Demokratie: Die Vorlieben der Mehrheit spielen keine Rolle

Ach ja, das Handelsblatt. Auf das ist wirklich Verlass: Heute beantwortete es in seiner Rubrik „Stimmt es, dass..?“ die interessante Frage, ob es stimme, dass in Demokratien der Wähler bestimme, wo es lang ginge. Die beruhigende Antwort: Nein, stimmt nicht. Zum Glück:

Die verbreitete Sorge vor einer Ausbeutung der Wohlhabenden durch die minderbemittelte Wählermehrheit ist unbegründet. Eine Studie zeigt, dass die Vorlieben der Mehrheit keine Rolle spielen.

Wie geil ist das denn? Da kann ich ja endlich mal schwarz auf weiß lesen, dass sich niemand in diesem Lande graue Haare wachsen lassen muss, aus Angst, dass irgendwann die Revolution käme. Denn so klar für die Eliten in diesem unserem Lande (aber nicht nur hier) ist, dass der Feind nicht in den USA oder in Russland steht, sondern unten, so klar ist auch, dass die da unten ihre Interessen niemals durchsetzen werden, weil sie gar nicht wissen, was ihre Interessen sind.

Wie Norbert Häring in seiner Kolumne ausführt, braucht es keine Schutzmechanismen für die „wirtschaftliche Elite“ vor der Ausplünderung durch wahlberechtigte Habenichtse. Auf solche Ideen ist unter anderem die rechte AfD gekommen, die „unproduktiven“ Bürgern gern das Wahlrecht absprechen würde. Wählen dürfen solle doch besser nur, wer auch Steuern zahle. Und wer mehr Steuern zahlt, dessen Stimme soll auch mehr wert sein. Schließlich war das früher auch so: Nur wer Besitz hat, hat auch eine Stimme.

Doch so weit muss man gar nicht gehen: Wie Martin Gilens und Benjamin Page von den Unis Princeton und Northwestern durch die Analyse von Bevölkerkungsumfragen heraus gefunden haben, wollen etwa zwei Drittel der Wähler ohnehin, was die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung wollen. Und was die anderen wollen, spielt keine Rolle, denn das sind ja eh nur Minderheiten.

Und ja, Interessenverbände spielen durchaus eine Rolle. Die gute Nachricht aber ist, dass Massenorganisationen wie etwa die der Rentner zwar schon Einfluss haben, aber nicht so viel wie die zahlreichen Wirtschaftsverbände, die nun einmal die mächtigsten Interessengruppen sind. Und das ist auch gut so, denn deren Positionen unterscheiden sich durchaus von dem, was für den gemeinen Durchschnittsbürger gut wäre. Aber weil der ja nur alle vier Jahre wählen darf und ansonsten das Maul halten muss, stört dessen Meinung eh keinen. Und so ist wunderbar für alle gesorgt: Für die Wirtschaft und die Wohlbemittelten. Demokratie ist eine echt geniale Erfindung.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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2 Antworten zu Demokratie: Die Vorlieben der Mehrheit spielen keine Rolle

  1. Kain Kommentar schreibt:

    Zur Funktion des Wählers in der modernen Demokratie ein Artikel aus der MSZ:
    http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/86/86_12/waehler.htm
    Die Formen der Willensbildung und Wählerbetörung haben sich in den letzten 30 Jahren wohl geändert – der Inhalt kein Bisschen.

  2. Ute Plass schreibt:

    „Demokratie ist eine geniale Erfindung“ – Stimmt, wenn es sich um eine echte handelt.
    In einer solchen entscheiden und gestalten wir alle, auch darüber mit was und wie und für wen gewirtschaftet wird.
    Weitere Anregungen dazu: http://antjeschrupp.com/2014/07/19/kampfen-ohne-zu-hassen-auflosen-ohne-zu-zerstoren/#comment-158079

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