Der Spiegel: Wenn weniger nicht mehr ist

Als ich das Titelbild der aktuellen Spiegelausgabe sah, dachte ich als erstes „Seit wann macht der Spiegel Werbung auf dem Titelblatt?!“ Denn was soll dieser Titel denn sonst sein, als eine neue Kampagne der Bundesregierung, die uns auffordert, den Gürtel enger zu schnallen aber dabei doch bitte schön die Contenance zu wahren?

Titelblatt Spiegel 14/1014

Titelblatt Spiegel 14/1014

Weniger Rente, weniger Mindestlohn, Ausgaben kürzen, weniger hier, weniger da – aber das macht alles nichts, denn weniger ist das neue mehr: Weniger haben, glücklicher leben! Alles wird gut!

Mein zweiter Gedanke war, dass die Spiegel-Redakteure vielleicht noch zu denen gehören, die tatsächlich so etwas wie Überdruss am Überfluss empfinden könnten, weil sie noch vernünftig bezahlt werden. Denn wer von einem deutschen Durchschnittslohn leben muss und kein Haus und auch sonst nichts geerbt hat, sondern Miete und so weiter zahlen muss, der wird so schnell nicht überdrüssig, zumindest nicht vom Überfluss. Und wer zu den Millionen von Niedriglöhnern oder gar Arbeitslosen gehört, weiß überhaupt nicht, was Überfluss sein könnte – es sei denn, es geht um einen selbst. Denn um sich überflüssig zu fühlen, braucht es heutzutage wirklich nicht viel. Konsumverzicht ist für Millionen Menschen völlig selbstverständlich – auch in unserer Gesellschaft. Das muss uns der Spiegel gar nicht schön schreiben.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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