Warum der Kapitalismus keinen Spaß mehr macht

Es ist schon interessant, wie viele Anhänger des Kapitalismus den Kapitalismus „kritisieren“, ohne ihn dabei auch nur ansatzweise infrage zu stellen. Ein besonders gutes (oder schlechtes) Beispiel habe ich in diesem Interview mit Max Höfer auf Telepolis gefunden. Max Höfer als ehemaliger Chefredakteur von Capital und einstiger INSM-Geschäftsführer hat festgestellt, dass der Kapitalismus keinen Spaß mehr macht. Darüber hat er sogar ein Buch geschrieben, das mit dem Titel „Vielleicht will der Kapitalismus gar nicht, dass wir glücklich sind?“ überschrieben ist. Diese Frage zeigt schon, dass Max Höfer sich nicht ernsthaft mit dem Kapitalismus befasst haben kann, denn sonst könnte er diese bange Frage ja eindeutig beantworten: Das Glück des Einzelnen ist dem Kapitalismus scheißegal. Denn der Kapitalismus interessiert sich kein bisschen für Glück. Der Kapitalismus interessiert sich für gar nichts, denn er ist ja keine handelnde Person, sondern ein Wirtschaftssystem. Und zwar eins, das ganz eindeutig zur Glücksmaximierung der Massen völlig untauglich ist, weil es dafür sorgt, dass immer mehr Gewinn immer weniger Menschen zufließt, was natürlich nur auf Kosten der immer mehr Menschen gehen kann, die trotz ständig steigender Arbeitsbelastung immer mehr Mühe haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Und doch behauptet Max Höfer:

Doch es sind nicht die „ökonomischen Naturgesetze” unseres Wirtschaftssystems, die uns in diese Steigerungsspirale zwingen. Es ist unsere Mentalität, der „puritanische Geist“, der unsere Arbeits- und Konsum-Moral seit Generationen prägt. Wenn wir die Errungenschaften unseres Wohlstands endlich genießen wollen, müssen wir uns von diesen glücksfeindlichen Wurzeln befreien.

Einen ähnlichen Unsinn hatte ich ja schon in Tyrannei des Systems kritisieren müssen. Auch Max Höfer klammert sich an den Glauben, dass es eigentlich gar nicht am Kapitalismus liegen könne, dass es in der Welt derzeit so furchtbar schief läuft, sondern nur an unserer dämlichen Mentalität, immer mehr zu wollen. Dabei stellt er fest, dass noch mehr Einkommen und noch mehr Konsum die Leute gar nicht glücklicher machen, sondern die Menschen eigentlich viel lieber weniger Stress und mehr Schlaf haben wollen. Und dann behauptet er doch tatsächlich, dass Nutzenmaximierung und Selbstoptimierung keine kapitalistischen Werte seien, sondern puritanische. Als ob das einen Unterschied machen würde.

Dem Geringverdiener ist dabei doch herzlich egal, ob es „nur“ ein kapitalistischer oder gar ein puritanischer Halsabschneider ist, der ihm den Scheißlohn zahlt, von dem ohnehin nur ein Überleben bei sehr asketischer Lebensführung möglich ist. Ein Großteil der Menschen in diesem Land kann gar nicht anders, als bescheiden zu leben und eine protestantische Arbeitsmoral an den Tag zu legen, eben weil sie gar keine Gewinne erzielen, die sie gottgefällig investieren könnten, um den Profit zu mehren. Sie müssen von ihrer Hände Arbeit leben, weil es halt nicht anders geht, in einem System, in dem man nur überlebt, wenn man bezahlen kann.

Genau das ist auch das Problem – und nicht der Umstand, dass der moderne Kapitalismus das Prinzip des Bedarfs hinter sich gelassen habe. Es geht im Kapitalismus niemals um den Bedarf in dem Sinne, dass jedem Menschen seine Grundbedürfnisse erfüllt werden müssten. Es ist umgekehrt so, dass im Kapitalismus aus jedem Grundbedürfnis des Menschen ein Geschäftsmodell gemacht werden muss, damit man daran verdienen kann. Denn um nichts anderes geht es beim Einsatz von Kapital: Es wird nicht eingesetzt, um Bedürfnisse zu befriedigen oder Menschen glücklich zu machen, sondern um aus Geld mehr Geld zu machen. Das kann natürlich auch mit Mineralwasser, Klopapier oder Biomüsli erreicht werden, profitabler sind aber Autos, iPhones, Waffen oder Drogen. Erschreckend, dass selbst ein Chefredakteur eines eindeutig ausgewiesenen Fachmagazins für Kapitalisten das nicht wissen will.

Dabei sollte selbst einem Max Höfer klar sein, dass für die Befriedigung selbst so grundlegender Bedürfnisse wie Essen, Trinken oder Schlafen im Kapitalismus bezahlt werden muss. Ja, vielleicht nicht für das Schlafen an sich, aber für den Schlafplatz. Das hat nichts mit den puritanischen Wurzeln zu tun, die man sich laut Höfer abschneiden soll, um endlich frei und glücklich zu sein. Sondern mit dem Grundprinzip des Kapitalismus, dass alles, was ich zum Leben brauche, leider jemand anderem gehört. Es ist doch nicht so, dass ich einfach beschließen kann, heute mal im Bett zu bleiben, weil ich keine Lust habe, mich schon wieder der absoluten Nutzenmaximierung zu unterwerfen. Der Höfer zahlt mir doch die Miete oder den Einkauf nicht, genau wie der Kapitalismus mir das Prinzip des täglichen Bedarfs nicht hinterher trägt.

