Einen Tod stirbt man immer

Derzeit brauche ich so ziemlich alles, was ich an Energie aufbieten kann, um mich zu motivieren, meinen Job nicht zu schmeißen – denn immerhin ist es ein Job, von dem ich einigermaßen vernünftig leben kann. Das ist heutzutage schon eine ganze Menge. Und wenn mich die Erbärmlichkeit dieser Aussage auch schon wieder zutiefst deprimiert: Immerhin muss ich mich nicht körperlich verschleißen – was ich angenehm finde. Nicht wie ein Bauarbeiter, eine Altenpflegerin, ein Müllmann oder die Picker im Amazon Store und was es an körperlich anstrengenden Jobs da noch mehr gibt. Ich muss nur am Schreibtisch sitzen und aufpassen, dass ich nicht entgleise, indem ich die Tastatur auf den Bildschirmen zertrümmere, mit dem Telefon nach meinen Kollegen werfe oder ähnliches, was mir in den Sinn kommt, wenn ich den ganzen Tag mit unglaublich nutzlosen und öden Dingen verschwenden muss. Mit denen man aber Geld verdient, insofern sind sie ja absolut nützlich und sinnvoll – aber für einen denkenden Menschen letztlich nicht aushaltbar.

Es wird ja immer wieder gesagt, wie ungesund der Schreibtischjob doch für uns Menschen ist, die wir eigentlich als Jäger und Sammler konzipiert sind und den ganzen Tag herumlaufen müssten, um keine Rückenschmerzen zu kriegen und keinen Herzinfarkt. Und keine Lust auf Terror und Attentat. Und kein Übergewicht. Wobei – das ist ja mal ein Problem, das ich nicht habe. Aber viele andere. Und deshalb wird auch immer wieder gesagt, die Menschen würden nur zu fett und zivilisationskrank, weil Nahrung einfach viel zu billig sei.

Wobei das ja nur diejenigen sagen, die so viel Geld haben, dass ihnen Lebensmittel tatsächlich unglaublich billig vor kommen. Vermutlich hab ich kein Gewichtsproblem, weil ich als Allergikerin ohnehin vieles nicht essen kann, was billig zu haben ist. Insofern hier ein ganz einfacher Tipp für alle, die abnehmen wollen: Einfach Weizen vom Speiseplan streichen. Eine Weizenallergie ist eine ziemlich bescheuerte Zivilisationskrankheit – man hat nämlich erstmal das Gefühl, überhaupt nichts mehr essen zu dürfen.

Es ist einfach unglaublich, wo überall Weizen drin ist. In Rahmspinat aus der Tiefkühltheke. In Apfelmus. In der Gewürzmischung fürs sonst weizenfreie Weihnachtsgebäck. In so ziemlich allen Fertigsoßen und Fertiggerichten – was ich verschmerzen kann, denn die mag ich eh nicht. Nur schränkt es die Optionen wahnsinnig ein, insbesondere für berufstätigen Menschen, die nicht den ganzen Tag Zeit haben, sich liebevoll um die Ernährung zu kümmern. Früher ist den Menschen gar nichts anderes übrig geblieben, als sich jeden Tag stundenlang mit der eigenen Ernährung zu beschäftigen. Es gab keine Tiefkühltruhe, keine Mikrowelle, es gab hierzulande Getreide- oder Erbsengrütze, später Kartoffeln und dazu halt, was die Natur jeweils hergegeben hat, Beeren, Pilze, Kräuter, wenn man geschickt genug war, auch mal Fisch oder Fleisch.

Ich denke manchmal darüber nach, dass es eigentlich auch einmal ein reizvolles Projekt sein könnte, genau das wieder zum Lebensinhalt zu machen: Sich mit den eigenen Händen um die eigene Ernährung zu kümmern – vorausgesetzt, man hat einen Garten und ein Haus, in dem man wohnen kann. Wenn ich es wollte, wäre das bei mir sogar gegeben – aber natürlich müsste ich dann viele Abstriche machen, denn mit meinem Großstadtleben wäre es dann definitiv vorbei. Ich bin halt ein Zivilisationskrüppel. Und so muss ich meinen Job weiter aushalten. Einen Tod stirbt man immer.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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7 Antworten zu Einen Tod stirbt man immer

  1. Braman schreibt:

    Na, wenn die Bewegung als Sammler und Jäger doch so gut für die Gesundheit ist, dann wäre doch der Job bei Amazon als ‚Picker‘ besser als der Frustjob im Büro.
    Was die Inhaltsstoffe der industriell hergestellten ‚Nahrung‘ anbetrifft, die kann man vermeiden.
    Einfach Rohprodukte kaufen oder, wie oben erwähnt, sammeln und selber zubereiten. Das geht problemlos und ist obendrein noch preiswerter.
    Ändern, nicht jammern.

    MFG: M.B.

    • Clara Himmelhoch schreibt:

      Ich muss den Text gleich noch einmal lesen, denn das Jammern muss ich wohl überlesen haben. – Ich für meine Person bin jedenfalls froh, keinerlei Allergien zu haben, so dass ich mich rund und gesund futtert könnte, so ich denn wollte.

  2. monopoli schreibt:

    Der Tip mit dem Weizen ist tatsächlich gold wert.

  3. monopoli schreibt:

    Hat dies auf monopoli rebloggt.

  4. CitiMa schreibt:

    Tja zum Schreibtischjob lege ich mir einen anderen Blickwinkel zu „ich verkaufe mich“. Klingt schlimm, aber letzendlich verkaufe ich meine Lebenszeit an as Unternehmen und versuche dabei den größtmöglichen Preis/Nutzen zu erzielen. Das gibt der Sache ein wenig mehr Sinn bzw. man darf sich den Kopf nicht darüber zerbrechen.

    Deine Zeilen zu Ernährung finde ich richtig gut. Früher haben wir gegessen um zu leben, heute leben wir um zu essen. Ich versuche dem Thema Essen nicht so viel Bedeutung beizumessen, klar essen wir gesund und ausgewogen… aber wichtig ist das Leben um uns herum.

    LG
    Julia

  5. Erich schreibt:

    Selber Schuld,
    jeder hat die gleiche Zeit (Lebenszeit), sinnvoll nutzen musst du sie!

    • modesty schreibt:

      Jeder hat die gleiche Lebenszeit? Das ist ja der größte Unsinn, denn ich seit langem gehört habe. Dann ist jemand, der nicht 100 wird, am Ende selbst schuld?!

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