Einfach mal die Presse halten

Derzeit wird ja viel über die Medien lamentiert, die auch nicht mehr das seien, was sie mal sein sollten. Insbesondere an der Berichterstattung zur Ukraine-Krise fällt den Leuten auf, dass eben nicht ausgewogen und neutral informiert wird, wie es angeblich sein sollte, sondern eben – nun ja, auffällig nach den Interessen der gängigen Interessengruppen in Deutschland und der westlichen Welt ausgerichtet. Das ist übrigens keineswegs nur im Fall der Ukraine so, sondern eigentlich immer – Finanzkrise, EU, NSU, NSA – eine ausgewogene und neutrale Berichterstattung wäre in den meisten Fällen nur verwirrend und hinderlich, also wird das gar nicht erst versucht. Aber bei der Ukraine fällt es besonders auf, weil es auf auffällig plumpe und ungeschickte Weise gemacht wird – inzwischen ist es den Medienmachern offensichtlich nicht mal mehr peinlich, sich als schlecht informierte Idioten zu outen, die halt fortlaufend und unter Zeitdruck irgendwie Nachrichten zusammenklöppeln, damit sich die Leute informiert fühlen.

Das nämlich ist genau der Punkt: Wenn die Nachrichten dazu da wären, die Leute ernsthaft und ausgewogen zu informieren, dann müssten sie ganz anders gemacht und präsentiert werden. Sind sie aber nicht. Die freie Presse ist Bestandteil unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung und die findet halt im Rahmen dessen statt, was freiheitlich-demokratisch wünschenswert ist. Nämlich, dass die Leute dieses Gesellschaftsmodell für das beste überhaupt, ja das einzig denkbare halten und bei aller Kritik, die man daran üben kann, treu und brav zu ihrem Staat stehen. Und das leisten unsere Medien ganz hervorragend. Auch wenn wir sie im Falle der Ukraine dabei erwischt haben, dass sie es mit journalistischen Grundtugenden wie eigenständiger Recherche oder professioneller Unvoreingenommenheit heutzutage nicht mehr so genau nehmen.

Aber das ist heute ja überall so: Es kommt nicht mehr darauf an, ein Handwerk wirklich zu beherrschen – in den meisten Fällen kommt man viel weiter, wenn man nur so tut, als ob und sich mit den wirklich wichtigen Dingen beschäftigt – mit der optimalen Außenwirkung nämlich, und dann muss man natürlich die richtigen Leute kennen. Die Menschen, die aus eigenem Antrieb und ernsthaften Interesse akribisch recherchieren, sitzen längst nicht mehr in den Redaktionen, sondern zuhause am eigenen Rechner und schreiben Blogs – häufig unbezahlt. Das bringt mich zum nächsten Punkt: Journalismus ist kein Wert an sich, sondern ein Geschäftsmodell. Gut, es gibt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, zu dem jeder Haushalt eine monatliche Pauschale beitragen muss – da könnte man natürlich erwarten, dass die ihren Job auch so machen, wie der Bürger erwartet, nämlich ausgewogene, neutrale und vor allem korrekte Berichterstattung, die ja nun erwiesenermaßen auch bei den Öffentlich-rechtlichen nicht stattfindet – aber ab und zu gibt es Skandalberichte über die Zustände bei Amazon, Aldi oder Kik und es finden auch regelmäßig KonsumentInnenbeschimpfungen statt, von wegen wir als Verbraucher könnten die Welt doch viel besser machen, wenn wir nicht so egoistisch und geizig wären. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Ich will damit nur illustrieren: Kritik findet in unseren Medien durchaus statt. Aber eben nur im Rahmen des Erwünschten: Demokratie ist supergeil und ohne Kapitalismus lebten wir noch auf den Bäumen, aber die Auswüchse, da muss man noch ein bisschen was dran machen, und jede und jeder Einzelne ist aufgerufen, zum Funktionieren des großen Ganzen beizutragen. Je nach Fähigkeiten und Möglichkeiten, ob die nun gerade nachgefragt werden oder nicht.

