Lügenpresse aktuell: Hunger und Ungerechtigkeit

Die Nachrichten und das Internet sind derzeit voll mit dem Wahlergebnis in Griechenland – gestern wurde sogar der erste brauchbare Tatort seit langer Zeit mit dieser blöden, weil total erwartbaren Eilmedung gestört – und auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich in einem gelernten Impuls (Wahlergebnisse sind wichtig! Hab ich in der Schule und übrerall sonst so gelernt, wenn ich inzwischen auch realisiert habe, dass das nicht stimmt) über die Mehrheit für Syriza freue – auf Deutschland übertragen wäre ja so, als ob die Linke endlich mal gut 36 Prozent bekäme, was ich als Staatsbürger natürlich besser fände als 36 Prozent für CDU und/oder SPD, aber als Privatmensch weiß ich ja, dass das eigentlich egal ist. Puh, was für ein Satz. Ich hab auch mal gelernt, dass man das in einer Einleitung nicht tun soll, aber das ist schließlich mein Blog, und hier kann ich schreiben, wie ich will. Also jetzt dritter Satz: In erster Linie regiert der Sachzwang, und dem ist Syriza – und bei uns dann die Linke, genau wie auch alle anderen Parteien, die in die jemals in die Regierung eines demokratisch regierten Landes kommen – genauso unterworfen, wie die anderen eben auch.

Insofern fürchte ich, dass ich demnächst gar nicht so gute Dinge über die neue Regierung in Griechenland schreiben muss – denn wenn sie jetzt nur ein bisschen zugunsten derer, die von den bisherigen Regierungen brutal abserviert worden sind, umverteilen, werden sie eben nichts anderes tun, als Almosen zu verteilen, ohne dass die Wurzel ausgerissen würde. Und die Wurzel des Elends in Griechenland (und so ziemlich über all auf der Welt, sogar dem in Grund und Boden verdammten Nordkorea) ist der Kapitalismus. Und den wird auch Syriza nicht abschaffen. Und deshalb haben die jetzt schon verloren. Obwohl ich für die Griechen natürlich hoffe, dass es den Leuten irgendwie besser ginge. Vielleicht kriegt die neue Regierung das irgendwie doch hin. Schließlich geht es den einfachen Leuten in Griechenland mittlerweile so schlecht, dass schon vergleichsweise dürftige Maßnahmen ihr Leben deutlich verbessern könnten.

Und damit sind wir bei einem anderen Thema, was ein gutes schlechtes Beispiel dafür ist, warum es in dieser Welt nicht besser werden wird: Rechtzeitig zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos publizierte Oxfam eine Studie, nach der das reichste eine Prozent der Menschheit in Kürze so viel (ach was, mehr!) besitzen wird, wie die anderen 99 Prozent. Das ist natürlich eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Also wurde eine Sprecherin von Oxfam auch gleich eingeladen, ebenfalls in Davos zu sprechen, damit es auch mal wieder gut ist. Gleich darauf waren auch Stimmen zu vernehmen, dass die von Oxfam publizierte Studie wenig hilfreich sei – die Vorhersagen stammen schließlich von der Credit Suisse – und wie man inzwischen gelernt hat, ist auf die Zahlen von Banken kein Verlass. (Jetzt darf gelacht werden, auch wenn das gar nicht lustig ist!)

Die meisten Berichte gehen aber in die Richtung: „Hui, das ist jetzt aber ganz schön ungerecht, Monsieur Piketty, übernehmen Sie!“ Aber der hat bekanntlich auch nicht wirklich etwas gegen den Kapitalismus, sondern nur dagegen, wie er nachweislich funktioniert.

Den meisten Menschen ist nicht klar, dass Thomas Piketty kein Kapitalismuskritiker ist, auch wenn die Lügenpresse, äh, die Medien, ihn immer wieder als solchen bezeichnen. Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass wir eine Lügenpresse haben, auch wenn es mir gefällt, dass man damit gut Witze machen kann. Die Presse macht halt ihren Job – und ob man es glaubt oder nicht, sie ist bloß abhängig von Anzeigenkunden und der verkauften Auflage, aber nicht von Parteien oder Staatsorganen (der war gut, oder?! Hier kann man gern noch mal nachdenken – und ein Stichwort ist: Konzerne – Die haben Geld…)

Okay, hier mal ein einfaches Beispiel, das ich in der Frankfurter Rundschau gefunden habe. Hier gab es am Wochenende unter dem Titel „Hungern im Überfluss“ einen entsprechenden Artikel – und bitte nicht missverstehen, ich kritisiere überhaupt nicht, dass so etwas be- und angeklagt wird, das finde ich gut und wichtig!!! Aber man sollte es halt richtig machen.

Darin stand zutreffenderweise, dass Hunger und Mangelernährung nicht auf einen Mangel an Nahrungsmitteln zurückzuführen seien. Das Problem sei vielmehr, dass Nahrungsmittel ungerecht verteilt würden. (Aber bitte schön: Was ist denn „gerecht“!?) Um den Hunger zu besiegen, müssten mehr und effizienter produziert werden.Die Weltbevölkerung wachse weiter. 2050 müssten über neun Milliarden Menschen ernährt werden. Daher müssten „wir“ mehr und effizienter produzieren. Nur so könnten wir den Hunger besiegen.

Hallo?!

Erstens: Wer ist „wir“!? Hab ich einen Bauernhof? Hast du einen?!

