Noch ein paar Worte zur Ukraine (die allerdings nicht von mir sind)

Inzwischen hat Rekord-Steuerhinterzieher Uli Hoeneß den Konflikt in der bzw. um die Ukraine aus den Schlagzeilen verdrängt. 18 Millionen gibt er zu – also deutlich mehr als die dagegen lächerlichen 3,5 Millionen Euro, wegen der die Staatsanwaltschaft den Prozess angestrengt hat. Ob Hoeneß nochmal unterm Bett nachgesehen hat? Wer weiß, was er als nächstes dort entdeckt…

Doch eigentlich wollte ich ja noch etwas zur Ukraine schreiben, bis ich entdeckt habe, dass das bereits in Gärtners kritischem Sonntagsfrühstück in der Titanic steht. Dort ist unter dem Titel Das ganze Ostland soll es sein folgendes zu lesen:

In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatten westliche Drehbuchautoren genaue Vorstellungen darüber, woran sich der Dritte Weltkrieg entzünden würde: Entweder behinderte Rußland die vitalen (Energie-)Interessen des Westens (Threads, BBC, 1984; Countdown to Looking Glass, CTV/HBO, 1984) oder wollte, abwegig genug, West-Berlin (The Day After, 1983). Lediglich für das Skynet aus Terminator konnte man den Osten schlecht verantwortlich machen, denn dafür reichten die Plankapazitäten des VEB Robotron nicht hin.

Daß sich aus der Entscheidung des russischen Präsidenten, die Krim, eine Halbinsel mit überwiegend russischer Bevölkerung und der Basis der russischen Schwarzmeerflotte, nicht einfach so EU und Nato zu überlassen, der Dritte Weltkrieg entwickelt, glauben hauptsächlich die Polen, die deutsche Sensationspresse zwischen „Spiegel online“ und SZ sowie der ARD-„Brennpunkt“. Die Polen, weil sie, nach den polnischen Teilungen und der berüchtigten Zusatzvereinbarung des Hitler-Stalin-Paktes, die Russen hassen, wie sie die Deutschen, an allen vier Teilungen federführend beteiligt, nicht hassen, weil die Deutschen zwar ungleich größeres Unglück über die polnische Nation gebracht haben, aber zur Ersten Welt gehören, während die Gebiete jenseits des Bug sich zwischen Zweiter und Dritter Welt nicht recht entscheiden können. Deswegen möchte das offizielle Polen ein großes Nato-Manöver an seiner östlichen Grenze stattfinden lassen, damit Putin nicht auf die Idee komme, Polen zu überrollen, eine Idee, die als noch abwegiger gelten darf als der Dritte Weltkrieg um den Berliner Tiergarten.

„Kräfte treten immer paarweise auf. Übt ein Körper A auf einen anderen Körper B eine Kraft aus (actio), so wirkt eine gleichgroße, aber entgegen gerichtete Kraft von Körper B auf Körper A (reactio).“ Newton, 1726

Die deutsche Sensationspresse wiederum muß auf der Kriegsgefahr bestehen, weil das so eine wunderbar dramatische Sache ist, wenn Moskau den Ton „drastisch verschärft“ (SZ, natürlich gelogen), und die ARD, weil sie als Staatssender in nationalen Angelegenheiten natürlich Etappendienst versehen und Stimmung machen muß. Denn die Krim ist keine zuvörderst ukrainische Angelegenheit, sie ist eine russisch-europäische, und die Frage ist nicht, wann Putin in die Ukraine einmarschiert (Antwort: gar nicht), sondern auf welchen Widerstand die deutsch dominierte Europäische Union bei dem Versuch stoßen wird, ihren Einflußbereich in Richtung Ural zu schieben. Denn das Bestehen auf „territorialer Integrität“ bedeutet nichts weiter, als daß Simferopol so westlich werden müsse, wie es Lwiw schon ist, auch wenn Simferopol so russisch ist, wie es Lemberg nie war. Das ukrainische Assoziierungsabkommen mit der EU, hat Putin seinem Besucher Sigmar Gabriel erklärt, sei ohne jede Rücksicht auf russische Interessen entstanden; das lag in der Natur der Sache. Eine ungeteilte Ukraine kann nicht in EU und Putins Eurasischer Union gleichzeitig sein, und diesen Satz soll tausendmal aufschreiben, wer Putin einen Kriegstreiber schilt. Wer selbst keiner sein will, der möge sich jetzt, wo das Kind im Brunnen liegt, fragen, ob die Krim russisch werden zu lassen vielleicht nicht der schlechteste Weg ist, eine „Eskalation“ (SZ, „Spiegel online“, Brennpunkt) zu verhindern; und sich im Anschluß mal überlegen, ob es wirklich ein Naturgesetz ist, daß legitime Interessen immer bloß westliche sind.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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