Fernsehen und Arbeitsalltag. Oder umgekehrt.

In letzter Zeit muss ich ziemlich viel arbeiten, in der Firma läuft es mal wieder nicht so gut. Da ist der Druck groß, wenn man den Job behalten will – wenn der Laden vor die Wand fährt, sind wir ja alle weg vom Fenster. Und man rackert sich halt ab, obwohl es weder Spaß macht, noch angemessene Anerkennung bringt. Weil es halt um die beschissene Existenz geht. Nach dem ganzen Stress habe ich dann oft nicht mehr so richtig Lust, mich privat noch intellektuell zu verausgaben. Lieber lasse ich mich dann berieseln und sehe fern – oder besser Festplatte bzw. Youtube. Da kann man wenigstens sicherstellen, dass ein gewisses Niveau nicht unterschritten wird.

Und wenn man die wenigen Qualitätsserien im jeweiligen Interessengebiet durch hat – ich schaue mir gern komplexe Serien über Verbrechen, Politik und Medien an – dringt man auch zu den in Deutschland nicht ganz so bekannten Produktionen vor. Das hat vor einiger Zeit zu meiner Ben-Whishaw-Phase geführt, weil ich von The Hour so begeistert war, dass ich mir alles mit Ben Whishaw angesehen habe, was noch zu kriegen war, etwa Criminal Justice. Danach hatte ich durch The Killing ausgelöst eine Joel-Kinnaman-Phase, aber leider hab ich da jetzt so ziemlich alles durch.

Aber weil es ja Menschen gibt, die als Fans sehr viel leidenschaftlicher sind als ich selbst, gibt es auch unglaublich spezielle Blogs, in denen wirklich alles über den aktuellen Lieblingsstar zusammengetragen wird – in denen kann man dann stöbern, wenn man sonst keinen brauchbaren Stoff mehr hat. Zum Teil finde ich es schon wieder erschreckend, mit welcher Akribie Fan-Blogs betrieben werden, aber wenn es die Leute glücklich macht… wie auch immer, über einen solchen Fan-Blog habe ich einen Clip gefunden, in dem Joel Kinnaman in der Talkshow von Jimmy Kimmel eine Anekdote über seine Erfahrungen mit der richtig echten Arbeitswelt erzählt und damit indirekt auch etwas über die Verrücktheit des Kapitalismus sagt. Das fand ich jetzt doch wieder einen Blogartikel wert.

Dabei geht es natürlich vor allem um den aktuellen Job, inzwischen ist Kinnaman nicht mehr nur weltbekannt in ganz Schweden, sondern auch in den USA ein gefragter Schauspieler. Deshalb kann Joel jetzt auch erzählen, wie er mit Nick Nolte und Liam Neeson in einer Drehpause herum saß und die drei halt redeten. Irgendwann kamen sie darauf, dass sie alle früher mal in einer Brauerei gearbeitet hatten. Nick Nolte fand vor allem das Freibier gut, super Job, bei dem man die ganze Zeit kostenlos Bier trinken könnte, was das beste daran gewesen sei, aber Joel meint, in Oslo wäre das nicht so gewesen, auf dem Job trinken war in Norwegen nicht. Und dann erklärt er seinen Job: Die leeren Bierdosen werden per Förderband transportiert und das geht um die Kurve und genau in der Kurve wird Joel postiert, um aufzupassen, dass keine Dosen um- oder gar runterfällt. Denn ab und zu kommt das vor. Und dann muss er sie blitzschnell wieder richtig hinstellen.

Keine Frage: Unglaublich langweilig. Insbesondere, wenn man eine 10-Stunden-Schicht hat. Joel langweilt sich fürchterlich und sieht sich an, warum die Dosen überhaupt umkippen. Er fängt an, an der Anlage herumzuspielen und ein paar Dinge anders einzustellen – irgendwann hat er es heraus, es fällt keine einzige Dose mehr um. Joel kann neben dem Förderband sitzen und in Ruhe ein Buch lesen. Nur einer der Arbeiter, der zuvor 26 Jahre lang Joels Job hatte, ist irgendwie nicht zufrieden. Er findet es einfach nicht okay, dass keine Dose mehr umfällt. Eines Tages kommt der Manager der Brauerei und sieht sich alles an. Er stellt fest, dass ja ziemlich wenig Dosen umkippen und Joel kapiert endlich, warum sich der andere Arbeiter so aufgeregt hat: Joel hat seinen eigenen Job wegoptimiert. Denn fürs Rumsitzen und Lesen wird er ja nicht bezahlt, sondern fürs Dosen-wieder-richtig-aufstellen. Also macht er unauffällig seine Modifikationen rückgängig, so dass wieder Bierdosen umkippen.

Jimmy Kimmel ist von der Geschichte begeistert und meint, Joel sei zwar Schwede, aber das sei ja wohl eine durch und durch amerikanische Geschichte. Was nebenbei mal wieder zeigt, wie sehr die Amis sich für den Nabel der Welt und überhaupt von allem halten – was glauben die denn, wie der Rest der Welt funktioniert, den sie doch dauernd mit den Segnungen ihres verdammten Geschäftsmodells beglücken wollen?!

Es ist keine amerikanische, sondern einfach eine universelle, durch und durch kapitalistische Geschichte. Und die Amis haben den Kapitalismus ja leider nicht für sich allein gepachtet, auch wenn sie den so toll finden. Den könnten sie von mir aus gern komplett geschenkt haben, aber in Schweden, Norwegen, Deutschland und auch sonst so ziemlich überall in der Welt gilt nun mal, dass man für sein Geld arbeiten muss, zumindest wenn man nicht genug geerbt und/oder geklaut hat – und dass es ziemlich blöd ist, wenn man weder einen Job noch Geld hat.

Im Kommunismus könnte man den Leuten einfach gönnen, doch lieber ihr Buch zu lesen, wenn die Anlage störungsfrei läuft. Denn da ginge es ja darum, dass genug Bier für alle produziert wird, und nicht darum, dass man damit auch noch Geld verdienen muss. Darauf kommen natürlich weder Kimmel noch Kinnaman, aber das ist halt mein Job. Für den ich leider nicht bezahlt werde. Aber genau das wäre ja zu ändern: Warum den ganzen Tag mit idiotischen Dingen verplempern müssen, nur weil man das Geld braucht?! Es könnte so vieles so viel angenehmer sein!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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