Kleine Reflektion über Fernsehen, Lifestyle und Werbung

Meine Vorweihnachtsdepression ist übergangslos in eine Postjahreswechselkrise übergegangen: Das neue Jahr droht genau so beschissen zu werden, wie das alte Jahr gewesen ist. Möglicherweise auch schlimmer. Für jeden, der nicht völlig blöd in der Birne ist, muss einfach klar sein, dass es alles im Desaster enden wird. „Wir“ gegen „die anderen“ – „die anderen“ gegen „uns“. Dabei geht es doch genau das, was „die da oben“ propagiert haben: Den totalen Wettbewerb. Bei den derzeit verbreiteten Durchhalteparolen im Kampf um Lebensstandard und Exportweltmeisterschaft fehlt nur noch das finale „Volk steht auf, Sturm brich los!“

Aber es ist gar nicht so, dass ich die ganze Zeit unglücklich wäre. Nein, das bin ich gar nicht. Genau wie alle andern habe ich gelernt, mich in meinem Elend einzurichten und dabei froh vor mich hin zu funktionieren. Und rein objektiv geht es mir im Vergleich zur globalen Durchschnittsexistenz ziemlich gut. Ich muss immer wieder irgendwelche Leichen aus meinem Kühlschrank entsorgen, weil ich wieder mehr eingekauft habe, als ich essen kann, meine Wohnung ist warm und trocken, ich muss meinen Kleiderschrank unbedingt mal wieder ausmisten und ich habe Internet, Fernsehen und Regale voller Bücher. Aber trotzdem bin ich furchtbar unzufrieden mit der Gesamtsituation. Und politisch ist alles hoffnungslos wie eh und je – ich bin es einfach müde, immer und immer wieder über die gleichen Dinge zu lamentieren. Obwohl es natürlich weiterhin nötig ist, solange sich nichts daran ändert, dass Menschen wie ich und vermutlich die meisten meiner Leser und Leserinnen, sich halt jeden Tag aufs neue im Kampf ums tägliche Brot abstrampeln müssen, während andere sich die Taschen füllen.

Also bediene ich mich eines kleinen Tricks, um meine Schreibhemmung für mein Blog zu überwinden: Wenn Politik zu schlimm ist, versuchs doch einfach mal mit Lifestyle. Über die Feiertage habe ich viel ferngesehen, allerdings nicht das aktuelle Programm, sondern meine Bestände von Festplatte. Herrlich. Sich einfach mal total abkoppeln, von dem was läuft. In anderen Welten versinken. Das, was früher die großen Romane gewesen sind, die ich sehr geliebt habe, sind mittlerweile gute Fernsehserien – Sopranos, Six Feet under, Breaking Bad, Mad Men.

Mir ist aber auch aufgefallen, dass es ein anderes Genre gibt, von dem ich nicht allzuviel mitkriege, weil ich kaum „echtes“ Fernsehen einschalte: Werbespots. Natürlich kenne ich welche und bei den meisten ist es sicherlich überhaupt nicht schade darum, sie nicht zu kennen. Und bei den wirklich guten dieser Kurzfilme frage ich mich, warum eigentlich so viel Kreativität für Werbung verballert wird, wo man sie doch einfach auch aus Spaß an der Freude verballern könnte, wenn man denn schon so unglaublich kreativ ist. Aber klar, man braucht halt die Kohle. Versteh ich dann doch wieder total.

Konkret meine ich diesen – ja, keine Ahnung, was „Alter Ego“ eigentlich ist. Ich habe wie gesagt ziemlich viele Serien gesehen und war völlig von den Socken, dass dieser H&M-Spot in nicht einmal sechs Minuten einige meiner Lieblingsserien auf den Punkt bringt: Die BBC-Serie Luther, um einen unkonventionellen Detective Chief Inspector von der Londoner Serious Crime Unit (SCU), die in einem sehr düsteren London spielt, die ebenfalls von der BBC produzierte Serie Criminal Justice, bei der das Verhängnis für den Protagonisten Ben Coulter mit der Spritztour im Taxi seines Vaters durch das nächtliche London beginnt, und The Killing, das Remake der dänischen Serie Das Verbrechen, in dem Joel Kinnaman der Verbrechensbekämpfung ein so gar nicht durchgestyltes Gesicht verleiht, so dass man ihn hier kaum wieder erkennt.

