Die deutsche Forschung und der Krieg

Dass zivile deutsche Forschungseinrichtungen in den vergangenen Jahren Rüstungsforschung betrieben haben, ist ja weder neu, noch überraschend. Allerdings scheint noch deutlich mehr für kommende Kriege geforscht zu werden, als bisher zugegeben wurde: Wie aus einer dem NDR (Link auf die Pressemitteilung) und der Süddeutschen Zeitung vorliegenden Antwort des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion „Die Linke“ hervorgeht, sind seit dem Jahr 1998 umgerechnet weitere 11,5 Millionen Dollar aus unterschiedlichen Verteidigungsetats an deutsche Forschungsinstitute geflossen – und zwar aus den USA, Australien, Großbritannien, Südkorea, der Schweiz und Singapur.

Das ist doch mal etwas, worauf die Deutschen stolz sein könnten! Deutsche Wehrtechnik ist noch immer auf der ganzen Welt beliebt, und irgendwie muss die ganze Wissenschaft drumrum ja finanziert werden. Internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit ist doch auf anderen Gebieten immer das Allergrößte! Das zeigt doch, dass deutsche Wissenschaftler weltweit wieder immer mitspielen dürfen, auch wenn sonst viel über den Niedergang der deutschen Forschung gejammert wird. Nur weil sich heutzutage dank Globalisierung viel mehr Wissenschaftler um Nobelpreise bewerben als damals, als die Deutschen noch regelmäßig mit dabei waren. Aber das war, bevor die Nazis auf die Idee kamen, dass sich jüdische Spitzenwissenschaftler nicht mehr auf das deutsche Abo für den Nobelpreis bewerben dürfen. Aber ich schweife ab.

Die australische Militärforschungsorganisation DSTO zum Beispiel zahlte rund 3,8 Millionen Dollar an die Wissenschaftler des Instituts für Raumflugbetrieb und Astronautentraining am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen für ihre Mitarbeit an einem Hyperschall-Jet. Wissenschaftler des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin am DLR bekamen mehr als eine halbe Million Dollar der Schweizer Luftwaffe für ihr Mitwirken an einem Programm für Fallschirmjäger- und Piloten-Anwärter. Und das Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart forschte im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums an künstlichen Muskeln – wenn auch nur zum Schnäppchenpreis für 240.000 Dollar. Keine Ahnung, wie viele künstliche Muskeln es dafür so gibt, aber egal.  

Natürlich reagieren Oppositionspolitiker auf diese neuen Erkenntnisse empört. Dabei muss man ernsthaft fragen, was denn falsch an Rüstungsforschung ist, solange man eine Armee unterhält? Wenn man die Bundeswehr einsetzen will, ist doch wohl das Mindeste, dass die Soldaten dann auch über modernste Ausrüstung verfügen. Wobei man natürlich schon hinterfragen muss, warum Deutschland immer wieder hochmoderne Waffen an potenzielle Gegner verkauft. Um Chancengerechtigkeit wird es dabei wohl eher nicht gehen. Eher ums Geschäft.

Was ich eigentlich sagen will: Warum regen sich Linke und Grüne eigentlich darüber auf, dass es zu wenig Transparenz in der deutschen Forschung gibt? Was wäre denn gewonnen, wenn sämtliche Drittmittel, die Forschungsinstitute so eintreiben, total transparent irgendwo öffentlich ausgehängt werden? Würde dann plötzlich nur noch für den Frieden geforscht? Wohl kaum. Insofern finde ich die Aufregung über Forschungsgelder aus dem militärisch-industriellen Komplex reichlich verlogen. Der Skandal ist ja wohl vielmehr, dass Krieg noch immer ein attraktives Geschäftsmodell ist, an dem sich insbesondere Besitzer von Unternehmen im freiheitlich-demokratischen Westen einen goldenen Arsch verdienen. Darüber kann man sich wirklich aufregen.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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