In den Kreisen, in denen sich ein Max Höfer bewegt, mag das Prinzip des täglichen Bedarfs vielleicht aus den Augen gerückt sein. Aber die Leute, die ich kenne, die wollen nicht, sondern die müssen immer mehr arbeiten, um das tägliche Überleben zu finanzieren. Gerade weil sie dabei noch ein bisschen gut leben wollen. Also mal ein Bier trinken oder was Essen gehen, ein neues Fahrrad kaufen oder auch mal eine Woche ins Ausland fahren. Das hat nichts mit einem Zwang zur Selbstinszenierung zu tun, sondern mit Lust auf ein besseres Leben – wenigstens nach der Arbeit. Und es sind nicht die Ökomoralisten, die einen den Spaß dabei verderben, sondern die unbelehrbaren Anhänger eines Kapitalismus, den es so, wie sie ihn erträumen, einfach nicht geben kann.

Warum stört es Max Höfer denn, dass er sich Gedanken darüber machen soll, ob bei der Produktion der Dinge, die er konsumiert, die Umweltrichtlinien eingehalten und korrekte Mindestlöhne gezahlt wurden? Doch wohl, weil er weiß, dass das unter kapitalistischen Bedingungen nicht immer der Fall sein wird. Und doch labert er gleichzeitig davon, dass der Kapitalismus dazu da sei, Bedürfnisse zu befriedigen und nicht, um eine Renditelogik zu exekutieren. Sorry, aber das ist einfach total bescheuert. Das Individuum ist nicht unglücklich, weil es unter seinem erschöpften Selbst leidet, das sich aus Lust am Puritanismus in der kapitalistischen Tretmühle unzufrieden rennt. (Wie kommt man eigentlich auf so idiotische Gedanken?!) Das Individuum ist unglücklich, weil es aus purer Notwendigkeit zum Überleben im Kapitalismus in die Tretmühle gezwungen wird.

Wenn wir ein besseres Leben erreichen wollen, reicht es nicht, die puritanischen Wurzeln zu kappen, um die Segnungen der modernen Überflussgesellschaft endlich mit gutem Gewissen genießen zu können. Da müssen wir ein bisschen grundsätzlicher über Ursache und Wirkung nachdenken und die kapitalistischen Tretmühlen abschaffen. Ja, und den Kapitalismus gleich mit.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Warum der Kapitalismus keinen Spaß mehr macht

  1. Clara Himmelhoch schreibt:

    Ich hatte gerade den liegenden Berliner Fernsehturm als Header – das ist wirklich eine sehr interessante Perspektive.
    Von 1949 bis 1989 habe ich ja in dem Gegenmodell zum Kapitalismus gelebt – richtig funktioniert hat das System aber auch nicht. – Für eine christliche Gesellschaftsordnung mit Teilen und Verzicht sind die Menschen nach meiner Erfahrung auch nicht bereit.

    • Habe ich was überlesen?

      In dem obenstehenden artikel wird weder ein loblied auf den verzicht gesungen, noch eine christiliche gesellschaftsordnung gefordert, zumindest, soweit ich ihn verstanden habe.

      Das wirtschaftsystem der DDR hat 40 jahre lang gut funktioniert – immerhin hat die DDR den »goldenen westen« flächendeckend mit hochwertigen billigstwaren versorgen können. 89 befand sich der staat in einer politischen krise, diese instabilität wurde vom Westdeutschen kapital ausgenutzt, welches damals tatsächlich in einer wirtschaftlichen krise steckte.

      Die DDR ist kaputt und die kommt auch nicht wieder, wenn man den kapitalismus abschaffen würde. Es ist nicht so, daß wenn man gegen den kapitalismus ist, unbedingt die DDR wiederhaben wöllte. Es gibt nicht zwei feststehende systeme, zwischen denen man sich entscheiden könnte und wenn man gegen das eine ist automatisch für das andere sei.

  2. Kain Kommentar schreibt:

    Zum Thema ein Vortrag von Peter Decker aus Nürnberg, der Höfer und Co umfangreich kritisiert:
    „Der Wahnsinn des kapitalistischen Wachstums – und der Unsinn bürgerlicher Wachstumskritik“

    Datum der Veranstaltung: Donnerstag, 27. Februar 2014

    Kann man sich auf Argudiss runterladen:
    http://www.argudiss.de/node/236

    Direktlinks zum Teaser und zur MP3-Datei:
    http://www.argudiss.de/sites/default/files/doku/ankuendigung%28pdf%29/wahnsinn_wachstum.pdf
    [audio src="http://www.argudiss.de/sites/default/files/doku/gesamtaufnahmen%28mp3%29/wachstum_nbg_0214_ges.mp3" /]

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