Was machen die da eigentlich?! Wobei ich auch nicht schlimm finde, dass H&M Joel Kinnaman ein Image-Video widmet, denn der ist ganz großartig. Wobei ich ich mir auch Idris Elba oder Ben Whishaw gut in dem Clip vorstellen könnte – allesamt ganz fantastische Schauspieler, die nicht nur gut aussehen, sondern auch sehr interessante Typen spielen, von denen man nicht so genau weiß, auf welcher Seite sie eigentlich stehen. Ich weiß auch nicht, auf welcher Seite ich stehe: verlinke ich jetzt wirklich einen Werbespot? Und dann noch von H&M?

In der Mode ist H&M ja schließlich das, was Ikea für den Einrichtungsmarkt ist: Ein Konzern, den man für seine Allgegenwart liebt und hasst. Obwohl man sich selbst nicht so richtig ernst nehmen kann, wenn man den eiskalten Geschäftssinn kritisiert, mit denen diese Unternehmen zu beherrschenden Imperien ihrer Branche aufgestiegen sind. Klar ist es, dass bei den vergleichsweise niedrigen Preisen, die man für H&M-Klamotten oder für Ikea-Möbel zahlt, die Leute, die das Zeug herstellen, kein besonders schönes Leben haben können. Andererseits haben es die Arbeiter, die teure Luxusartikel wie iPhones zusammenschrauben auch nicht besser. Und natürlich weiß man auch, dass diese Konzerne dennoch ordentliche Gewinne abwerfen – bei den teuren Luxusartikeln ist die Gewinnspanne noch deutlich höher. Aber der Durchschnittsmensch möchte halt schöne Dinge zum günstigen Preis. Und das kriegen die sowohl bei H&M als auch bei Ikea ganz gut hin.

Trotzdem ist es irgendwie auch schick, über die Uniformität zu jammern, die mit der Dominanz dieser beiden Schweden-Konzerne einhergeht. Wo bleibt den der Individualismus, wenn in jedem Kleiderschrank H&M zu finden ist, genau wie sich in jeder Wohnung der westlichen Welt Ikea befindet?Mir fiel in der israelischen Serie Hatufim sofort auf, dass auch die Israelis ihre Häuser mit Küchen von Ikea ausstatten – und auch in US-Serien ist immer häufiger Ikea zu sehen. Und ich finde das auch gar nicht schlimm, denn viele Dinge von Ikea haben ein universelles, klassisches Design, das einfach überall hin passt. Mit den Klamotten von H&M ist es ganz ähnlich: Neben dem ganzen gar nicht mal so billigen Saison-Schrott, der dort angeboten wird, gibt es immer wieder Klassiker zum günstigen Preis, aus denen man seinen eigenen Stil kreieren kann. Was man laut Werbespot auch tun soll, solange man H&M dafür benutzt. Dazu fällt mir allerdings noch etwas ein, das ich neulich in der Rubrik „Briefe an die Leser“ in der Titanic las:

Und Du, H&M,

wirbst in Deiner neuen Kampagne damit, Kindern in Bangladesch eine Schulbildung zu ermöglichen. Duale Ausbildung, großartige Idee! Kriegt jetzt jedes Kind ein Buch zur Nähmaschine? Wird auch eine AG »Textiles Gestalten« angeboten? Und wo wir gerade dabei sind, Herr Hennes und Frau Mauritz, was haben die Kleinen denn eigentlich für Unterrichtsstoffe? Fragen sich die Jubelperser der Titanic.

Und ich mich auch.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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