Relative und andere Katastrophen

Es ist keineswegs so, dass es nichts zum Schreiben gäbe – im Gegenteil, es gibt so viel, über das man sich aufregen kann, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Und dann war es auch noch so heiß!

Wobei ich das auch wieder gut finde – so ein Ausnahmezustand, bei dem aber nichts wirklich Bedrohliches zu befürchten ist. Ganz anders als bei so vielen Menschen auf der Welt, ob die nun in Syrien, der Ukraine, Irak oder Nigeria leben, die Ausnahmezustände erleiden müssen, die ich niemals erleben möchte. Meine private Exklusiv-Katastrophe ist, dass ich eine von der Lage her total attraktive Wohnung habe, in der es nunmal ziemlich laut ist, wenn ich versuche, mit offenem Fenster zu schlafen. Das kommt halt davon, wenn man im Herzen einer total angesagten deutschen Metropole wohnen will.

Mit der für Hauptstädter typischen Arroganz bin ich versucht, der einzigen deutschen Metropole zu sagen – denn come on, was wäre denn an Hamburg, München oder Köln mit BERLIN vergleichbar?! Jedenfalls habe ich nicht nur eine der Hauptverkehrsadern in Sachen beschissener individueller Autoverkehr vor meinem Fenster, sondern auch noch diverse Straßenbahnlinien und die Stadtbahn, auf der allen Bemühungen der Bahn zum Trotz, die zahlenden Kunden zu frustrieren, regelmäßig Fernverkehrs- und Regionalzüge fahren, und dann zum Glück muss ich sagen, auch die S-Bahn. Das ist eigentlich alles super, so lange man von A nach B will. Aber wenn man schlafen muss, um fürs Büro fit zu sein, ist es die Hölle.

Hier muss ich mal wieder feststellen, dass die Evolution ein Arschloch ist – sie ist einfach viel zu langsam. Warum kann der Mensch nicht einfach aus praktischen Erwägungen lärmunempfindlich sein, wenn es drauf ankommt? Ich meine, seit der Erfindung von Straßenverkehr und Großraumbüro wäre es doch an der Zeit, mal mit dem Bedürfnis nach Ruhe abzuschließen. Aber nein, um Gegenteil! Wenn ich aus dem Großraumbüro nach Hause komme – in dem es eine Menge telefonierender und auch sonst viel zu lauter Kollegen, aber immerhin auch eine Klima-Anlage gibt – komme ich in meine aufgeheizte Wohnung, in der es zwar viel ruhiger, aber eben viel zu heiß ist. Und wenn ich dann die Balkon-Tür öffne, wünsche ich mir plötzlich mein durchaus anstrengendes Großraumbüro zurück. Ja, ich weiß, dass sind Luxus-Sorgen, aber irgendwie sind sie auch existenziell.

Natürlich könnte ich auch aufs Land ziehen, da wäre es ruhig. Und das ist eine verlockende Vorstellung. Aber wie komme ich dann im mein Großraumbüro? Wobei ich da ja auch nicht dermaßen gern bin. Aber ich brauche halt das Geld. Das ist eben dieser Scheißwiderspruch: Ich muss mich mit einer tendenziell lebensfeindlichen Umwelt arrangieren, wenn ich überleben will. Und ich will überleben. Ich mache meinen Job, ich richte mich ein, aber in einer Umwelt, die es echt nicht gut mit mir meint. Warum machen wir Menschen das? Sollten wir dazu nicht viel zu intelligent sein, und uns statt dessen eine Umwelt schaffen, die unseren Bedürfnissen viel eher entgegen kommt?!

Nun ja, wie Walter Moers so treffend konstatierte: „Menschen? Ziemlich blöde Gattung, nur ein Hirn!“ Ich hoffe, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist. Das wäre einfach zu traurig. Nein, ich halte mich nicht für schlauer. Ich bin einfach nur ein Mensch, der sich arrangiert, weil die Verhältnisse halt so sind, wie sie sind. Aussteigen ist für mich keine Option – weil man sich genau damit ja auch mit den herrschenden Verhältnissen arrangiert. Man macht es eben anders, weil man den Rest der Menschheit eh für zu blöd hält.

Genau das will ich aber nicht. Ich bin genauso blöd. Ich mache Kompromisse, die manchmal schwer auszuhalten sind. Momentan halte ich alles schwer aus – aber die Verhältnisse, die sind nun einmal so. Ich will, dass es anders wird. Aber es hilft nicht, wenn ich mich verweigere – ja, sicherlich trägt dazu bei, dass es bei meinen Entscheidungen derzeit nicht nur um mich geht, sondern auch um meine Kinder, die halt noch nicht auf eigenen Füßen stehen, auch wenn sie langsam alt genug dafür sein sollten. Aber da muss ich meinen Egoismus von wegen „dann zieht doch aufs Land und leb aus deinem Garten, dafür hast du dann relative Ruhe“ gegen „ich muss aber in der Stadt genug Geld für drei verdienen“ abwägen. Es gibt viele Arten von Egoismus. Momentan lebe ich halt eine Art selbstlosen Egoismus. Ist schon interessant, was das moderne Leben alles für uns bereit hält.

Advertisements

Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
Dieser Beitrag wurde unter einfach nur ärgerlich, Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Relative und andere Katastrophen

  1. Braman schreibt:

    So denkt und redet sich jeder seine Situation, in die er sich mehr oder weniger freiwillig gebracht hat, schön oder wenigstens erträglich.
    Der Vergleich mit Menschen die ganz andere Sorgen haben (Irak, Nigeria, Afghanistan oder auch Bangla Desh, Nepal usw.) mag dabei ja helfen, ändert an der eigenen Situation allerdings nichts weil ja unsere Vergleichspersonen z.B. in den verkehrsarmen Villenvierteln oder in ruhigen aber dafür teuren Wohnlagen wohnen.
    Vielleicht sollten Sie mal analysieren, warum Wohnen für kleinere Einkommen so unverhältnismäßig teuer ist (%-ual zum Nettoeinkommen)
    Jemand mit €5 000,- Netto kann 40% = € 2 000,- locker zahlen für das Wohnen. Stehen aber nur
    € 1 600,- zur Verfügung und davon gehen € 800,- weg für eine (billige) Wohnung, ja, dann bleiben eben nur noch € 800,- zum Leben. Das ist nicht besonders viel, oder?

    MfG: M.B.

  2. SchlechtGebloggt schreibt:

    Unsagbares Selbstmitleid oder Schönreden ? Das lasse ich hier im Raum stehen. Ich kenne auf Arbeit Menschen, die mehrfach in den Urlaub, teilweise sogar in das Ausland fahren. Das kann sich nicht jeder leisten. Gleichzeitig jammern diese Leute, wie schlecht es Ihnen doch in dieser staubigen, hektischen Metropole Berlin geht. Es nervt dann meist, diese üblichen Alltagssorgen (und nichts anderes sind obige relative und andere Katastrophen (??)) sich anzuhören.
    Die Bloggerin hatte schon hervorragende gesellschaftliche Kritiken hier stehen. Wo sind diese ?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s