Und jetzt die Nachrichten

Muss das wirklich sein? Dass die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin ganz oben in den Nachrichten steht, ist auch nicht schön, aber doch wenigstens nachvollziehbar: Dem Volk muss schließlich Mut zugesprochen werden, damit es angesichts der Krise nicht verzagt und auch morgen noch in die Hände spuckt, um sich selbst am Schopfe aus dem Dreck zu ziehen. Aber Michael Schumacher? Es tut mir ja auch leid, dass der Mann auf den Kopf gefallen ist. Aber Skifahren ist nun mal ein gefährlicher Sport, sogar für mehrfache Formel-1-Weltmeister. Und es ist immer besser, einen Helm zu tragen. Auch das haben wir kapiert. Also bitte, jetzt zur Tagesordnung zurück. Ohne Live-Ticker zum Schumi-Unifall. Warum wird sowas nicht verboten? In Kinderbüchern darf ein Negerkönig nicht mehr Negerkönig heißen, aber eine persönliche Tragödie eines zugegebenermaßen relativ bekannten Mannes darf nachrichtentechnisch noch brutaler ausgeschlachtet werden, als beispielsweise das massenhafte Abzocken von Internet-Nutzern, die sich bei Redtube einen Porno-Stream angesehen haben und jetzt damit erpresst werden?

Es gibt doch noch genug andere Aufreger, etwas die Hass-Kampagne der CSU gegen die Abzocker aus dem Ausland, die nur nach Deutschland kommen, um hier Kindergeld zu kassieren. Aber wenn man den Satz „Wer betrügt, der fliegt“ aus dem besagten Strategiepapier ernst nehmen würde, müsste ja ganz andere fliegen, Stichwort Uli Hoeneß. Aber der hat ja eine ähnliche Verwandlung hingelegt, wie der Wirtschaftskriminelle Michail Chodorkowski, der inzwischen als Märtyrer der russischen Demokratiebewegung gefeiert wird. War auch super demokratisch: Chodorkowski hat sich erst das Tafelsilber der russischen Ölindustrie unter den Nagel gerissen, um es dann billig ins Ausland zu verscherbeln – ist klar, warum der Westen den Mann so gern hat – aber hat es mit seiner persönlichen Selbstbereicherung dann aber doch so übertrieben, dass er in den Bau gefahren ist. Aber die Schweiz hat Chodorkowski ein schönes Schengen-Visum ausgestellt, mit dem er jetzt sein Geld in der Schweiz besuchen kann. Außerdem, so klein ist die Welt, wohnt in der Schweiz ja auch Michael Schumacher.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Und jetzt die Nachrichten

  1. KHM schreibt:

    Der Fall Yukos (GS 4-2003)
    Der Gegensatz zwischen Staatsmacht und privater Geldmacht in Russland

    Der russische Staat hat den Kapitalismus eingeführt mit der Berechnung, dass sich über den Erfolg privater Geschäftssubjekte auch der nationale Erfolg einstellt. Beides tritt aber auseinander, und es entsteht der Verdacht, dass die Oligarchen Russland ausnutzen, statt ihm zu dienen. Ein Machtkampf zwischen Staat und Kapital ist die Folge: Russland will die nationalen Ressourcen für sein strategisches Interesse einsetzen, das Land zur Energiemacht auszubauen, und beansprucht dafür die Aufsicht über das Rohstoffgeschäft. Die Oligarchen betrachten dies als unzulässige Einmischung, versuchen, ihr Geschäft dem russischen Zugriff zu entziehen und Einfluss auf die Politik zu nehmen. Der Westen hat wirtschaftliche Interessen an den russischen Rohstoffen, weshalb aus „Räuberbaronen“ wichtige, ehrenwerte Geschäftspartner werden. (…)

    http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2003/4/gs20034c09.html

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