Team Wallraff kriegt Zustände im Jobcenter

Günter Undercover Wallraff hat in seiner aktuellen Reportage für RTL aufgedeckt, was Millionen Menschen seit vielen Jahren am eigenen Leib erfahren: Die Situation in deutschen Jobcentern ist prekär. Die Arbeitsvermittlungen kommen weder ihrer eigentlichen Bestimmung nach, Menschen bezahlte Arbeitsplätze zu vermitteln, noch erfüllen sie ihren anderen Job, nämlich den Menschen, bei denen sie in ihrem eigentlich Job versagen, die ihnen per Gesetz zustehende Grundsicherung auszuzahlen.

Und irgendwie können einem die armen Jobcenterknechte auch schon wieder leid tun – sie sind oft auch nur Aushilfskräfte mit befristeten Verträgen, die, schlecht geschult und chronisch überlastet, gar nicht anders können, als den Druck, den man ihnen macht, an ihre Kunden weiter zu geben bzw. Arbeit liegen zu lassen, die einfach nicht zu schaffen ist. Viele Arbeitsvermittler, die nach offiziellen Vorgaben eigentlich 150 „Kunden“ pro Monat betreuen sollen, müssen sich tatsächlich um über 500 Kunden kümmern – kein Wunder, dass sich ihre Kunden erniedrigt und wie ein Stück Vieh in der Massentierhaltung behandelt fühlen – unter solchen Umständen ist nur Massenabfertigung möglich und dabei passieren natürlich auch Fehler. Fehler, die für die Betroffenen existenzielle Auswirkungen haben, etwa wenn die Miete nicht gezahlt werden kann. Oder halt nichts zu Essen auf den Tisch kommt, wenn die Schlange an der Tafel zu lang war.

Inzwischen ist es wieder möglich, in einem reichen Land wie Deutschland zu verhungern – denn für Containern kann man schon mal zu absurden Strafen verknackt werden. Aber wer jemanden kennt, der auf Hartz IV angewiesen ist, braucht gar keine putzigen Geschichten über Spaziergänge mit Lamas. Das ist nämlich noch eine der angenehmeren Beschäftigungen, zu denen man verdonnert werden kann. Ich kenne da viel interessantere Geschichten von (entsprechend qualifizierten) Arbeitslosen, die im Rahmen von Trainings- oder Qualifizierungsmaßnahmen beispielsweise die Lohnbuchhaltung von Tarnfirmen machen mussten, in die gewiefte Geschäftsleute ihr Business als gemeinnützige Vereine oder Stiftungen deklariert auslagern. Das ist nebenbei bemerkt eine anspruchsvolle Tätigkeit, die zweifelsohne spannender ist als die Teilnahme an Nonsense-Seminare bei professionellen ABM-Betrügern – aber ist das etwa besser?!

Ob man die Leute mit sinnlosen Seminaren foltert oder sie zu durchaus sinnvollen Tätigkeiten in der Grauzone der Wirtschaftskriminalität zwingt – Fakt ist und bleibt, dass die Betroffenen nichts davon haben, obwohl sie wertvolle Lebenszeit damit verschwenden müssen. Und um das zu erfahren, hat man nun wirklich keinen Wallraff gebraucht. Vielleicht waren seine Quoten deshalb so schlecht, obwohl das Medienecho ja enorm ist.

Aber Medienecho hin und her: Was will Günter Undercover Wallraff mit seiner Kritik an den Verhältnissen in den Jobcentern eigentlich erreichen? Dass unsere liebe Regierung da mal was macht.

Hallo Günter – gehts noch?!

Das ist doch genau die Regierung, die genau diese Verhältnisse in unseren Jobcentern und überhaupt im Lande herbei geführt hat. Das ist kein Versehen, sondern ist Absicht! Unsere Regierung will den Griechen nämlich mal zeigen, was eine schwarze Null ist. Und natürlich fallen Späne, wo gehobelt wird. Wenn man ernsthaft sparen will, muss man schon mal bereit sein, ein paar Millionen über die Klinge springen zu lassen. Gut, wir haben ein paar Millionen Menschen mehr als die Griechen, da fällt das so schnell nicht auf – aber natürlich weiß unsere Regierung, dass die Jobcenter total unterfinanziert sind und je mehr Druck die haben, an jeder und jedem Kunden zu sparen, desto weniger geben die am Ende aus! Total genialer Plan!

Merke: Unsere Regierung ist absolut die falsche Adresse für Kritik an diesem System. Denn die stellt die Verhältnisse ja her, in denen wir leben müssen. Und wer glaubt, dass andere demokratisch gewählten Regierungen anders funktionieren würden, der richte seinen Blick nach Griechenland. Egal, welche Regierung wir am Ende wählen, es wird nicht viel anderes dabei heraus kommen. Man muss die Sache sehr viel grundsätzlicher angehen – aber darüber wird es niemals eine RTL-Reportage geben.

Und Günter – für weitere Undercover-Einsätze kann ich dir eine Serie empfehlen: Pod Prikitie. Diese Serie des Bulgarischen Fernsehens bildet zwar auch nicht die Realität ab, ist aber wenigstens unterhaltsam. So geht Undercover.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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3 Antworten zu Team Wallraff kriegt Zustände im Jobcenter

  1. Auf Wallraffs alte reportagen aus den 60er bis 80er jahren greife ich immer mal wieder zurück. Er hat viele wichtige dinge dokumentiert, die hinweise auf das angeblich »gute leben« in der Bonner Republik geben.

    Mit »Pod Prikitie« kann er es natürlich nicht aufnehmen, obwohl er sein leben lang »allein gegen die mafia« gearbeitet hat. Aber als er im damals faschistischen Griechenland gefoltert und zu 14 monaten haft verurteilt wurde und die Bundesregierung nichts für ihn tat, hätte er eigentlich mal peilen können, was das für ein laden ist. Und wer den menschen die sauereien, über die er ständig berichtet, eigentlich einbrockt.

    Das MfS soll ihn als »politisch unzuverlässig« eingeschätzt haben, vielleicht hatten die genossen da etwas richtiges herausgefunden, denn über die ursachen der mißstände scheint er nie nachgedacht zu haben.

  2. Hat denn jemand das Job- Angebot der Handlanger der Ausbeuter, genannt „Jobcenter“, sich beguckt? Absolute Resterampe von Leihausbeutern, lukrative Angebote werden den Pennern auf Sperrzeitenjagd doch nicht gemeldet, weil die aber auch jeden der noch nicht totgequasselt wurde, zur sinn reien Massen- Bewerbung auffordern. Die braucht kein Personalbüro.

  3. wilfried Waltrapp,Geranienweg 1, 85586 Poing schreibt:

    Hartz 4 Irrsinn in Bayerns Jobcentern, da werden im Lkr.Ebersberg z.B. 120 Euro pro Jahr für Bewerbungen bezahlt, im Lkr.Freising (niedrigste AL-Quote seit Jahren) gibt es 250 Euro, und in München gibt es ganze 300 Euro. Aber für alle Jobcenter gilt das selbe SGB. Im Lkr.Ebersberg stellt man einen Antrag(per Einschreiben) dann Verschwindet dieser Antrag im Jobcenter. Auf meinen Antrag erhielt ich e r s t nach 1 5 Monaten einen Bescheid ! ! ! .

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