Gedenk-Rituale und Schlussstrich-Mentalität

Einerseits finde ich es richtig und wichtig, nie zu vergessen, was deutsche Nazis – und sehr viele Deutsche waren Nazis – ihren Mitmenschen angetan haben. Aber diese institutionalisierten Gedenkrituale, mit denen die wichtigen Typen aus der Politik jetzt vorführen, wie super sie dieses ganze Gedenken inzwischen drauf haben – das ist einfach widerlich. Jetzt sind sie alle nicht mehr Charlie, sondern Auschwitz. Und morgen machen sie wieder ihre Politik, mit der sie dafür sorgen, dass auch weiterhin fein zwischen Menschen, die gleich und solchen, die gleicher sind, sortiert wird. Widerlich ist das.

Als die Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreiten, hatten die Nazis dort bereits mehr als eine Million Menschen umgebracht – vergast, erschlagen, erschossen oder einfach verrecken lassen an Krankheiten und Hunger. Menschen, deren einziges Verbrechen es war, nicht in das Herrenmenschen-Schema zu passen, dass die Nazis propagierten, wobei es nebenbei nicht nur um Gene, sondern auch um Gesinnung ging – in den KZs wurden hauptsächlich Juden, aber auch Sinti, Roma, Angehörige sonstiger Minderheiten, Kommunisten, Sozialisten, ja sogar engagierte Christen umgebracht, die sich gegen die Nazis stellten.

Was die Soldaten der roten Armee an jenem Januartag im Lager vorfanden, war schier unfassbar – unzählige Elendsgestalten, mehr tot als lebendig, zusammengefercht in Baracken, die meisten apathisch, haufenweise Leichen. Handfeste Beweise dafür, dass die Nazis Menschenvernichtung im industriellen Maßstab betrieben haben – das ist bis heute schwer zu fassen, auch wenn es zweifellos statt gefunden hat.

Insofern ist es um so ekelhafter, dass jetzt auch noch eine Debatte darüber los getreten wurde, welcher Nationalität die Befreier denn eigentlich gewesen seien – natürlich waren es sowjetische Soldaten der roten Armee, weder Russen, noch Ukrainer, denn Russland und die Ukraine gab es damals nicht. Auch wenn der polnische Außenminister Grzegorz Schetyna behauptet, Auschwitz sei nicht von russischen, sondern von ukrainischen Soldaten befreit worden. Aber wo wir schon mal dabei sind: Von den guten pro-westlichen Ukrainern oder den bösen pro-russischen?!

Jedenfalls konnte unser Bundespräsident Joachim „Freiheit, Freiheit, Doppelfreiheit“ Gauck wieder eine seiner salbungsvollen Reden halten, in der er die Menschen vor einem Schlussstrich unter dem Holocaust gewarnt hat. „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.“ Die Erinnerung an den Holocaust bleibe eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes. Aus dem Erinnern ergebe sich ein Auftrag: „Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen.“

Tja, sag das mal deiner Regierung, lieber Joachim. Die hat es nämlich nicht so mit der Mitmenschlichkeit. Frag mal einen x-beliebigen Flüchtling, dessen Land mit deutscher Waffenhilfe gerade zerschossen wurde und der nicht weiß, wohin. Frag mal die Leute in Griechenland. Mitmenschlich sein, das ist irgendwie schon wichtig, aber es reicht doch, wenn man dazu aufruft. Man muss es nicht auch noch sein.

Wahlplakat der FDP zur Bundestagswahl 1949 mit der Forderung nach Beendigung der Entnazifizierung

Wahlplakat der FDP zur Bundestagswahl 1949 mit der Forderung nach Beendigung der Entnazifizierung
Quelle: Wikimedia

Übrigens: Einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung nach wollen 81 Prozent der Befragten die Geschichte der Judenverfolgung „hinter sich lassen“. 58 Prozent wollen endlich mal einen Schlussstrich ziehen. Das hatte die FDP schon 1949 auf ihren Plakaten gefordert. So sindse halt, die Bürger. Pegida kommt aus der Mitte der Gesellschaft – auch wenn das unseren Gedenk-Profis von der Politik-Front peinlich ist, weil das im Ausland so einen schlechten Eindruck macht. Der ganze Gedenk-Bombast macht es aber nicht besser.

Wir brauchen eine menschenfreundlichere Gesellschaft. Eine, in der niemand Angst um seine Existenz haben muss. Dann gibt es viel weniger Grund für diesen hässlichen Futterneid den anderen gegenüber, die eben nicht von hier sind.

Aber solange genau die Mechanismen wirken, durch die der ganze Vernichtungswahnsinn der Nazis überhaupt so lange erfolgreich betrieben werden konnte – wer hat denn davon profitiert? Die Rüstungsindustrie, Stahlkonzerne, Waffenschmieden, Chemiefabriken und so weiter und so fort – die Kapitalisten sind mit den Nazis prima klar gekommen, die haben prächtig am Krieg verdient. Und die verdienen noch immer prächtig, während es für die anderen, die für den Reichtum des einen Prozents arbeiten müssen, halt immer enger wird. Wie wäre es, darunter mal einen Schlussstrich zu ziehen?!

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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