Merkwürdige Studien: Kinder haben oder nicht

Die Leute kommen immer wieder auf schräge Ideen. Zum Beispiels auf die Idee, dass Kinder das größte Glück auf Erden sind. Oder dass Leute, die kein Kinder haben, die unglücklichsten Menschen des Planeten sein müssen. Oder genauso schräg: Dass es am allerbesten ist, keine Kinder zu haben. Natürlich haben alle miteinander unrecht. Weil es in dieser Frage kein „besser“ und kein „schlechter“ gibt. Interessanterweise gibt es eine Studie, die genau das festgestellt hat. Erstaunlich eigentlich, weil normalerweise immer Müll dabei heraus kommt, wenn irgendwas studiert wird. Vielleicht hält sich dieses Ding deshalb seit einigen Tagen auf Google-News.

Vermutlich ist es in diesem Fall am Ende auch so. Aber interessant ist es doch, dass es mal eine Untersuchung gibt, bei der ungefähr auch das heraus kommt, was ich aus meiner Lebenserfahrung heraus auch postulieren würde: Nämlich, dass Menschen, die Kinder haben, kein bisschen glücklicher sind, als Menschen, die keine Kinder haben. Für mich ist das keine Frage des Prinzips. Ich verstehe beides.

Als einziges steht fest, dass Menschen, die Kinder aufgezogen haben, mehr emotionale Hochs und Tiefs erlebt haben, als die ohne Kinder. Und ob man das jetzt gut findet oder nicht, ist Geschmackssache. Ich bin ja so ein Gefühlsjunkie, der es sich immer total geben muss, ich finde es natürlich gut, ab und zu total euphorisch zu sein und dann auch wieder total fertig. Insofern war für mich die Erfahrung der Geburt meiner Kinder ganz wichtig und ich will das nicht missen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich mal Biologie studiert habe. Kinder kriegen ist ja noch viel schweinisch biologischer als Sex zu haben. Und ich stehe halt auf Biologie. Muss man aber nicht.

Insofern kann ich durchaus Frauen verstehen, die sagen, dass sie es sich nicht geben müssen, stunden- oder gar tagelang im Grunde unaushaltbare Schmerzen zu haben. Ich hatte zwei am Ende unkomplizierte, aber doch langwierige Hausgeburten, insofern kann ich, was Geburtsschmerz angeht, durchaus mitreden. Ist sicher eine interessante Erfahrung, aber absolut kein Spaß. Ich habe Frauen kennengelernt, die nach einem Kind gesagt haben „eine Geburt ist ja so was brutales, mich wundert, dass nicht viel mehr Frauen dabei sterben!“ und es dabei belassen haben. Kann ich verstehen. Es ist brutal, definitiv. Andererseits war ich noch tagelang von den Endorphinen high, das war auch nicht schlecht. Aber ich war in meiner Jugend Leistungssportlerin, das macht vielleicht auch was aus. Ich kann verstehen, wenn man sich nicht quälen will – aber für mich fand ich ein gewisses Maß an Quälerei okay.

Es ist halt einfach so, dass Leute, die Kinder haben, mehr Stress haben, als Leute ohne Kinder. Letztlich ist auch das ein Binse ohne Weisheit, weil einfach auf der Hand liegt, dass Menschen, die sich um mehr als einen selbst kümmern müssen, mehr Stress haben. Wie weit dieses sich mehr Stress machen müssen am Ende belohnt wird, hängt von der eigenen Fähigkeit ab, sich die Dinge schön zu reden. Und da muss ich jetzt doch mal sagen, dass mich beruhigt, dass viele Erwachsene offenbar schon in der Lage sind, ihre Situation halbwegs realistisch einzuschätzen. Was dann wiederum zu dem Ergebnis führt, kinderlose Menschen sich geringfügig als besser dran als Menschen mit Kinder einschätzen.

Natürlich heißt das auch wieder, dass Menschen, die Kinder haben, sich noch genug vormachen, denn rein objektiv haben sie deutlich mehr Stress als Menschen ohne Kinder. Ist einfach so. Hab ja selbst Kinder. Ich kann nicht sagen, dass ich das total bereue, denn ich habe es mir ja so ausgesucht. Aber ganz ehrlich: Wenn ich mir rational und objektiv klar gemacht hätte, was es in der heutigen Gesellschaft heißt, Kinder zu bekommen und aufzuziehen, hätte ich es nicht getan. Es ist schlichtweg verrückt. Aber ich bin halt ein bisschen verrückt und verschroben, deshalb hat es mich nicht so sehr aus der Bahn geworfen, wie es andere vielleicht aus der Bahn geworfen hätte.

Ich mache mich halt nicht ohne Ende fertig, wenn es mit meinen Kindern nicht so läuft, wie es laufen müsste, damit sie vorbildliche Mitglieder dieser beschissenen Gesellschaft werden. Natürlich will ich schon, dass meine Kinder funktionieren, ich will das vor allem für sie selbst – aber das tun sie ja. Mehr oder weniger. Sie sind unauffällig, aber nicht besonders erfolgreich. Aber sie gehen niemanden auf die Nerven, sie kosten nur mein Geld und ich kann es ihnen nicht wirklich übel nehmen, dass sie nicht so richtig karrieregeil sind – das war ich auch nicht. Aber ich komme klar. Das ist es, was ich für meine Kinder hoffe. Dass sie mal irgendwie klar kommen. Nicht mehr und nicht weniger.

Das macht mir dann doch wieder Stress, weil sie dafür dann inzwischen wieder etwas ehrgeiziger sein müssten. Aber die Wahl haben sie ja selbst: Entweder ich tu mehr, oder ich muss mehr verzichten. Sie sind ja mit 20 und fast 17 auch in einem Alter, wo man langsam kapiert, wie es läuft und seine Wahl trifft. Weil ich nicht zu den Eltern gehöre, die die Karriereplanung ihrer Kinder vorwegnehmen, bin ich weiterhin relativ entspannt – wenn sie weiterhin mit mir in einer Drei-Zimmer-Wohnung wohnen möchten, dann können sie das halt tun. Solange sie und ihre Freunde mir nicht zu sehr auf die Nerven gehen. Wenn sie mehr wollen, dann müssen sie halt dafür sorgen, dass sie sich das leisten können. So weit so klar. Wenn es mir zu stressig wird, habe ich zum Glück mehrere Exit-Strategien. Aber wie gesagt, solange wir es mit einander aushalten, halten wir es aus. Und das ist mir, so wie ich gestrickt bin, lieber als ein Leben als Single. Ich bin halt nie allein. Aber vielleicht würde es mir damit auch gut oder gar besser gehen. Ich weiß es halt nicht.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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