alles auf einmal und von allem zuviel, das stresst natürlich extrem. Vor allem die Frauen, denn Männer konzentrieren sich noch immer vor allem auf den Beruf, der Stress mit Kindern, Haushalt und Eltern bleibt nach wie vor an den Frauen hängen.

Dass das Leben insgesamt stressiger wird, finden aber alle – mehr als jeder zweite Deutsche hat laut TK das Gefühl, dass sein Leben in den vergangenen drei Jahren stressiger geworden sei. Dabei ist der größte Stressfaktor der Job – bei den Frauen hat die TK allerdings einen sehr viel originelleren Belastungsfaktor identifiziert: Die Frauen selbst. Diese setzen sich durch ihre hohen Ansprüche an sich selbst unter Stress. Immer wollen sie alles schaffen und alles gut machen, den Job, den Haushalt, die Kindererziehung und so weiter – klar ist das stressig. Die Frage, die die TK natürlich nicht beantwortet, bleibt aber, was die Frauen denn sonst machen sollen? Die Kinder, den Chef oder die alten Eltern einfach sich mal selbst überlassen?

Überhaupt frage ich mich, warum zwar immer wieder detailliert erfasst wird, was die Leute stresst und wie schädlich dieser ganze Stress für die Gesundheit und so weiter ist, wenn sowieso niemals ernsthaft Konsequenzen daraus gezogen werden. Wenn immer wieder festgestellt wird, dass schlechte Bezahlung und wenig Anerkennung im Job die Leute krank machen, warum zwingt man dann immer mehr Menschen, ihre Lebenszeit in schlecht bezahlten Jobs unter auch sonst beschissenen Bedingungen zu fristen? Wenn immer wieder festgestellt wird, dass Kinderbetreuung, Haushalt und Job kaum unter einen Hut zu kriegen sind, warum gestaltet man die Welt dann nicht einfach anders? Wenn immer wieder festgestellt wird, dass eine unsichere Lebensperspektive, Angst vor dem Jobverlust und zu wenig Geld zu Depressionen und Gesundheitsproblemen aller Art führen, warum richtet man die Gesellschaft dann nicht einfach so ein, dass niemand Angst davon haben muss, seinen Job zu verlieren und dann die Miete nicht mehr zahlen zu können?

Statt dessen wird minutiös aufgelistet, dass gestresste Menschen unter Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und häufigen Infekten leiden – „so rächt sich Stress“ heißt es dann. Als ob sich die Leute es aussuchen würden, gestresst zu sein und deshalb krank zu werden. Ähnlich bescheuert sind dann dann natürlich auch die guten Ratschläge, die den Gestressten mitgegeben werden: Private Konflikte vermeiden, denn Familie und Freunde sollen doch Rückzugsgebiet sein und kein weiteres Schlachtfeld. Nicht zur Flasche greifen, sondern Sport machen, um Stress abzubauen – na klar. Wer schon zu viel arbeiten muss, um sich dann noch ordentlich um Kinder und Haushalt kümmern zu können, hat bestimmt noch Zeit und Energie, sich angemessen sportlich zu betätigen. Davon mal abgesehen, dass Fitness-Studios und Schwimmbäder zu den Zeiten, wo Berufstätige überhaupt Zeit hätten, ohnehin überfüllt oder geschlossen sind.

Es gab vor einigen Jahrzehnten mal die verrückte Idee, die Gesellschaft einfach nach den Bedürfnissen der arbeitenden Menschen zu gestalten. Mit weniger Stress, dafür aber guten Schulen, in denen möglichst alle möglichst alles lernen konnten, billigen Wohnraum und günstigen Grundnahrungsmitteln, einer flächendeckende Kinderbetreuung, umfassenden Gesundheitsleistungen, einem reichhaltigen Freizeit- und Kulturangebot für alle, sicheren Arbeitsplätzen und so weiter und so fort. Ein herrlich stressfreies Leben für alle Werktätigen!

Aber dieses Modell widersprach den Vorstellungen der Kapitalismus-Lobby, die deshalb alles daran setzte, diese Gesellschaft zu zerstören. Was auch gelang, damals 1989. Die Zauberworte waren Freiheit, Demokratie und Westgeld – bekommen haben die Leute Freiheit, Demokratie und Eurokrise. Und jede Menge Stress.

Es wäre höchste Zeit, es noch einmal anders zu versuchen. Ein schöneres Leben mit weniger Stress – ich wäre sofort dabei!

Herbststimmung - zur stressfreien Betrachtung.

Herbststimmung – zur stressfreien Betrachtung.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Stress macht krank

  1. Unbekannt schreibt:

    Stress wird abgelehnt oder schön geredet – das Maß macht das Gift oder die Medizin – freut mich, dass Du Dich dem Thema widmest. Überhaupt, gewichtiger Blog!

  2. Der Emil schreibt:

    Oh. Wir haben Freiiet gewonnen? Darüber könnte ich stundenlang diskutieren … Und Demokratie? Naja, zumindest den Lobbyismus, der dazugehört …

    • modesty schreibt:

      Oh ja, die Leute haben Freiheit bekommen, dass es nur so kracht – allerdings sind die meisten dafür nicht besonders dankbar. Das sage nicht ich, sondern beispielsweise Herr Gauck, das habe ich aber auch schon hundertmal in irgendwelchen anderen Freiheitspredigern gehört. Ich behaupte allerdings nicht, dass Freiheit was ganz Tolles wäre, so wie es eben jene tun. Freiheit ist eben nicht die Möglichkeit, zu tun, was einem beliebt, sondern die verdammte Pflicht, sich um jeden Scheiß selbst zu kümmern. Und für Demokratie gilt dasselbe: Nur weil es jetzt mehr Auswahl an Parteien gibt, heißt das ja nicht, dass es fürs Volk lustiger geworden wäre, sich demokratisch regieren zu lassen.

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