Da haben wir schon einen Grund: Wer sind überhaupt die Konzerne, die „unsere“ Ernährung sicher stellen sollen?! Etwa irgendwelche Dienstleister im Staatsauftrag? Das wäre nicht schlecht, gibt es aber nur in kommunistischen Systemen. Alle anderen sind auf den freien Markt angewiesen. Und der ist bekanntlich ein Arschloch. Das hat auch die UN festgestellt: „Im Grunde liegt die Wurzel des Problems von Hunger und Mangelernährung nicht in einem Mangel an Nahrungsmitteln, sondern im mangelnden Zugang großer Teile der Weltbevölkerung zu den verfügbaren Nahrungsmitteln.“

Tja. Und hier kommt der Kapitalismus ins Spiel. Der Zugang wird nämlich über Geld geregelt. Und wer keins hat, der kriegt auch nichts zu fressen. So einfach ist das. Auch wenn die FR – oder vielmehr ihr Gastkommentator Roman Heere ganz richtig erklärt:

Bei dem Verweis auf die wachsende Weltbevölkerung wird verschwiegen, dass die Menge der verfügbaren Nahrungsmittel viel schneller wächst. Seit 1960 ist die Bevölkerung um das 2,3-Fache angestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die Nahrungsmittelproduktion um das 3,1-Fache gewachsen. Rein rechnerisch hätte damit jeder Mensch auf der Welt heute 30 Prozent mehr Essen auf dem Teller als noch vor 50 Jahren. Wäre globale Mengensteigerung wirklich die silberne Kugel der Hungerbekämpfung, dürften heute keine 800 Millionen Menschen täglich Hunger leiden.

Bleibt zum Schluss noch die Frage, wo all die Nahrungsmittel landen: Agrartreibstoffe, Futtermittel, Überkonsum (800 Millionen Menschen sind heute fettleibig), Nahrungsmittelverluste und -verschwendung im industriellen Ernährungssystem sind da nur einige Stichworte. Das Vorantreiben der Bioökonomie, also des Ersatzes fossiler durch nachwachsende Rohstoffe für unsere Industrien, wird auch in Zukunft sicherstellen, dass industrielle Mehrproduktion nicht bei den Armen und Hungernden landet.

Aber hier haben wir wieder das Übliche, dieses blöde Spiel: „Weil die einen zu egoistisch sind, haben die anderen nichts zu beißen.“ Das ist Unsinn: Selbst wenn man Agrar-Sprit verbieten würde, würden die dann zu viel produzierten Produkte nicht bei den Armen der Welt landen. Im vergangenen Jahr hat beispielsweise die EU absurd viel Geld dafür ausgegeben, damit genau das nicht passiert! Das, was die Produzenten auf dem Markt nicht verkaufen können, wird eben nicht verschenkt, sondern vernichtet. Nahrungsmittelproduktion ist ein Geschäft wie jedes andere auch, und eben keine Wohltat für die Menschheit. Genau das ist das Problem, auch wenn immer wo getan wird, als ob es darum ginge, die Menschenheit zu ernähren. Wenn man das wollte, könnte man das – das steht in dem Artikel ja drin. Was nicht drin steht, ist, warum das nicht gewollt wird. Das ist eben keine Frage der Gerechtigkeit – irgendwie wäre es ja auch ungerecht, wenn die einen ihr Essen kaufen sollen, während die anderen es einfach geschenkt kriegen würden.

So werden die einen Armen gegen die anderen Armen ausgespielt. Denn die Fettleibigen, die sich den ganzen Industriescheiß reinziehen, sind ja nicht die von dem einen Prozent, die mehr besitzen als alle anderen, sondern die Kollegen von den 99 Prozent, die nicht das Geld haben, in den schnieken Feinkostladen oder den Bioladen nebenan zu gehen, um sich Zutaten für einen edlen Salat zu kaufen. Sondern das sind die, die sich eben nur den Billigscheiß aus der Kalorienfabrik in die Mikrowelle legen können, bevor sie ihre Serie weiter glotzen.

Und ich hab echt nichts gegen Serien glotzen. Das mache ich selbst auch. Der Alltag ist einfach zu scheiße, um ihn ohne Zerstreuung auszuhalten. Okay, ich koche gern ohne Mikrowelle und Fastfood ist eh nix für mich, weil ich Weizen nicht vertrage – deshalb weiß ich aber auch, wie viel Aufwand eine alternative Ernährung bedeutet. Da muss man echt Zeit und Geld für haben. Es geht. Aber es ist aufwendig.

Und genau deshalb regt mich dieser larmoyante Artikel über die Ernährungssituation auf der Welt so auf: Da wird wieder so getan, als ob es nur am leider zu wenig vorhandenen guten Willen von „uns allen“ liegt, dass nicht alle satt werden. Aber wir haben doch alle keine Wahl: Natürlich wäre jeder Mensch, der bei Trost ist, dafür, dass die Mengen an Nahrungsmitteln, die produziert werden, auch allen Menschen zugute kommen. Aber so läuft es halt nicht.

Das, was immer wieder „Verteilungsgerechtigkeit“ genannt und eingefordert wird, kann es ist unserem System nicht geben: Der Kapitalismus kennt das nicht. Gerecht ist nur, wenn einer, der Geld hat, dafür auch etwas bekommt. Alles andere ist Kommunismus. Und der ist angeblich das Gegenteil von Freiheit und Demokratie. Der sieht nicht mal beim aktuellen Startcartoon auf Titanic gut aus. Titanic ist hiermit als Bestandteil der Lügenpresse entlarvt!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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