Glückswoche in der ARD

In dieser Woche ist ja allerlei über Glück berichtet worden – und fast alles hat mich aufgeregt, auch wenn ich bisher nicht so richtig dazu gekommen bin, meinen Ärger über dieses ganze Glücksgefasel zu artikulieren. Denn glücklicherweise habe ich ja einen Job, der mich fordert und ausfüllt, auch wenn ich unglücklicherweise gar nicht so gut dafür bezahlt werde.

Natürlich ist schon richtig, dass „glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Insofern ist Glück durchaus eine Sache von Vernunft und Einsicht – wer ewig damit hadert, dass es das Leben mit ihm oder ihr nicht so gut gemeint hat, wie mit anderen, wird ums Verrecken nicht glücklich werden, selbst wenn es den Leuten objektiv gesehen eigentlich total gut gehen könnte. Aber wie man ja aus Groschenromanen und der aktuellen Glücksforschung lernen kann, liegt das Glück oft in den kleinen Dingen, und wer bescheiden bzw. klug genug ist, sich auch mal danach zu bücken, kann es schon finden.

Andererseits ist genau diese Aufforderung zum Einfach-mal-mit-dem-glücklich-sein-was-man-halt-hat, etwas, das mich wahnsinnig aufregt – natürlich ist die Propaganda der glücksbringenden Selbstbescheidung schon immer die billigste Lösung gewesen, um möglichst viele Menschen glücklich zu machen. Ganze Weltreligionen tun seit Jahrtausenden nichts anderes, als den Leute ewige Glückseligkeit zu versprechen, wenn sie diese blöden irdischen Dinge, die man für ein angenehmes Leben eigentlich braucht, einfach mal nicht so wichtig nehmen und sich statt dessen auf ihr nächstes Leben konzentrieren, das dann ganz bestimmt in einer besseren Welt statt findet, wenn sie in dieser leider nicht so guten auch schön brav sind. Opium fürs Volk hat das mal einer genannt und bis heute recht damit. Heute wird das Opium halt nicht mehr von den Priestern, sondern von Lebensberatern, Motivationstrainern, Personal Coaches oder wie man solche Psycho-Gurus sonst noch nennt, verabreicht – Bücher wie „Sorge dich nicht lebe!“ haben deshalb Millionen-Auflagen. Aber natürlich kriegt man ein System wie den Kapitalismus nicht zum Laufen, wenn man nur Bescheidenheit predigt – das ist einerseits gut, wenn es darum geht, den Leuten möglichst wenig Lohn zahlen zu müssen, denn Geld allein macht ja nicht glücklich.

Andererseits braucht es aber Wachstum! Wachstum! Wachstum! und jede Menge Geld, um das System am Laufen zu halten, das kann man ja gerade in diesen Zeiten sehen, wo Geld ohne Ende gedruckt und vernichtet wird. Allerdings ohne dass die Leute damit glücklicher werden. Könnte man eigentlich mal drüber nachdenken.

Das wäre aber fatal für alle, die derzeit vom Unglück der Massen profitieren. Deshalb gibt es auch jede Menge gegenläufige Propaganda, die behauptet, dass jeder seines Glückes Schmied ist und verspricht, dass man unheimlich glücklich wird, wenn man die richtige Zahnpasta, die richtigen Klamotten, das richtige Handy, das richtige Auto, das richtige Eigenheim, den richtigen Lebenspartner oder was auch immer hat. Die ganze Werbeindustrie ist ein einziges Glücksversprechen, und das regt mich auch wieder wahnsinnig auf. Denn objektiv ist das alles natürlich ein grandioser Blödsinn, und jeder, der es wissen will, weiß natürlich, dass das Lebensglück nicht davon abhängt, im richtigen Moment die richtige Marke gewählt zu haben. Dass überhaupt so viel Glücksforschung betrieben wird, zeigt ja, dass die Welt, in der wir leben, kein Hort der Glückseligkeit ist.

Nach dem, was ich in den letzten Tagen an Berichten aus der Glücks- oder Zufriedenheitsforschung gelesen habe, gibt es zwei zentrale Erkenntnisse, die sich auf den ersten Blick widersprechen:

1. Das Glück steigt nicht proportional zum erreichten Lebensstandard, die Menschen sind jetzt nicht glücklicher als ein, zwei oder drei Generationen zuvor

2. Geld macht irgendwie doch glücklich: Wer über einen höheren Lebensstandard verfügt, ist glücklicher als Menschen, die weniger haben

Zu Punkt eins: Es gibt ja immer wieder diese Vergleichsstudien, die ergeben, dass Menschen in Ländern, wo die Leute gemessen am westlichen Industriestandard arm sind, sich glücklicher fühlen. Das mag damit zusammenhängen, dass die einfach froh sind, wenn sie genug zu essen und ein Dach über dem Kopf haben. Es gibt auch Untersuchungen aus den Industrieländern, die nahelegen, dass die Lebenszufriedenheit der Leute rasant ansteigt, wenn die Masse der Menschen nicht mehr von existenzieller Not bedroht ist, also nicht hungern und frieren muss. Nimmt von diesem niedrigen Niveau aus das Durchschnittseinkommen zu, dann sind die Leute erstmal furchtbar glücklich, wenn sie sich nicht nur eine Wohnung und genug zu essen, sondern auch noch einen Kühlschrank oder hübsche Gardinen leisten können.

