Verrückte Welt – mein Wort zum Sonntag

Der Kapitalismus ist eine fiese Sau – und trotzdem ist er angeblich das Beste, das die Welt derzeit zu bieten hat. In dem Artikel Der Überfluss an Unnötigem und Schädlichem hat Meinhard Creyd eine ganze Reihe Beispiele zusammengetragen, was am Kapitalismus objektiv, nachvollziehbar und offensichtlich schädlich ist: In sämtlichen Industrien, einschließlich der Lebensmittelbranche und der Medizin werden absichtlich Produkte entwickelt und hergestellt, die ungesund und schädlich sind. Hauptsache, das Zeug wird gekauft und die Menschen müssen dann wieder andere Produkte kaufen, mit denen die schädlichen Folgen abgemildert werden können. Ein kapitalistischer Geniestreich!

Genau wie immer mehr Raffinesse darauf verwendet wird, Produkte vorzeitig verschleißen zu lassen, anstatt sie haltbarer zu machen (geplante Obsoleszenz). Natürlich ist das eine total irre Verschleuderung an Ressourcen und Arbeitszeit – aber wen interessiert das schon, der Rubel muss ja rollen. Oh, Verzeihung, der Euro selbstverständlich. Das ist auch der Grund, warum Kriegsgründe und Kriegsgerät in alle Welt exportiert werden – Frieden ist eine feine Sache, aber leider lässt sich damit nicht so viel verdienen wie mit Krieg und Zerstörung. Der Kapitalismus geht auch an anderen Stellen über Leichen, warum dann nicht beim einträglichen Waffengeschäft?!

Das gefährlichste Organ des Menschen ist sein Kopf. (Alfred Döblin)

Alfred Döblin hat einfach recht…

Auch zeigt sich immer wieder, dass der Wettbewerb keineswegs dazu beiträgt, dass Dinge haltbarer oder besser werden – gerade die teuren Neubaustrecken der Bahn sind Beispiele dafür, wie der Kapitalismus alles schlechter macht: Während die in der Anfangszeit der Eisenbahn gebauten Strecken viele Jahrzehnte gehalten haben, halten die neuen Strecken gerade mal wenige Jahre: Auf der Schnellstrecke Berlin-Hamburg mussten bereits nach 5 Jahren die ersten Betonschwellen ausgetauscht werden. Und beim teuren neuen Berliner Hauptbahnhof sind schon kurz nach der Eröffnung während eines Sturms Stahlträger von der Fassade gefallen und die filigrane Brücke der Ost-West-Strecke musste auch schon saniert werden, obwohl der Bahnhof erst 2006 eröffnet wurde. Über das BER-Desaster will man als Berliner gar nicht mehr reden – aber ganz ehrlich: Zu DDR-Zeiten wäre das nicht passiert.

Wo wir schon beim Verkehr sind: Durch die steuerliche Bevorzugung des Flugverkehrs findet auch eine verrückte Verschleuderung von Ressourcen statt – aber es ist häufig billiger, innerhalb Deutschlands zu fliegen, statt die Bahn zu nehmen. Und über den Wahnsinn des Individualverkehrs mit dem eigenen Auto wurde auch schon eine Menge gesagt, trotzdem wird er weiterhin mit allen Mitteln gefördert, obwohl Autoproduktion, Straßenbau und natürlich der Verkehr selbst schlecht für Mensch und Umwelt sind – wer nicht an einer stark befahrenen Straße in der Stadt wohnen will, zieht halt ins Umland und fährt mit dem Auto in die Stadt.

Da sind wir beim nächsten Punkt: Es gibt interessante Aufsätze über das Eigenheim als Ort kollektiven Egoismus – die Einfamilienhaus-Siedlungen um die Städte herum sind ebenfalls wunderbare Beispiele für die sinnlose Verschleuderung von Ressourcen – aber wer sich ein Eigenheim ans Bein binden lässt und den Rest seines Lebens arbeiten muss, um die Hypothek abzutragen, der hat seine Entscheidung ja gefällt und denkt nicht mehr darüber nach. Vor allem muckt er nicht mehr auf, sondern beißt die Zähne zusammen und macht weiter, egal wie hohl der Job und wie öde das Leben ist: Man will ja nicht, dass die Bank am Ende alles bekommt.

Hier haben wir einen weiteren Punkt: Öde und bestenfalls sinnlose Jobs – und es gibt ja auch genügend Tätigkeiten, die Mitmenschen und Umwelt schaden. Egal ob sinnlose Medikamente, krank machende Fertignahrung, neue Waffen, neue Finanzprodukte und so weiter entwickelt werden – auch das tun Menschen, weil sie halt Geld verdienen müssen. Und je nach dem, wie sie drauf sind, werden sie sich schon den einen oder anderen Rechtfertigungsgrund ausdenken, warum ihr Job halt nötig ist. „Gute Arbeit“ im Sinne von sinnvoller Tätigkeit, die nicht nur einem selbst, sondern auch den Mitmenschen nützt, gibt es im Kapitalismus nicht. Es gibt vielleicht Randbereiche, Krankenpflege, Kinderbetreuung und ähnliches, wo es sich nicht so schlimm anfühlt, weil man ja tatsächlich etwas Gutes tun kann – aber es ist natürlich bezeichnend, warum ausgerechnet diese Arbeiten vergleichsweise schlecht bezahlt werden: Sie sind im kapitalistischen Sinne unproduktiv. Die ganze Familien- und Hausarbeit gilt als reproduktive Arbeit, also für Gelderwerb nicht nützliche Arbeit. Reproduktiv ist ein freundlicheres Wort für unproduktiv, obwohl genau diese Tätigkeiten ja im Grunde die allerwichtigsten sind. Doch statt sich um das eigene Wohlergehen und einem liebe Menschen zu kümmern, verwenden die Menschen den größten Teil ihrer Lebenszeit, um langweilige, schwachsinnige oder gar schädliche Dinge zu tun.

Man fragt sich, warum angeblich vernünftige Menschen darüber nicht einmal ins Grübeln kommen, sondern hartnäckig daran festhalten, dass es halt nicht anders ginge. Ständig wird über Umweltzerstörung, Müllberge, Energieverschwendung, den Hunger in der Welt und so weiter lamentiert, während die eigentliche Ursache dafür – unser zutiefst schädliches und menschenverachtendes globales Wirtschafts- und Gesellschaftskonzept konsequent ausgeblendet wird. Das ist wirklich zum Verrücktwerden!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Verrückte Welt – mein Wort zum Sonntag

  1. Braman schreibt:

    Wieso zum Verrückt werden?
    Sind wir nicht alle schon verrückt? Nur als Verrückter kann man dieses System ertragen.
    Aber wir wachsen ja in das System hinein, wir kennen nichts anderes, sehen es als die Normalität.
    Und die Zweifler, die Kritiker, die Aussteiger, das sind diejenigen, die als Verrückte bezeichnet werden.
    Übrigens, ich bin gern ein Verrückter, ein Phantast, ein Spinner, ein Utopist, ein Sozialromantiker und was es sonst noch für Ehrentitel gibt.

    MfG: M.B.

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