Unnötige Wissenschaft: Ernährungsprobleme

Wenn ich eine Überschrift wie Unnötiger Welthunger lese, muss ich prompt darüber nachdenken, ob es, wenn es denn unnötigen Hunger geben sollte, am Ende auch nötigen Hunger in der Welt gibt? Und siehe da – es gibt eigentlich nur nötigen Hunger in der Welt. Denn wenn kein Hunger nötig wäre, um den Leuten was zu Essen zu verkaufen, dann wäre diese Welt längst ein Ort, an dem Hunger eine schreckliche, aber verblassende Erinnerung an frühere, unzivilisierte Zeiten ist.

Oder noch einmal anders: Heutzutage gibt es keinen Hunger, weil zu wenig Nahrung auf der Welt wüchse, um alle Menschen zu ernähren, sondern unglaublich viele Menschen müssen hungern OBWOHL genug für alle da wäre. Das Problem ist, dass die Nahrungsmittelerzeugung in der modernen Welt eben NICHT dazu dient, alle Menschen satt zu machen. Sondern sie ist, wie so ziemlich alles andere auch, nur ein Geschäftsmodell, mit dem Geld verdient wird. Und ohne Moos nix los, wie der Volksmund sagt, der eben auch nichts zu beißen kriegt, wenn es am Geld gebricht.

Insofern sind die Bemühungen fleißiger Wissenschaftler, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man möglichst viele zusätzliche Millionen an Menschen satt bekommen könnte, zwar ehrenhaft, aber leider reichlich nutzlos, so lange niemand auf die sehr viel wichtigere Idee kommt, dass man Nahrungsmittel einfach nur anbauen könnte, um sie ihrem Endzweck, nämlich dem Verzehr zuzuführen. Dass hieße aber – und das darf nicht sein: Dass man den Kapitalismus infrage stellen, ach was, besser gleich abschaffen müsste.

Denn der ist das eigentliche Hungerproblem: Es ist nun einmal so, dass Nahrungsmittel angebaut werden, um auf dem Markt verkauft und somit in die eigentliche Lebensgrundlage moderner Menschen, nämlich Geld verwandelt zu werden. Wobei auch das ja eher anders herum ist: Weil Nahrungsmittel Mittel zum Gelderwerb sind, sind sie eben nicht mehr Lebensgrundlage für die Menschen, weil man sie ja erst kaufen muss. Deshalb ist Geld für sehr viele Menschen auch keine Lebensgrundlage, sondern vielmehr der ultimative Lebensverhinderungsgrund: Ohne Geld kein Essen – und das hält ein Mensch normalerweise nicht sehr lange durch.

Aber genau deshalb gibt es derzeit so viel hungernde Menschen wie noch nie – obwohl eigentlich genug für alle wächst. Hierzulande werden nur auf 40 Prozent der Ackerfläche Pflanzen, die direkt der menschenlichen Ernährung dienen, angebaut. Auf den restlichen 60 Prozent wachsen Viehfutter und Energiepflanzen. Und die Hälfte der Ernte landet eh im Müll, noch BEVOR die Produkte überhaupt beim Verbraucher ankommen. Zwar werden auch die Verbraucher regelmäßig beschimpft, weil sie angeblich viel zu viel von dem, was sie kaufen in den Müll werfen, aber das ist gemessen an dem, was planmäßig vernichtet wird, etwa um Preise stabil zu halten, ein Witz. So irre das klingen mag: Im Kapitalismus sind Rekordernten ein ernstes Problem, weil dann die Preise fallen. Für den Markt ist es nämlich besser, wenn ein Gut knapp ist. Gibt es vor irgendwas genug, dann ist das einfach zu viel – und bevor man nichts mehr damit verdient, schmeißt man es lieber weg, als es den Leute einfach so zu geben. Wenn alle bekommen, was sie brauchen, gibt es ja ein Problem mit der Nachfrage, und dann ist das ganze Modell im Eimer. Da gehört es zwar eigentlich hin, aber das darf man so nicht sagen. Eigentlich nicht mal denken!