Wenn aber der materielle Wohlstand immer weiter rasant ansteigt, nimmt das Glücksgefühl nicht mehr weiter zu. In den Industrieländern, die seit dem zweiten Weltkrieg ja eine Vervielfachung des Bruttoinlandsprodukts und der Durchschnittseinkommen erlebt haben, sind die Leute ungefähr so glücklich wie vor 60 Jahren und eben nicht vier- fünf- oder gar zehnmal so glücklich, obwohl sie sich entsprechend mehr leisten können. Insofern trifft dann schon zu, dass Geld allein nicht glücklich macht. Es ist eher die Sicherheit, die glücklich macht – wer genug Geld hat, um sich über seine Zukunft keine Sorgen machen zu müssen, ist nicht nur objektiv glücklicher dran, als jemand, der nicht weiß, wovon er im nächsten Monat die Miete zahlen soll. Natürlich fühlt sich das auch besser an – nicht umsonst leben wohlhabende Menschen deutlich länger als arme. Allerdings kommt jetzt auch der ganze Wachstums- Konkurrenz- und Konsumwahn zum Tragen: Wenn der Nachbar das größere Haus, das dickere Auto, die schönere Frau hat, ist es mit der Zufriedenheit schnell wieder vorbei. Die Tretmühle des Glücks dreht sich immer schneller, aber das Immer-mehr macht nicht glücklicher, im Gegenteil, kaum jemand ist so versessen auf noch mehr Milliarden, wie die Leute, die eh schon stinkreich sind. Für das Bruttosozialglück der Menschheit wäre es sehr viel besser, die Milliarden der getriebenen Glücksritter einfach an alle bisher weniger glücklichen zu verteilen.

Aber leider geht der Trend in die andere Richtung: Während die einen immer reicher, aber nicht glücklicher werden, werden immer mehr Menschen immer ärmer – und die elende Diskussion um Mindestlohn und Grundrente zeigt, dass die Herrschenden in Wirtschaft und Politik der Ansicht sind, dass es den Leuten hierzulande ja eigentlich noch viel zu gut geht. Schließlich sind Inder und Chinesen mit viel weniger glücklich – und die aktuelle Glücksdebatte lässt mich befürchten, dass der Glücksratgeber-Industrie noch weitere fette Wachstumsjahre bevor stehen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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4 Antworten zu Glückswoche in der ARD

  1. Der Emil schreibt:

    Also nimm es bitte nicht persönlich, ich verstehe Dich und das, was Du hier schreibst, sehr gut. Aber:

    Ich fühle mich zu Unrecht abgewatscht. Bin ich doch nicht auf Habenhabenhaben aus oder viel Geld, sondern auf Zufriedenheit. Auch mit wenig. Ständig neidisch und mißgünstig sein macht nicht glücklich …

    Das Glücksdiktat (Besitz- und Kaufverherrlichung, Schlankheitswahn, Lohnarbeitspriorität usw.) ist einfach falsch, so glaube ich …

    • modesty schreibt:

      Ja, das denke ich auch: Das Glücksdiktat ist falsch. Weil es auf lauter falschen Versprechen beruht. Zum einen auf Haben-haben-haben-müssen, was fatal ist. Zum anderen aber auch auf der notwendigen Selbstbescheidung der Massen, weil ja in dieser Gesellschaft eben nicht jeder alles einfach so haben kann. Was genauso fatal ist. Auch wenn ich ja eingangs schrieb, dass es natürlich vernünftig ist, nicht ständig nach dem zu schielen, was man eh nicht haben kann und halt lieber mit dem zufrieden ist, was man hat.

      Das Problem daran ist, dass Menschen, die sich damit abgefunden haben, mit wenig zufrieden zu sein – und das sind viele! – dann halt nicht mehr auf die Straße gehen, um mehr zu fordern. Und davon profitieren die, die eh mehr als genug haben – die können sich weiter die Taschen und den Hals auf Kosten der Bescheidenen vollstopfen.

      Natürlich geht es mir nicht darum, jetzt Gier und Habsucht zu propagieren, im Gegenteil! Es geht mir darum, zu zeigen, dass die Glückspropaganda in dieser Gesellschaft dafür sorgt, dass jeder sich sein persönliches Glück zurecht basteln kann, ohne, dass sich an den herrschten Zuständen etwas ändern müsste. Die nun einmal so eingerichtet sind, dass den einen nichts anderes übrig bleibt, als das Glück im Verzicht zu finden, während die anderen sich glücklich kaufen können.

      Ich fände es schöner, eine Gesellschaft zu haben, in der sich niemand mehr glücklich kaufen müsste, weil die Leute einfach alles hätten, was sie für ein glückliches Leben brauchen.

      • Der Emil schreibt:

        Ach so. Zu den Trägen, die nichts fordern auf der Straße, gehöre ich allerdings auch nicht. Sich zu bescheiden heißt nämlich nicht, daß keine Wünsche/Erwartungen /nichterfüllte Rechte übrigblieben. 😉

  2. modesty schreibt:

    das wollte ich dir auch nicht unterstellt haben!

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