Deutsche Schule: Der schiefe Schluss aus PISA

Ach ja, Pisa. Das war doch die Stadt in der Toskana mit dem schiefen Turm, von dem Galileo Galilei allerlei Gegenstände warf, um die Fallgesetze zu studieren. Und gleichzeitig der Name für das Erbeben, das den Glauben an die quasi naturgegebene Überlegenheit des deutschen Bildungswesens zerstörte. Im ersten PISA-Test im Jahr 2000 schnitten deutsche Schülerinnen und Schüler nur mäßig ab. Daraufhin brach nicht nur in deutschen Kultusministerien erst das blanke Entsetzen und dann wilder Aktionismus aus. Plötzlich fiel nämlich auf, dass es eine ganze Menge Schüler in Deutschland gibt, die buchstäblich nicht 1 und 1 zusammenzählen können und auch die deutschen Klassiker nicht kennen – ja, sie nicht einmal lesen können, wenn sie denn wöllten! Das ist schon eine Leistung in einem Land, wo junge Menschen mindestens 9 Jahre lang zur Schule gehen müssen, wo sie ja mehr als den halben Tag mit Unterricht traktiert werden. Wie schafft man es, dass dann in dieser ganzen Zeit nicht einmal einfachste Kenntnisse, die für das spätere Leben durchaus hilfreich sind, vermittelt werden?!

Klar, die meisten lernen rechnen, lesen und schreiben und inzwischen erwerben sie nebenbei – fürs Studium und Berufseinstieg auch sehr wichtig – ein solides Maß an Test-Kompetenz. Denn damit kann man gar nicht früh genug anfangen. Statt zu versuchen, Dinge wirklich zu verstehen, lernt der Schüler von heute, wie man sich mit strategischem Raten durch Multiple-Choice-Bögen arbeitet und mit wenig Zeitaufwand testkonforme Phrasen ins Kurzzeitgedächtnis hämmert, die dann auf Freitextfeldern angeordnet werden können. „Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst“ hieß es in einer meiner ersten Psychologie-Vorlesungen. Als ich kapierte, dass das kein Witz, sondern eine der wenigen validen Aussagen war, die man in diesem Fach treffen kann, brach ich das Studium ab.

Tja, dazu muss man die Augen allerdings auch mal aufmachen.

Tja, dazu muss man die Augen allerdings auch mal aufmachen.

Auch im aktuellen PISA-Test sind die Ergebnisse für Deutschlands Schüler wieder ziemlich mittelmäßig – auch wenn die Überschriften heute etwas anderes nahelegen. Aber mal ehrlich – wenn in Mathe dieses Mal im Durchschnitt 514 statt 513 Punkte erreicht wurden, heißt das überhaupt nichts. Es kann genauso gut sein, dass die Leute, die die ganzen Tests auswerten müssen, eher ein Auge zugedrückt haben und die Schüler so mäßig rechnen wie in den vergangenen Jahren auch.

Aber weil es inzwischen gefühlt jedes Jahr irgendeine eine Schulreform gegeben hat, greifen Politiker und Journalisten nach jedem Strohhalm, der irgendwie nach Erfolg aussieht. Dabei dürften die „Verbesserungen“ in erster Linie darauf zurückzuführen sein, dass Lehrer und Schüler nun wissen, worauf es bei den Tests ankommt und sich entsprechend darauf vorbereiten. Ansonsten hat keine der überstürzten Maßnahmen wirklich was gebracht. Was aber auch kein Wunder ist – denn die ganzen Schulreformen sollten ja in erster Linie Geld einsparen, das für wichtigere Dinge gebraucht wird (Eurorettung und so weiter) und nebenbei schneller Nachwuchs für die Wirtschaft bereit stellen. Anders sind die ganzen Schulzeitverkürzungs-Maßnahmen von der Einschulung mit 5 Jahren bis zu G8 nicht zu erklären. Der eigentlichen Bildung, die nun einmal vor allem Zeit zum Nachdenken und Reifen braucht, ist so ziemlich alles abträglich, was in der letzten Zeit an Schulreformen beschlossen und umgesetzt wurde.

Ob und was die Kinder in der Schule lernen ist ohnehin bestenfalls zweitrangig, denn Schule ist in erster Linie zum Vorsortieren da: Wer gutverdienende Akademiker-Eltern hat, macht Abitur, wer aus einem Hartz-IV-Haushalt kommt, braucht das sowieso nicht und wird es erwartungsgemäß auch kaum schaffen. Diese Aufgabe erfüllt das deutsche Schulsystem nach wie vor hervorragend – das einzige Problem ist der Image-Schaden: Die PISA-Ergebnisse sind halt nicht so dolle, wenn man die Kinder von bestimmten Bevölkerungsgruppen schon während der Grundschule als weniger tauglich aussortiert. Das reißen ein paar optimal trainierte Gymnasiasten dann nicht mehr raus.

