Eine neue Dimension der Grausamkeit

Das Geschäft der Menschenschleuser über das Mittelmehr erreiche einen neuen Grad der Grausamkeit, klagen Vereinte Nationen, nationale Politiker und Frontex in selten erreichter Einigkeit. Innerhalb weniger Tage musste die italienische Küstenwache mehrere mit hunderten verzweifelter Flüchtlinge beladene, von der Besatzung verlassene Frachtern retten, die führerlos vor der Küste trieben. Ja, das ist schon gemein: Da macht man die Grenzen nach Europa dicht und stellt die Patrouillen auf dem Mittelmeer ein, weil diese angeblich zu teuer sind und außerdem viel zu viele Menschen damit gerettet werden, die anschließend keiner haben will – und jetzt das!

Verantwortungslose Schleuser nehmen armen Afrikanern und Arabern viel Geld ab, um sie ins angeblich viel schönere, reichere und sichere Europa zu bringen – und dann lassen die Schweine die Flüchtlinge an Bord der Seelenverkäufer einfach im Stich, anstatt sie anständig ins Land zu schmuggeln, an den Behörden und ihrer Verantwortung vorbei.

Das ist doch die einzige neue Qualität, die auszumachen ist: Es ertrinken weiterhin Tausende bei ihrer Flucht über das Mittelmeer, vor allem seit die Operation Mare Nostrum im Oktober vergangenen Jahres eingestellt wurde – unter anderem, weil unsere ach so menschenfreundliche Bundesregierung kein Geld dafür locker machen wollte. Italiens Premierminister Matteo Renzi hatte recht, als er sagte, dass man nicht erlauben dürfe, dass das Mittelmeer zum Friedhof würde. Aber die EU hat beide Augen fest zusammengekniffen und die Italiener mit ihrem Flüchtlingsproblem im Stich gelassen. So weit geht die vielgelobte EU-Gemeinschaftlichkeit dann halt doch nicht. Die EU hat zwar den Friedensnobelpreis gern angenommen – aber der ist ja nun wirklich Beweis genug, dass die EU zu irgendwas gut ist. Da muss sie nicht auch noch jede Menge Fremde reinlassen.

Dabei wäre genau das die Lösung: Würden die EU-Länder die Flüchtlinge einfach ins Land lassen, hätte sich das Geschäftsmodell der Menschenschleuser erledigt. Die Leute könnten sich zu einem Bruchteil der horrenden Summen für ihre Flucht ein Flugticket oder eine Schiffspassage buchen, sich das Leben in Europa einmal in Ruhe ansehen und würden dann vermutlich wieder nach Hause fahren – denn wenn sie realisieren, dass ein elendes Leben als Billigjobber auf sie zu kommt, weil ihnen ja entgegen aller Behauptungen von Pegida-Idioten in der EU nichts geschenkt wird, wollen sie vermutlich nicht unbedingt bleiben – zuhause ist es doch am Schönsten und das ist für die allermeisten Menschen eben nicht Deutschland.

Aber für Illegale ist eine Rückkehr schwer bis unmöglich – wenn man ohne gültige Papiere Grenzen überschreiten will, braucht man wieder viel Geld für Schleuser. Und die Leute verschulden sich damit für den Rest ihres Lebens und werden gezwungen diese Schuld abzuarbeiten – Frauen werden dann in die Prostititution gezwungen und Männer als Sklavenarbeiter an windige Subunternehmer verkauft, die unter anderem auf der BER-Baustelle schuften müssen. Auch diese Geschäftsmodelle könnte man leicht austrocknen – aber offenbar gibt es daran kein ernsthaftes Interesse.

Wenn der EU und den meisten ihrer Mitgliedern das Schicksal dieser armen Menschen tatsächlich nicht scheißegal wäre, könnte sie ja ihre keineswegs friedensnobelpreiswürdige Politik mal überdenken: Woher kommen denn die ganzen verzweifelten Flüchtlinge, die lieber riskieren, elend zu ersaufen, als dort zu bleiben, wo sie her kommen?! Doch zumeist aus von Bürgerkriegen zerstörten Regionen – Bürgerkriege, die unter anderem von der EU mit angeheizt wurden. Und wenn nicht mit direkter Waffen- und Militärhilfe, so doch mit anderen Maßnahmen – die EU ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, ihre Interessen wahrzunehmen. Allerdings sind diese Interessen reichlich kurzsichtig, wie sich immer wieder herausstellt – mit einem kaputten Libyen, mit einem zerbombten Syrien lassen sich keine vernünftigen Geschäfte machen und dann gibt es ja auch noch dieses blöde Flüchtlingsproblem, um das sich aber jetzt mal andere kümmern sollen. Aber bitte nicht ganz so grausam.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Eine neue Dimension der Grausamkeit

  1. Clara Himmelhoch schreibt:

    Timm Thaler verkaufte damals nur sein Lachen – doch viele der heutigen Menschen verkaufen ihre Seele oder wie im Märchen „Das kalte Herz“ eben ihr Herz – nur um an Geld und Gewinn und Reichtum zu kommen.

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