Und mit der Nachfrage nach Bezahlinhalten hat dann auch wieder das Funktionieren unserer Medien zu tun – hier muss sich der Bürger ja nun auch ständig wieder anhören, dass es ohne die Bereitschaft, für gut gemachte, fundierte Nachrichten zu zahlen, halt nur irgendwelche irgendwo schnell abgeschriebenen Billignachrichten geben kann, genau wie die anhaltende Nachfrage nach Promiklatsch, Sex und Crime halt dazu führt, dass es irgendwann nur noch Klatsch-, Titten- und Revolverblätter gibt. Offenbar bedienen sie durchaus vorhandene Bedürfnisse, denn würde damit kein Geld verdient, gäbe es den ganzen Schund ja gar nicht. Umgekehrt lässt sich genauso feststellen, dass es offenbar nicht so richtig viel Bedarf an gehobenen Qualitätsmedien gibt, denn sonst gäbe es ja welche bzw. mehr davon. Wobei in den Nischen schon einiges zu finden ist, so existiert noch immer eine unabhängige und vergleichsweise kritische Zeitung wie die junge Welt. Insofern kann man schon konstatieren, das jede Gesellschaft die genau Medien hat, die sie verdient.

Interessant an der herrschenden Medienkritik ist ja, dass sie genau das nicht wahrhaben will. Die Kritiker beklagen sich, dass es nicht (mehr) genügend Pluralismus in der Berichterstattung gebe und plumper Lobbyismus Einzug halte – aber warum sollte denn ausgerechnet in den Medien nicht statt finden, was auch sonst überall gang und gäbe ist?! Pluralismus meint letztlich nichts anderes, als dass es keine ultimative Wahrheit, sondern viele verschiedene Ansichten gibt – man könnte das auch mit Beliebigkeit übersetzen. Jeder darf seinen Senf dazu geben – und genau das findet doch statt! Man kann es ungestraft blöd finden, dass bestimmte Interessengruppen die Medien unterwandern oder einfach aufkaufen, und man kann sich dank Internet auch unabhängig von den Mainstream-Medien informieren oder selbst mal nachsehen, wie denn die Stimme Russlands oder Ria Novosti berichten. Natürlich wird man auch da keine unabhängige und neutrale Berichterstattung finden, aber es ist schließlich niemand gezwungen, sich ausschließlich über die Tagesschau oder die heute-Sendung zu informieren. Den eigenen Kopf zu benutzen, nimmt einem auch die ausgewogenste und neutralste Berichterstattung nicht ab.

Mich würde mal interessieren, was sich die wackeren Medienkritiker denn so vorstellen, wie berichtet werden sollte. Denn beklagt wird ja nur die auffällige und penetrante Parteinahme für den Westen. Aber was würde es denn ändern, wenn man ausgewogen und neutral auch über die nachvollziehbaren und keineswegs weniger imperialistischen Interessen Russlands berichten würde? Wäre der Schluss dann, dass der Westen doch lieber darauf verzichten sollte, seine imperialistischen Interessen in der Ukraine zu vertreten? Oder gar, dass imperialistische Einflussnahme doof ist, weil sie Länder ruiniert und Menschen unglücklich macht? Wohl kaum.

Und ja, zu anderen Zeiten hätte der Westen ein Regime aus Ewiggestrigen und Faschos, wie es in Kiew an die Macht gehievt wurde, nicht einmal mit Schutzhandschuhen angefasst. Aber jetzt braucht man sie halt – das kennt man ja von den Taliban, die von den USA ausgebildet und ausgerüstet wurden, um die Russen in Afghanistan in Schach zuhalten, oder von Saddam Hussein, den die Amis als Frontmann gegen den Iran gebraucht haben, bis er zu gefährlich wurde. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass auch damals viel über die Einseitigkeit der Berichterstattung lamentiert wurde. Aber im Ernst: Hätte eine weniger einseitige Berichterstattung denn irgendetwas an dem geändert, was die große Politik in den USA beschlossen hat?! Nein. Ich erinnere mich, wie nach Abauf des Ultimatums am 16. Januar 1991 sich spontan Menschenmassen auf den großen Kreuzungen versammelten (ich wohnte damals in Göttingen) – die Leute waren so was von gegen den Irakkrieg! War aber egal.

