Blick zurück im Zorn

Immerhin: Weihnachten wieder überlebt – meine Weihnachtsdepression wird jedes Jahr schlimmer. Aber in diesem Jahr ist das auch kein Wunder. Nicht, dass die Jahre davor viel besser gewesen wären – aber 2014 ist ja nun wirklich alles schlechter geworden: Wieder keine Gehaltserhöhung, aber dafür sonst alles teurer, immer neue Kriege, immer neue Krisen, Fußball-WM, Ebola, die rasant fortschreitende Selbstverdummung der Massen, beschleunigt durch den lauwarmen Sumpf angeblich sozialer Medien, in den jeder, aber auch wirklich jeder nochmal reinrotzen darf – als ob es noch einer von bösen Mächten irgendwie gesteuerten Presse bedürfe, um dem Bürger seine Lieblingsvorurteile nahezubringen!

Wobei es natürlich eine der Zeit angemessen bittere Pointe ist, dass sich die Lügenpresse ausgerechnet mit einer gefakten Aussage über die Lügenpresse als solche selbst überführt hat – aber der rührende Dilettantismus aller Beteiligten, der in dieser Panne offenbar geworden ist zeigt, dass in den Medien eben auch nur Menschen wie du und ich zugange sind, die gern ihren Job behalten wollen und dann eben produzieren, was von ihnen verlangt wird. Da steckt kein großer Plan dahinter, sondern schlicht der Kampf um Auflage und Quote, der mit immer weniger Leuten, die immer weniger verdienen, geführt werden muss. Es gibt keine Qualitätsmedien mehr – das segensreiche Wirken des allgegenwärtigen Kapitalismus sorgt zuverlässig dafür, dass was kein Geld bringt, entsprechend ausstirbt.

Ärgerlicherweise betrifft das auch das Privatleben: Hausarbeit, Kinderaufzucht und die Pflege von Alten und Kranken will ja auch keine mehr umsonst machen – hier ist der Staat, der sich ja nach eigenem Bekenntnis lieber aus dem Privatleben seiner Insassen zurückhalten möchte, plötzlich total überfordert: Jetzt soll er organisieren, was Frauen seit Jahrtausenden ganz selbstverständlich und zuverlässig erledigt haben. Da hat mal wieder irgendwer nicht mitgedacht: Erst werden die Frauen dazu gezwungen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, und dann wird gejammert, dass sie das lieber tun, als ihren natürlichen Lebenszweck zu erfüllen: Nämlich zuhause zu bleiben und Kinder zu kriegen. Aber die Rechten werden das richten – es geht zwar nicht an, dass der Moslem dem Wendeverlierer den Billiglohn-Arbeitsplatz wegnimmt, aber es ist auch nicht alles falsch, was im Koran, äh, in der Bibel steht. Oder im Facebook.

Ach Leute, das Abendland ist doch längst untergegangen! Das ist schon an den ganzen zweifelhaften Jubiläen abzulesen, die 2014 begangen wurden: 100 Jahre erster Weltkrieg. 25 Jahre Fall der Mauer. 75 Jahre Endlösung (1939 wurde die erste Gaskammer für die Vernichtung lebensunwerten Lebens in industriellem Maßstab in Betrieb genommen), und wo wir gerade dabei sind: 75 Jahre zweiter Weltkrieg.

Und so wie es in der Welt derzeit aussieht, lohnt es sich nicht mehr, sich vor dem Ausbruch eines dritten Weltkriegs zu fürchten – der ist längst im Gange. Insofern bin ich sehr pessimistisch, was die Aussichten für das kommende Jahr angeht – klar wünsche ich mir, dass es friedlicher und besser würde als das vergangene. Aber ich sehe keinerlei Anzeichen dafür.

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Über modesty

Akademisch gebildetes Prekariat. Zeittypische Karriere: anspruchsvolle Ausbildung, langwieriger Berufseinstieg, derzeit anstrengender, aber schlecht bezahlter Job mit unsicherer Perspektive. Vielseitige Interessen, Literatur, Film, Medien, Wissenschaft, Politik, Geschichte, Gesellschaft, Zeitgeschehen. Hält diese Welt keineswegs für die beste aller möglichen, hofft aber, dass sie besser werden kann. Möchte gern im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen.
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Eine Antwort zu Blick zurück im Zorn

  1. Clara Himmelhoch schreibt:

    Irgendwer hat mal gesagt: Es wird ein mittleres Jahr – schlechter als 2014, aber besser als 2016!

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