Es gibt doch eine Gerechtigkeit. Aber welche?

Tja, mit der Gerechtigkeit ist das so eine Sache – Politik und Presse jubeln derzeit, dass es in Deutschland doch noch eine Gerechtigkeit gebe, weil der Steuerhinterzieher Uli Hoeneß, der zugegeben hat, den Staat um mindestens 27 Millionen Euro betrogen zu haben, zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Wobei das bei der Summe ja ein echtes Schnäppchen ist – das sind pro Jahr Knast etwa 7,7 Millionen Euro, da muss ne alte Oma lange für stricken. Ein normaler Mensch braucht jedenfalls mehrere Arbeitsleben, um eine solche Summe zusammen zu schuften – und noch mehr, um eine solche Summe an Steuerschulden aufzuhäufen.

Dabei kann man Haftstrafen auch schon sehr viel billiger bekommen, es reicht eigentlich schon, wenn man als Arbeitsloser Lebensmittelgutscheine fälscht und damit einkauft. Da kann man schon mal 21 Monate einfahren – offenbar braucht es nach Ansicht der deutschen Gerichte ein ähnliches Maß an krimineller Energie, sich die tägliche Ernährung zu erschleichen, wie Millionenbeträge vor dem Finanzamt zu verstecken. Keinen Spaß verstehen die deutschen Behörden auch mit Schwarzfahrern – im vergangenen Jahr wurde ein 16-jähriger (!!!) zu einer Jugendstrafe von 2 Jahren und 10 Monaten verurteilt, weil er immer wieder ohne Fahrschein erwischt wurde.

Also merke: Wenn schon kriminell, dann lieber gleich die ganz großen Dinger, denn die deutsche Justiz räumt großzügigen Mengenrabatt ein. Denn es geht ja nicht in erster Linie um die Herstellung von Gerechtigkeit, was immer das überhaupt sein soll. Sondern darum, den Leuten zu zeigen, wo der Hammer hängt. In einem System, das darauf angewiesen ist, dass die Leute jeden Tag in die Hände spucken und auch für einen Niedriglohn so richtig ranklotzen, kann es natürlich nicht sein, dass die einen sich krumm legen, um ihren Einkauf an Billiglebensmitteln beim Discounter selbst bezahlen zu können, während sich die anderen einfach Lebensmittelgutscheine ausdrucken. Da geht es ums Prinzip. Und weil es ums Prinzip geht, ist die Strafe auch härter. Und das ist total gerecht.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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4 Antworten zu Es gibt doch eine Gerechtigkeit. Aber welche?

  1. Clara Himmelhoch schreibt:

    Das mit dem (angeblichen) Rechts-Staat sehe ich spätestens seit 1989 anders, denn seit dieser Zeit kann ich alle Erfahrungen in echt machen. „Recht“ ist mehr das Gegenteil von Links und nicht von Unrecht.

  2. KHM schreibt:

    Aufzeichnung einer Diskussionsveranstaltung mit Rolf Röhrig zum Thema: Gerechtigkeit – was ist das? (München, November 2012):

    „Es ist schon merkwürdig: Was für den einen gerecht, ist für den anderen ungerecht, und der Volksmund weiß, dass die Verwirklichung von Gerechtigkeit der Quadratur des Kreises gleichkommt:
    „Allen Menschen Recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann.“ Alle wollen sie dasselbe, Gerechtigkeit, und doch liegen sie in einem unauflöslichen Streit darüber, worin der Inhalt der Gerechtigkeit besteht. Was macht Gerechtigkeit so flexibel, dass sie für alle, auch gegensätzliche Anliegen, als Legitimierung taugt? Und was macht sie so attraktiv wenn doch alle nur im Streit
    darüber liegen, was gerecht sei?

    So viel sei vorweggenommen: Man sollte seine Energie nicht auf die Frage verschwenden, wie man zu einer Gerechtigkeit findet, die allen frommt. Gerechtigkeit selbst ist nämlich ein Fehler, ein äußerst schädlicher dazu, von dem man besser die Finger lässt.“

    http://www.gegenargumente.de/material/aktuell/flyer-121108-gerechtigkeit.pdf

  3. Pingback: Uli Hoeness, ein Arbeitsloser und ein Schwarzfahrer « DKP-Nachrichtenportal

  4. Sepp Aigner schreibt:

    Hallo modesty. Wir haben wieder mal geklaut: http://news.dkp.de/2014/03/uli-hoeness-ein-arbeitsloser-und-ein-schwarzfahrer/ . Danke und Grüsse. Sepp Aigner

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