Vorweihnachtszeit

Die Vorweihnachtszeit ist für mich immer eine Zeit der Depression: Es wird spät hell, viel zu früh dunkel und eigentlich möchte ich mir nur die Decke über den Kopf ziehen und das Elend der Welt da draußen vergessen. Zumal ich weder ans Christkind, noch an den Weihnachtsmann und erst recht nicht an den Kapitalismus glaube. Ich hab nichts gegen Kerzenschein und Besinnlichkeit, aber dieser ganz Kauf-mich-kauf-mich-kauf-mich-Terror im Namen der heiligen Familie, die zu Weihnachten doch endlich mal richtig schön mit einander konsumieren soll – boah, ich kann es jedes Jahr weniger ertragen. Dabei habe ich nicht mal was gegen Familie, hab schließlich selbst eine, aber genau deshalb weiß ich sehr genau, dass Familie so ziemlich das schlechteste Modell ist, wenn man ein ruhiges und harmonisches Leben wünscht.

Dabei hat es mir durchaus Freude bereitet, für die Kinder, als sie noch klein waren, „richtig“ Weihnachten zu machen, mit selbst gebastelten Adventskalendern, Adventskranz und Weihnachtsbaum. Aber jetzt sind sie groß und wohnen hauptsächlich noch bei Mama, weil das Ausziehen heutzutage so unglaublich teuer geworden ist – ein billiges Zimmer im zweiten Hinterhof mit Klo auf halber Treppe, so etwas gibt es ja nicht mehr. Zumindest nicht für 80 Mark im Monat. Inzwischen sind die Mieten allein schon höher als die knickrig berechneten Bafög-Sätze. Und auch sonst – was immer derzeit an Lügen über gefühlte und tatsächliche Inflation verbreitet wird, das Leben ist in den vergangenen Jahrzehnten und besonders krass seit der Einführung des Euro immer schneller immer teuer geworden, und zwar nicht nur wegen rasant steigenden Mieten und Energiepreise.

Alles dreht sich immer schneller - Weihnachtsmarkt in Berlin

Alles dreht sich immer schneller – Weihnachtsmarkt in Berlin.

Ich kann mich gut erinnern, dass es auch bei den teureren Supermärkten hier in Berlin Mitte zumindest im Herbst zur Erntezeit auch mal Sonderangebote etwa bei Kartoffeln, Karotten oder Äpfeln gab, 5-Kilo-Sack Kartoffeln für einen Euro, 2 Kilo Karotten für einen Euro, 3-Kilo-Korb Äpfel für 2 Euro oder ähnlich. Gibts nicht mehr. Inzwischen bekommt man mit etwas Glück mal ein Kilo vernünftiger Äpfel ausnahmsweise für 1,79 Euro oder 2,5 Kilo Kartoffeln für 1,99. Nudeln gab es vor gar nicht so langer Zeit bei Kaisers für 39 Cent für 500 Gramm, und zwar die guten von de Niro. Jetzt liegt der Standard-Preis für die Standard-Nudel bei 99 Cent. Ja, okay, man kann auch wo anders einkaufen.

Aber als berufstätige Alleinerziehende habe ich nun mal weder Zeit noch Energie, nach einem langen Arbeitstag noch extra zu einem Discounter zu fahren, der Kaisers liegt nun mal auf dem Weg von der S-Bahn nach Hause, also kaufe ich da jeweils ein, was wir für den Tag noch brauchen und richte mich beim Kochen nach dem jeweiligen Angebot. Und weil ich das seit Jahren so mache, kann ich ganz gut vergleichen – ich kaufe schließlich seit Jahren Obst und Gemüse, Milch, Nudeln und so weiter für drei Menschen ein. Und der Betrag, den ich dafür hinlegen muss, wird immer größer – und zwar sehr viel größer, als er laut offizieller Inflationsrate sein dürfte. Mag sein, dass das unseren Politikern, die ja deutlich mehr verdienen als ich, nicht so auffällt, weil die einerseits nicht selbst einkaufen gehen und andererseits eh nur einen geringen Teil ihres Einkommens für die profanen Dinge des täglichen Lebens aufwenden müssen. Für Menschen wie mich, deren Gehalt gerade ausreicht, um alles Lebensnotwendige bezahlen zu können, spielt es durchaus ein Rolle, ob ein Kilo Kartoffeln zwei Euro kostet oder man für einen Euro zwei Kilo bekommt.

Die da oben rechnen nur mal nach, wenn es um einen Mindestlohn für alle geht, der mit 7,50 Euro ja ohnehin schon deutlich unter dem angesetzt ist, was man eigentlich verdienen müsste, um in heutigen Zeiten zumindest halbwegs anständig leben zu können. Dabei kann man auch mit einem Lohn von 15 Euro pro Stunde noch keine großen Sprünge machen. Aber Menschen, die für einen einzigen Vortragsabend schon das Jahresgehalt eines Geringverdieners einstreichen, können sich einfach nicht vorstellen, was es heißt, von einem solchen Gehalt leben zu müssen. Die finden dann, dass man notfalls auch für 4 Euro pro Stunde arbeiten müsse, damit sich das Geschäft für den Chef noch lohnt. Denn darauf kommt es ja an: Die Leistungsträger müssen verdienen, das Volk braucht nur zu arbeiten. Weihnachtsgeschenke wird es auch in diesem Jahr nicht geben, egal was für eine Regierung am Ruder ist.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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