Kleine Randbemerkung für alle, die noch immer Krokodilstränen über Lebensmittelwegwerforgien vergießen: Die Produkte, die vom Verbraucher weggeworfen werden, haben ihren Sinn doch erfüllt: Sie sind gekauft und somit bezahlt worden. DARAUF kommt es nämlich an. Nicht darauf, ob sie dann auch gegessen werden oder nicht. Der Kapitalismus interessiert sich nicht dafür, ob die Leute satt werden oder nicht. Das ist weder Sinn noch Ziel der ganzen Veranstaltung. Es ist nunmal eine verdammte Lüge, wenn behauptet wird, der Markt sei dazu da, um Dinge zu verteilen. Wenn es nur darum ginge, Nahrungsmittel so zu verteilen, dass alle genug bekommen, bräuchte es alles mögliche, vom Fahrradkorb über Güterzüge zum Containerschiff, aber gewiss keinen Markt. Den braucht man nur, wenn man mit irgendwas Geld verdienen will. Also, liebe Wissenschaftler, beantwortet doch erstmal die Frage, ob das wirklich so sein muss. Und wenn ihr darauf die richtige Antwort gefunden habt, erledigt sich das mit dem Hunger eigentlich von selbst, entsprechende Verbesserungsvorschläge habt ihr ja schon in der Schublade.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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4 Antworten zu Unnötige Wissenschaft: Ernährungsprobleme

  1. Ex-Vermieter schreibt:

    Guter Artikel, zu dem mir eine Anmerkung gestattet sei:
    Markt ist für mich ganz ursprünglich ein Platz, an dem sich Menschen, die von manchen Dingen wie z.B. Tomaten mehr haben, als sie brauchen, mit anderen treffen, die von genau diesen Dingen mehr brauchen, als sie im Moment haben. Auf seiten der Überschuss-Besitzer sind da sowohl Erzeuger der Waren als auch Händler; letztere in Bausch und Bogen zu verurteilen, nur weil sie an ihrem Tun etwas verdienen wollen, vernachlässigt aber den Aspekt, dass nun mal viele Tomaten nicht grad reif nah bei den hungrigen Mäulern sind. Der klassische Markthändler erfüllt also zumindest auch die notwendige (im wahrsten Sinne des Wortes) Funktion des Verteilers und Transporteurs.
    Was er aus seinen sonstigen Funktionen macht, sei dahingestellt – das Feilschen ist ja nur eine Funktion des Markts. Einkäufe auf Märkten dreier Kontinente ließen mir diese Märkte jedenfalls nicht wie eins der verwerflichsten und schnellstens abzuschaffenden kapitalistischen Übel erscheinen.
    Ein Brief oder Paket wird ja auch nicht vom Sender direkt zum Empfänger gebracht, sondern zum Briefkasten oder zur Post, wo ähnliche Dinge erst mal gesammelt werden, was doch beträchtliche Vorteile hat.
    Ps:“Vom Mythos des Hungers. Die Entlavung einer Legende“ beschreibt schon vor >30 Jahren, dass es hinter den Kulissen ganz anders aussieht.

    Beste Grüße

    • Braman schreibt:

      @Ex-Vermieter
      modesty hat sicher nicht den Wochenmarkt und den ehrlichen Handel gemeint wenn sie vom „Markt“ schreibt, sonder hat wohl eher das unsichtbare Wesen ‚Markt‘ gemeint das ja alles (mit unsichtbarer Hand) zum guten für alle regelt.
      Aber genau das ist der Markt des Kapitals, der nur der Bereicherung der Kapitaleigner dient, der nicht nach Bedarf und Angebot fragt, sondern nur nach der Maximalrendite.

      MfG: M.B.

  2. Hans 63 schreibt:

    Sehr gut durchdacht, analysiert und konkludiert.

  3. Pingback: Unnötiger Welthunger |

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