Und was würde es ändern, wenn die Leitmedien von Anfang an gesagt hätten, dass nicht OSZE-Beobachter von pro-russischen Separatisten entführt worden wären, sondern NATO-Offiziere (die zur Tarnung noch einen neutralen Schweden dabei hatten, der inzwischen frei gelassen wurde) von pro-russischen Separatisten gefangen genommen worden wären? Gut, es fiele schwerer, so zu tun, als handele sich bei dem Vorfall um eine Geiselnahme neutraler Beobachter durch irgendwelche Irren. Tatsächlich handelt es sich wohl um eine Mission zur militärischen Aufklärung, die nicht ganz so routinemäßig gelaufen ist, wie man sich das vorgestellt hat – als Maßnahme zur Vertrauensbildung war die ganze Sache gewiss nicht vorgesehen. Aber es ist ja auch nicht blöd, wenn man sich in einer Situation wie der jetzt in der Ukraine hergestellten mal vor Ort informiert, wie stark die jeweiligen Truppen denn tatsächlich sind.

Medial ist es jedenfalls auch nicht optimal gelaufen – jetzt kann man sich als Bürger am Kopf kratzen und sich fragen, warum „die da oben“ sich überhaupt so viel Mühe geben, einen für dumm zu verkaufen. Fast kann man sich als Bürger ja schon wieder etwas darauf einbilden, dass von interessierter Seite überhaupt noch versucht wird, die jeweilige Meinung zu beeinflussen – dann muss die ja irgendwie wichtig sein!

Ist sie in gewisser Weise auch – weil sich diese Veranstaltung hier ja Demokratie nennt, sieht es schon besser aus, wenn die Regierten irgendwie gut finden, was ihre Regierung macht. Aber – und das muss man sich einfach mal klar machen – es ändert auch nichts, wenn eine Mehrheit das gerade nicht so gut findet. Die Regierung ist gewählt und regiert, fertig. Und die nächste gewählte Regierung wird garantiert genauso handeln, wie sie zu handelt hat, um den Standort Deutschland in der Welt zu vertreten. Egal, wie gut oder schlecht die Medien das den Leuten vermitteln.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Einfach mal die Presse halten

  1. ungenau84 schreibt:

    Sorry, relativ spät entdeckt, aber ich möchte mich dennoch äußern 😉

    „Mich würde mal interessieren, was sich die wackeren Medienkritiker denn so vorstellen, wie berichtet werden sollte. Denn beklagt wird ja nur die auffällige und penetrante Parteinahme für den Westen. Aber was würde es denn ändern, wenn man ausgewogen und neutral auch über die nachvollziehbaren und keineswegs weniger imperialistischen Interessen Russlands berichten würde?“

    Für mich persönlich liegt genau hier der Hund begraben: Ich würde mich überhaupt nicht pro-imperialistisch äußern, das ist ein politisches Modell, das seit dem zweiten Weltkrieg, spätestens aber nach dem kalten Krieg keine Anwendung mehr finden sollte. Aus einer Politik der Kooperation, wie sie nach der Wiedervereinigung durchaus in greifbarer Nähe war wurde ein erneuter amerikanischer Imperialismus. Die UNO und die OSZE waren tolle Ideen, die Mitte der 90er durch die USA ad absurdum geführt wurden. Spätestens mit dem Angriffskrieg auf Jugoslavien hat die USA der Welt klar gemacht: Die Carta gilt für alle anderen, aber nicht für uns. Gerne dürfen die Verbündeten dann Kriegsverbrecher nach Den Haag schleifen, ein internationales Gericht, das die USA nicht anerkennt. In meinen Augen sollte hier deutlich und schärfer Kritik geübt werden.

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