Ach ja, und die Wirtschaft klagt, dass inzwischen so viele Schulabgänger produziert werden, die gar nicht ausbildungsfähig sind, dass sie die viel zu wenigen Ausbildungsstellen gar nicht besetzen kann. Okay, die Wirtschaft jammert natürlich auf hohem Niveau – nachdem sie sich in den vergangen Jahrzehnten die Abiturienten unter den Bewerbern heraus picken konnte, muss sie jetzt halt auch die Hauptschüler wieder genauer ansehen.

Was das PISA-Problem angeht, könnte man sich natürlich auch einmal fragen, was daran eigentlich so schlimm ist, wenn die Test-Ergebnisse schlecht sind. Wer hat PISA überhaupt „erfunden“? Und wozu? Nun wird es interessant: Das war nämlich die Wirtschafts-Beratungs-Lobby-Organisation OECD, die wiederum fünf Forschungseinrichtungen mit der Entwicklung einer kompletten Test-Industrie beauftragt hat. Bei vier dieser Forschungseinrichtung handelt es sich um privaten Unternehmen, die PISA entwickelt und den ganzen Schnulli an etliche Staaten verkauft haben. Na klar, auch hier geht es um Geld. Auch die deutschen Länder lassen sich die ganze Testerei einiges kosten. Professor Georg Lind von der Uni Konstanz hat Zufallsfunde einiger Zahlen zusammengestellt.

Natürlich ist es zu kurz gegriffen, PISA schlicht als Gelddruckmaschine für eben jene eigens dafür geschaffene Test-Industrie zu begreifen. Das ist eben nur ein Aspekt. Ein anderer ist es, die bislang sehr unterschiedlichen Bildungssysteme verschiedener Staaten anzugleichen und Bildung zu globalisieren, sprich zu vereinheitlichen. Wobei die eigentliche Bildung im Sinne von Individualisierung und Differenzierung zugunsten einer normierten und vereinheitlichten Wissensvermittung aufgegeben wird. Es geht darum, bestimmte, für die Wirtschaft nützliche „Qualitätsanforderungen“ als Bildungsziel für alle OECD-Staaten durchzusetzen.

Nun würde ich auch nicht im Umkehrschluss behaupten wollen, dass die mäßigen PISA-Test-Ergebnisse belegen würden, dass die deutschen Schüler zum Glück noch nicht so normiert und angepasst sind, wie die Schüler in Finnland, Japan oder Kanada. Ich habe zu meiner Schulzeit schon nicht so viel vom deutschen Schulwesen gehalten und jetzt, wo meine Kinder da durch mussten, halte ich noch weniger davon. Durch diese ganze PISA-Hysterie ist Schule noch geisttötender geworden als sie in den 70er und 80er Jahren war. Trotz der ganzen netten Ideen, mit denen die engagierten Grundschullehrerinnen meiner Kinder versucht haben, das Lernen für alle erträglich zu machen. Es gab zwischendurch Bewegungsspiele, im Morgenkreis konnten die Kinder von Dingen erzählen, die sie bewegt haben, es gab viele Exkursionen, die Schulhöfe wurden wunderschön gestaltet, keine Betonwüsten mehr wie in meiner Schulzeit – aber am Ende ging es immer nur um die Punktzahl im Test.

Es hat nicht lange gedauert, bis ich verstand, dass die ganzen schönen ganzheitlichen Konzepte, mit denen die Schulen plötzlich um Schüler warben – die Jahrgänge Anfang der 90er Jahre waren ja die geburtenschwachen nach dem Anschluss, da mussten die Schulen sich um Schüler bemühen – für die Eltern da waren, die ihr Kind halt lieber auf eine Schule mit musischem, ökologischem oder sonstigen Profil schicken wollten. Und nicht für die Kinder. Denn mit dem schönen Profil war es immer ziemlich schnell vorbei, wenn das Schuljahr losging. Die neu eingerichtete Schulküche, in der die Kinder unter anderem lernen sollten, wie man sich gesund ernährt, hat mein Sohn vielleicht einmal pro Schuljahr von innen gesehen – um Popcorn für das Hoffest zuzubereiten.

Warum ist das eigentlich kein Bestandteil des Pisa-Tests? Sollte nicht jeder Mensch wissen, wie man selbst gesunde und wohlschmeckende Mahlzeiten zubereitet? Sollte nicht jeder Mensch zumindest die wichtigsten Pflanzen und Tiere seiner Umgebung kennen? Sollte nicht jeder Mensch in der Lage sein, zu fragen, wozu der ganze Scheiß im derzeitigen Lehrplan gut ist?!

Und vor allem sollte jeder dann in der Lage sein, sich einen vernünftigen Reim darauf zu machen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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